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Die „lern sinnet Bei“.

Allerlei Möglichkeiten im Osmanenreich.

Darf man so sagen oder nicht? Stärkt man durch solche Bezeichnungen nicht etwa nur dav ohnedies schon ziemlich stark entwickelte Selbstgefühl der Herren Jung- türken, mit dem unsere deutschen Offiziere in Konstanti­nopel ohnedies einen schweren Stand haben werden? Derlei Fragen sind sicherlich berechtigt,.aber für die ®nt- Wicklung der Dinge in Konstantinopel selbst wird nicht eben viel darauf ankommen, ob sie so oder so beantwonet werden. Der neue Kriegsminister und Generalstabschef des türkischen Heeres selbst hat in gutgewählten Worten dargelegt, daß eine Politik militärischer Reformen, wie er sie anstrebt, und eine kriegerische Politik sich gegen­seitig ausschlüssen. Aber er ist sicherlich jetzt schon Poli­tiker genug, um zu wissen, daß die Sprache unter Um­ständen auch zum Verbergen der Gedanken dienen kann. In Rußland traut man seinen friedlichen Worten jeden­falls nicht. Reisende, die soeben erst aus Rußland zurück­gekehrt sind, versichern, daß man dort in der Emennung Enver Beys zum Kriegsminister eine bedenkliche, wenn nicht direkt bedrohliche Wendung der schon durch die deut­sche Militärmission unbehaglich gewordenen Lage erblicke und die Möglichkeit eines großes Orientkrieges sehr ernsthaft erörtere. Und wenn man auch nstt uns der An­sicht ist, daß auch diese Sprache immer noch keinen Bruch mit der bisherigen Friedenspolitik Rußlands bedeute, so ist sie doch sicherlich wert, zur Kenntnis genommen zu werden.

Daß die neue Stellung Enver Beys, sagen wir also die Aera Enver Bey, an der deutschen Politik nichts an­dern kann, versteht sich ja von selbst. Der Mann, der feinem Vaterlande Adrianopel erhalten hat und damit die Möglichkeit einer Machtstellung in Europa, ist ge­wiß in seiner Art ein Deutschlandfreund, aber doch nur in seiner Art, das heißt sofern er von der ihm ver­trauten deutschen Schule auf den verschiedensten Gebieten die relativ wertvollsten Früchte für die Wiedergeburt fei­nes Vaterlandes erhofft. Außerdem ist er eine Persön­lichkeit, die sich auch in Berlin viele Sympathien zu er­ringen wußte, obwohl ihm, wie man weiß, der Kaiser sei- nen Handstreich gegen die Pforte vorn 23. Januar 1913 und seinen Anteil an der Ermordung des Kriegsmini­sters Nazim Pascha wohl noch nicht verziehen und obwohl er sicherlich auch vom Kronprinzen nicht das Beifallstele­gramm erhalten hat, das der Direktor des Pariser „Fi­garo" dieser Tage als fette Ente in die Welt hat flattern lassen. Solange er in Berlin weilte, und noch während des afrikanischen Krieges haben seine Freunde auch im­mer versichert, daß er keinen politischen Ehrgeiz habe, son­dern nichts sei, als ein tapferer Soldat und ein glühender Patriot. So wurde es auch erklärt, daß er, der kaiserliche Schwiegersohn, der seine Blicke wohl bis zum Kalifen­throne selbst erheben könnte, bisher immer verschmäht habe, auch nur in die erste politische Reihe zu treten.

Ob darin nun ein Wandel eingetreten ist, ob der ohne Zweifel gewaltige Erfolg von Adrianopel ihn viel­leicht doch bestimmt hat, die Zügel des Reichs allmählich selbst in die Hand zu nehmen, ob er jetzt Neigung hat, eine Art Napoleon zu werden, das muß alles dahingestellt bleiben. Aber das eine ist sonnenklar, daß es nichts Ver­fehlteres oder Bedenklicheres geben würde, als in Enver Bey einen direkten Träger und Vertreter deutscher In­teressen sehen zu wollen. Ist es ihm ernst mit seiner friedlichen Politik, die ja natürlich nicht ausschlietzen würde, daß man den neuerworbenen Dreadnought „Os- man" bei der Lösung der Jnselfrage zu verwenden suchte, so könnte eine wirklich erstarkte Türkei in der europäi­schen Politik natürlich ein für Deutschland ebenso wich­tiger wie wertvoller und willkommener Faktor werden. Aber was sich ebenfalls ganz von selbst versteht, ist, daß Enver Bey nie und nimmer der wirkliche Freund einer Macht sein könnte, die sich in irgend einer Weise als Er­bin des Osmanenreiches ansehen würde.

Die Wohnungsresom in Diensten.

