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Unstimmigkeiten im englischen Kabinett.

Asqniths Reise nach Paris.

In England werden Ministerreden, die außerhalb des Parlaments gehalten werden, mit Ausnahme weni­ger bei bestimmten Anlässen, wie der alljährlichen Guilö- Hallrede des Ministerpräsidenten, nicht als amtliche Kundgebungen angesehen. Man läßt den Minrstern die Freiheit, bet Gastmählern oder in Versammlungen be­sondere vom amtlichen Schema abweichende Ansichten zu äußern. Deshalb darf, wenn ein englischer Minister ein­mal mit Ansichten hervortritt, die nicht in den Rahmen der amtlichen Politik zu passen scheinen, nicht sogleich von einer Entgleisung gesprochen oder auf tiefgehende Meinungsverschiedenheiten im Kabinett geschlossen werden.

Immerhin ist der Fall, der gegenwärtig die öffent­liche Meinung in England beschäftigt, ungewöhnlich, sonst wäre auch nicht derjenige, der ihn hervorgerufen hat, der Finanzminister Loyd George, schleunigst von einer Reise nach Algier in die Heimat zurückgerufen worden. Loyd George hatte sich närnltch kurz vor ferner Abreise öffentlich scharf gegen weitere Flottenrüstungen ausgesprochen. Das sah ganz wie eine geflissentliche Kundgebung gegen den für die Marineangelegenheiten zuständigen Ministerkollegen Winston Churchill aus, der kurz vorher ganz andere Töne über das gleiche Thema geredet hatte. Loyd George ist der Liebling aller demokratischen Elemente in England, Churchill dagegen das einzige Mitglied des liberalen Kabinetts, das sich der besonderen Gunst der konservativen Opposition er­freut. Und zwar nicht bloß wegen seines Eifers für die Rüstungen zur See, sondern auch wegen seiner Sym­pathien für die Ulsterleute» die gegen die von der iri­schen Partei erzwungene Einführung von Homerule für Irland rebellieren. Während Versuche des Premier­ministers Asquith, in der irischen Frage eine Verständi­gung mit der Opposition zu erzielen, gescheitert sind, bemüht sich die konservative Partei ganz offen, den Ge­gensatz zwischen Lloyd George und Churchill zu ver­größern und letzteren auf ihre Seite herüberzuziehen.

Eine Spaltung im Kabinett bleibt jedoch unwahr­scheinlich. Der ruhig ausgleichenden Methode des Mi­nisterpräsidenten Asquith wird es gelingen, einen Streit zwischen den beiden temperamentvollsten Mitgliedern eines Kabinetts, von denen der eine für kostspielige oziale Reformen, der andere für neue Rüstungslasten chwärmt, zu hemmen. Zunächst wird er eine Reise nach Frankreich machen, angeblich, um den schlechten Ein­druck, den Lloyd Georges Absage an neue Beschleuni­gung des Flottenbaus in Paris gemacht hat, zu ver­wischen. Man weiß, wie strenge die Franzosen darauf halten, daß der russische Verbündete das ihm zu leihende französische Geld möglichst zu militärischer Verstärkung feiner Westgrenze verwende, und richtig ist auch, daß sie in ihrer hypnotischen Befangenheit gegen Deutschland durch Ansichten, wie sie derKleinengländer" Lloyd George geäußert hat, verdrießlich gestimmt werden. England ist aber in der glücklichen Lage, nicht auf den Pariser Geldmarkt angewiesen zu sein, und der englische Stolz hat es auch, wie ein Reutersches Dementi zeigt, nicht erträglich gefunden, daß Herrn Asquith nachgesagt wurde, nach Paris zu fahren, um wegen der Rede eines Ministerkollegen über innere englische Angelegenheiten die Franzosen bei guter Laune erhalten.

$te6ftimmen zum Leuler-Prozetz.

Das Urteil im Prozeß Reuter wurde in Berlin gleich nach Bekanntwerden eifrig besprochen. Vielfach kamen persönliche Sympathien für Oberst von Reuter zum Ausdruck. Mehrfach fah man freudig bewegte Gruppen von Offizieren, in denen die Extrablätter von einer Hand in die andere wanderten. Aus den Ministe­rien und Retchsämtern kamen Boten, die Extrablätter holten, um sie den Beamten zu überbringen. Selten ist ein so großes Interesse für ein Urteil zu beobachten ge­wesen, wie in diesem Fall. Die Preßstimmen lauten be- griflicherweise zum Teil entgegengesetzt. Auf der Rech­ten zustimmend, während die Linke die lebhaftesten Be­denken äußert.

So sagt u. a. dieKreuzzeitung": Man wird das Ur­teil als ebenso erfreulich wie gerecht begrüßen. Es ist geeignet, die Beunruhigung, die durch das Urteil gegen den Leutnant von Forstner in weiten nationalen Kreisen entstanden war, zu dämpfen.

Aehnlich meint auch diePost": Nach dem Urteil des Straßburger Kriegsgerichts gehen die beiden ange­klagten Offiziere rein und in jeder Weise gerechtfertigt aus einer an sich sehr schwierigen und gewiß nicht alltäg­lichen Lage hervor. Moralisch verurteilt aber ist die Ziv'lverwaltung von Zabern.

DieTägliche Rundschau" hält es für geboten, nun die Gründe des völligen Versagens der Zivilverwaltung zu untersuchen. DieBerliner Neuesten Nachrichten" be-

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Die Dame im Soleier*

Spionage-Roman von Matthias Blank.

12) (Nachdruck verboten.)

Da von Marberg darüber eine andere Ansicht ver­teidigte, erklärte er schließlich:Du sollst eine Autorität auf diesem Gebiete hören. Du mußt am Donnerstag­abend mit mir in den Klub, dort soll dann Doktor Brei­tenfeld seine Meinung aussprechen. Einverstanden?"

Schon wollte Robert Haßfeld zustimmen: da kam es ihm in den Sinn, daß er für den Donnerstagabend gar nicht mehr verfügen durfte. Etwas zögernd war dann seine Antwort erfolgt:Am Donnerstag? Da da bin ich leider verhindert."

Verhindert? Warum, wieso?"

Ich habe bereits eine Einladung angenommen."

Wirklich? Hast Du denn in Berlin Bekannte?" Nur diese eine!"

Und wo ist das?"

Bei dieser Frage hatte auch Berta von Marberg auf­gehorcht.In der Rauchstraße bei der Baronin von Theden ist am Donnerstag Empfangsabend."

Dieser Name übte eine verschiedenartige Wirkung aus. von Marberg wurde in seinen Worten gleich leb­hafter und feine Augen nahmen einen leuchtenden Glanz an:Ah, eine wirklich elegante Dame, vornehme Er­scheinung, dabei interessant. Wir kennen sie auch. Fast könnte man sagen: Wer kennt sie nicht? Natürlich hat sie immer einen Schwärm von Verehrern, unter denen keiner behaupten kann, er allein wäre der Bevorzugte. Ein Weib, das man bewundern muß, schön, sogar ver­führerisch, wenn es auch stets die Mutter betont. Die Baronin hat nämlich eine Tochter, die ja neben der Mutter verschwinden muß."

Fast atemlos hatte von Marberg gesprochen, sodaß es nicht schwer zu erraten war, daß er selbst auch zu

nannten, es s« nun oer unwtoerlegltcye Beweis erbracht, daß die westliche Grenzmark sich in latentem Aufruhr, zum mindesten in bewußter Auflehnung gegen den Reichsgedanken befinde und zwar nicht zuletzt durch die Schuld der kaiserlichen Behörden. .

In ähnlichen Wendungen, leicht sich auch dre Deutsche Tageszeitung" über die Verwaltung von El- äß-Lothringen aus. §te will dem Straßburger Frei- pruch sogar eine prinzipielle und allgemeine Bedeutung ür unser'gesamtes öffentliches Leben beilegen.

Von den Blättern der Linken sagt dieVoss. Ztg. . Mit dem Urteil kann der ganzeSpektakel von Zabern nicht abgetan fein. Es bleibt bestehen, daß die Maitar- behörde einen Vorfall, der durch eine stille Versetzung des mit fünf Tagen Stubenarrest bestraften Leutnants von Forstner jeder ernsten Bedeutung entkleidet werden konnte, zu einer aufregenden Aktion anwachsen ließ, die von den schwersten Folgen für die L-timmung in Ecsaß- Lothringen gewesen ist. Es wird unumgänglich sein, für die Zukunft den nötigenKontakt" zwischen Zivil- und Militärbehörden herzustellen.

DasBert. Tagebl." schreibt: Ueberall da, wo man dem Deutschen Reiche nicht wohl will, darf heute mit Fug und Recht Freude und Genugtuung herrschen, der Scherbenhaufen in Elsaß-Lothringen wachst und wachst, sodaß man heute schon im Zweifel sem kann, ob noch viel zu zerschlagen übrig bleibt. Daß das Militär, ver­treten durch den Leutnant von Forstner, die Zustände in Zabern erst gezüchtet hatte, unter, denen es spater litt, das wurde dem dafür verantwortlichen Regiments­kommandeur nicht angerechnet. Wenn das alles Rech­tens ist im Deutschen Reiche, wer ist dann vor einem Kolbenstoß oder einer Kugel noch sicher, wenn er nicht selbst durch des Königs Rock geschützt wird?

DerVorwärts" schreibt: Die Freisprechungen vom 10. Januar werden wie eine Schlachtfanfare in die Stick­luft unserer Tage hineinschmettert. Dieser. Tag wird der Sozialdemokratie, der einzigen Vertreterin der Volks- rechte, Hunderttausende neuer Kämpfer werben. Diese blaue Woche von Straßburg ist die prächtigste Vorarbeit für unsere Woche.

Politische Rundschau.

Der Kronprinz besucht die afrikanischen Kolonien. Wie verlautet, dürfte der Kronprinz seine Absicht, unsere afrikanischen Kolonien zu besuchen, in diesem Jahre ausführen. Er wird nach Deutsch-Ostafrika und Deutsch- Südwestafrika reisen. Die Zustimmung der maßgeben­den Stellen zu dieser Absicht darf mit Sicherheit erwartet werden.

General Liman v. Sanders vom Kommando des ersten türkischen Armeekorps enthoben. Nach einer halb­amtlichen Erklärung beabsichtigt Kriegsminister Enver Pascha in der Erwägung, daß das Kommando des ersten Armeekorps einen großen Teil der Tätigkeit des Gene­rals Liman in Anspruch nehmen würde, zum Schaden seiner hohen Mission als Generalinspekteur, von der der Kriegsminister die glücklichsten Ergebnisse für die schnelle Neuorganisation des Heeres erwartet, mit dem Kommando des ersten Armeekorps einen türkischen Ge­neral zu betrauen, der dabei von einem deutschen Stabs­offizier unterstützt werden soll.

Kriegszustand in Britisch-Südafrika. Die Regie­rung der südafrikanischen Union veröffentlicht einen Mobilisierungsbefehl, durch den die Zahl der unter die Waffen gerufenen Bürger auf 60 000 steigt. Nach den letzten Meldungen drohen die Arbeiterführer mit dem Generalstreik. Man befürchtet, daß es zu Unruhen kommen wird. Es soll der. Kriegszustand über das Un­ruhegebiet verhängt werden. Man vermutet, daß es sich mehr um eine Revolution, als um einen Streik handelt. Parallel mit dem Eisenbahnerstreik geht eine Revolte der Schwarzen in Jagerfontain. 900 Eingeborene brachen in die Stadt ein. Es kam zu einem scharfen Ge­fecht, bei dem 7 Neger getötet und 36 verwundet wurden. Die Weißen sollen ein Dutzend Verwundete gehabt haben.

Die Türkei zur Juselfrage. Wie verlautet, hat die Pforte an ihre Vertreter im Ausland ein Zirkular ge­richtet, in dem sie an ihre Vorbehalte erinnert, als sie das Schicksal der Inseln den Großmächten anvertraute, und hervorhebt, daß die Zuweisung von Chios und Mytilens an Griechenland die Ruhe auf dem anatoli- fchen Kontinent beeinflutzen sowie den Handel in Smyrna schädigen könne. Die Pforte lehne die Ver­antwortung für die Folgen ab, falls die Mächte Ent­scheidungen treffen würden, die den Interessen der Türkei zuwidertiefen.

Kleine fiadirichfen.

Ein Tanzerlatz der Münchener Polizei. Die Polizei­direktion in München kündigt an, datz sie gegen anstötzige Tanze jeder Art scharf vorgehen werde, so auch gegen den

denen gehörte, die unter den Verehrern der Baronin von Theden waren.

Berta von Marberg hatte das kurze Schweigen be­nutzt, um sich mit einer halblauten Frage an Haßfeld zu wenden, während sie ihn so fest anblickte, als müßte sie aus seinen Augen selbst den verstecktesten Gedanken herauslesen:Du kennst die Baronesse Mia?"

Flüchtig! Durch einen Zufall hatte ich sie kennen gelernt."

Dabei war Haßfeld über sich selbst erstaunt, daß er diese Antwort so ruhig geben konnte, und daß er dies in einer Art tat, als müßte er etwas darüber verschwei­gen, als dürfte er ein Geheimnis nicht verraten.

Die schwarzen Vrapen über den großen starrenden Augen von Berta von Marberg schoben sich dicht zu­sammen, sodaß sie von einer Querfalte durchschnitten wurden. Die Stimme sollte scherzend klingen, aber sie tönte rauh und etwas erzwungen:Gilt der Besuch der Baronin oder der Baronesse?"

Der Höflichkeit allein! Ich hatte der Baronin das Versprechen gegeben, zu kommen."

So hatte er sich zum zweiten Male verstellt, ohne daß er sich eine Rechenschaft darüber hätte geben können. Warum hatte er die Wahrheit nicht gleich gesagt? Wenn er sofort das Geständnis gemacht hättte, daß er Mia von Theden liebte und daß er nur ihretwillen hingehen werde? Hatte er etwas zu fürchten? Vor seiner Kusine?

Er war über sein Verhalten selbst ärgerlich: und er behielt die Rolle, die er schon übernommen hatte.

Ich weiß ja fast nichts über die Baronin. Eine Zufallsbekanntschaft ist es für mich. Sie scheint reich zu sein."

von Marberg antwortete auf diese Frage:Natür­lich! Diese kleine Villa in der Rauchstratze kostet allein eine Jahresmiete von achttausend Mark. Und jede Woche Gesellschaft! Und wo etwas los ist, da wird auch die

Tango. Dieser fiepe aus derselben Stufe wie die loge« nannten Apachentänze und sei nach dem Urteil der Sach- verständigen ehereine Art sinnlichen Reizmittels", denn ein Tanz.

Eine Brauerei bei Hamburg niedergebrannt. Am Sonnabend nachmittag entstand in der Tivoli-Brauerei in Eidelstädt vermutlich infolge einer Explosion ein Feuer, das in ganz kurzer Zeit gewaltig um sich griff und fast die gesamte Brauerei zerstörte. Das Feuer hat große Malzvorräte vernichtet. Der Schaden wird auf eine halbe Million Mark geschätzt, ist aber durch Ver- ^©ecfcntfnftnrä ;« einem Berliner Theater. In dem dem Berliner Walhallatheater angegliederten Vergnü­gungstunnel stürzte Sonntag abend die ganze Decke mit großem Getöse zu Boden. Glücklicherweise wurde nie« mand verletzt, da sich alle Anwesenden rechtzeitig in Si­cherheit bringen konnten.

An seinem Spielzeug erstickte in Elberfeld der sieben­jährige Sohn eines Malers. Der Weihnachtsmann hatte ihm ein Würfelspiel gebracht, er nahm einen der kleinen Würfel in den Mund und dieser geriet ihm in die Luft­röhre. Ehe Hilfe zur Stelle war, war der Junge schon erstickt.

Eine Anfmnnternng für französische Aviatiker. Prä­sident Poincars hat, um die französischen Flieger zu er­mutigen, einen großen Preis gestiftet, der den Namen Preis des Präsidenten der Republik" trägt. Um diesen Preis sollen sich nur solche Flieger bewerben dürfen, die bisher noch keinen anderen Preis errungen haben.

Bergwerksunglück in einer amerikanischen Mine. In der Rock Castle-Kohlenmine in der Nähe von Bir­mingham in Alaska wurden bei einer Explosion 5 Weiße und 7 Schwarze getötet. Im Augenblick der Explosion befanden sich über 200 Kohlenarbeiter in dem Berg, werksschacht, jedoch konnten sie sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Der Lebensroman eines Leserleurs.

Postgehilfe, Fremdenlegionär und Seemann.

Wie ein Roman klingt die Lebensgeschichte des früheren Postgehilfen Ludwig Schmidt, der sich am Sonn­abend vor dem Schwurgericht des Berliner Landgerichts wegen versuchten Betruges und Urkundenfälschung zu verantworten hatte. Der 30jährige Angeklagte hat ein abenteuerliches Leben hinter sich. Im Jahre 1907 kam er als Postgehilfe nach Frankfurt a. M., wo er in die Gesellschaft von Leuten geriet, die die Rennplätze be­suchten und viel Geld ausgaben. Bald entgleiste er und unterschlug der Postkasse 3000 Mark, wofür er zu acht Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Nach Ver- büßung der Strafe ging er nach Nancy und ließ sich für die Fremdenlegion anwerben.

Er wurde zunächst nach Marseille, von dort nach Oran gebracht. Die Behandlung, die ihm dort zuteil wurde, schreckte ihn so ab, daß er Tag und Nacht dem Gedanken der Flucht nachging. Als das Schiff mit den Fremdenlegtonären durch den Suez-Kanal fuhr, begegnete ihm das deutsche SchiffMoltke" von der Hamburg-Amerika-Linie: da sprang der Angeklagte kurz entschlossen über Bord und hielt sich so lange über Wasser, bis er von den Mannschaften desMoltke" auf­gefischt werden konnte. In Genua ans Land gesetzt, wandte er sich der Heimat zu, um seiner Militärpflicht zu genügen. Er wurde in Mainz eingekleidet, hielt es aber nicht lange aus, sondern desertierte nach einigen Monaten und ging wieder nach Marseille. Dort er­hielt ei eine, Stellung als Stewardsgehilfe auf dem SchiffHohenzollern".

Bet der Fahrt nach Alexandrien strandete das ^*?f p* wurde aber mit der übrigen Mannschaft durch ein italienisches Schiff gerettet. Er blieb acht Tage in t^uuuui uhu oeaao sicy dann wieder nach Genua. Da er kein Geld besaß und keine Arbeit fand, geriet er in solche Verzweiflung, daß er eines Nachts in den Hafen sprang. Die Hafenpolizei zog ihn heraus und brächte ihn nach der ersten deutschen Grenzstation. Er wurde hier wegen Fahnenflucht zu sechs Monaten zehn Zagen Gefängnis und Versetzung in die zweite Klasse des Sol- datenstandes verurteilt. Es dauerte nicht lange, da de­sertierte er zum zweiten Male und ging nach der Schweiz. Er ging dann wieder nach Genua, wo er Seeöienste nahm und zwei Fahrten nach Rio de Ja- netro mitmachte. Später ging er nach Liverpool und nach Neuyork. Schlielich trieb es ihn wieder in die Heimat. In Hamburg verstand er es, einem heirats­lustigen Mädchen, dem er sich alsPostsekretär Junker" vorstellte, 100 Mark abzuschwindeln. Mit dem Gelde ging er nach Berlin und hier versuchte er ebenfalls auf dem Wege des Heiratsschwindels Gelder einzu- heimsen.

Der Angeklagte war geständig. Das Gericht ver­urteilte ihn nach dem Schuldigspruch der Geschworenen zu vier Monaten Gefängnis.

Baronin von Theden sein. Natürlich war sie auch schon hier. Sie fehlte doch nicht bei unserer letzten Einla­dung?" Damit hatte er sich an Berta von Marberg ge­wandt.

Nein! Sie war mit ihrer Tochter erschienen."

Ich wußte es ja! Na, die Baronesse! Sie ist ja ganz hübsch! Aber nur die Baronin verdient alle Auf­merksamkeit. Fast könnte sie eine Französin sein."

Hier erhielt er eine Unterbrechung durch seine Tochter.

Ich dachte, Du wärest ein Patriot, wie er sein soll, der von gallischem Wesen nichts wissen will?"

Mulier taceat in ecelesia. Davon sollen Weiber nccht sprechen. Es gibt Ausnahmen, und Französinnen sind als solche zu erklären."

Sie ist doch Witwe," kalkulierte Robert Haßfeld.

Ja! Es weiß allerdings niemand, wie lange Zeit ihr Gatte bereits tot ist, und was dieser gewesen war. Jedenfalls muß er ihr sehr viel Geld hinterlassen haben."

Warum heiratet sie denn nicht wieder?"

Warum? So klug wie Du jetzt haben schon viele gefragt. Aber weshalb sollte sie heiraten? So wird sie von allen verehrt und bewundert, was in anderem Falle nur das Privilegium eines einzelnen würde."

Verzeih mir die Frage, Onkel! Würdest Du dieser einzelne nicht sein wollen?"

Naseweis! So etwas fragt man nicht. Du kannst Dir ja vorerst diese Scherze mit mir noch erlauben: ich bin gefeit. Ich habe auch eine Tochter, und da über­legt man sich solche Unvorsichtigkeiten etwas besser, wenn ich auch zugestehe, daß na ja, das geht niemanden etwas an. Aber warte nur. Du wirst auch noch zap­peln und im Fangnetze der schönen Baronin stecken. Dann lache ich!"

Unterdessen war das Mädchen erschienen, das den Frühstückstisch abräumte.

(Fortsetzung folgt.)