Dem Abgeordnetenhause ist der Entwurf eines Wohnungsgesetzes zugegangen. Der Entwurf, der von den Kommunalverwaltungen vielfach bekämpft worden ist, ist seinem Inhalte nach seit dem Sommer 1913 be­kannt. Er enthält Vorschriften über Baugelände, Bau­polizei. Benutzung der Gebäude und Wohnungsaufsicht. Der Begründung des Entwurfs sei folgendes ent­nommen:

In den größeren Städten und in den industriell be­sonders entwickelten Landesteilen bestehen noch immer ernste Mttzstände, die nicht vorübergehender Natur sind und durch ein Landesgesetz teilweise behoben werden kön- nen. Die Beschaffenheit mancher Wohnräume, die Ueber- füllung von Wohnungen tragen weder den Rücksichten der Gesundheit und der Sittlichkeit, noch dem Erforder­nisse der Aufrechterhaltung des Familienlebens in aus­reichender Weise Rechnung. Die Mißstände lassen sich im wesentlichen daranf zurückführen, daß in denjenigen Gemeinden, in welchen die Bevölkerung fortgesetzt

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funden Boden- und Hauserspekulation unverhältnismätziger Höhe getrieben

hinter dem ------ infolge einer unge die Mietpreise zu

Die auf Kleinwohnungen angewiesenen Bevölke­rungskreise sind daher genötigt, bet der Befriedigung des Wohnungsbedürfnisses auf das denkbar beicheldenste Maß hinabzugehen, neben gesundheitlich bedenklichen Wohnungen besonders häufig ungenügende Teilwohnun­gen zu beziehen und aus Mietsersparmsgründen fremde Personen als Abmieter oder Schlasganger bei sich auf- zunehmen. Der Mangel einer ausreichenden Zahl ge­sunder und preiswerter kleiner Wohnungen erschwert zu­gleich das im gesundheitlichen Interesse vielfach dringend gebotene Einschreiten gegen die aus früheren Zeiten überkommenen Wohnungen und gegen die zunehmende Unterbringung von Menschen in Räumen, die zu dauern­dem Aufenthalt nicht bestimmt sind.

Es darf nicht verkannt werden, daß es zur Beseiti­gung von Wohnungsmißständen sogenannte große Mit­tel nicht gibt. Das Ziel wird vielmehr nur durch Em- Anuf den verschiedenen in Frage kommenden in der öffentlichen Verwaltung und durch eine vereinte planmäßige Anwendung aller zum Ziel füh­renden einzelnen Mittel erreicht werden können. Für ein solches umfassenderes Vorgehen sollen durch den Ent­wurf zunächst die erforderlichen gesetzlichen Unterlagen geschaffen werden. Es muß dahin gearbeitet werden, die Herstellung kleiner, in jeder Beziehung einwandfreier Wohnungen zu fördern und auf die Bauunternehmer mehr einzuwirken, mehr Häuser mit kleinen Wohnungen als bisher zu bauen.

Im Zusammenhang damit steht die Bekämpfung der ungesunden Bodenspekulation, die teilweise das Bauen von Häusern mit kleinen Wohnungen zu billigen Prei­sen unmöglich macht. Die Mittel, um einer ungesunden Bodenspekulation entgegenzuwirken, liegen, abgesehen von einer zweckmäßigen Bodenpolitik der Gemeinde, ei­ner angemessenen gesetzlichen Regelung des Schätzungs­wesens für den Grundbesitz und von Maßnahmen der Besteuerung, wesentlich auf dem Gebiete des Bebauungs­plans und der Fluchtlinienfestsetzung sowie auf dem Gebiete der Bauordnung. Als ein besonders wirksames Mittel, um die private Bauunternehmung zur vermehr­ten Herstellung guter Kleinwohnungen zu veranlassen, erscheint ein planmäßiges Einschreiten gegen die vor­handenen schlechten und überfüllten Wohnungen.

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Stimmungsbild in Zabern.

Zum Beweise dafür, daß die letzten Zaberner Vor­gänge ihren tieferen Grund zum Teil in der deutsch- feinlichen Gesinnung eines Teiles der dortigen Bevölke­rung haben, mögen die nachfolgenden Müteilungen dienen. Sie stammen von einer Leserin der „Tgl. Rdsch.", die vor einer Reihe von Jahren den Mut hatte, sich in Zabern mit einem deutschen Offizier zu verloben. Die Dame, die einer altelfässischen Familie entstammt, berichtet:

„Als ich mit meinem Bräutigam zum ersten Male ausging, wurden von elsässischen Bekannten die Fenster aufgerissen und höhnisch und laut gelacht. In einem 8 Tage nach meiner Verlobung von der Regiments­kapelle gegebenen Gartenkonzert im Tivoli, wohin mich meine Mutter begleitete und wo wir mit meinem Bräutigam am Osfiziertisch saßen, hatten sich die elsäs-

sischen

milien ausnahmsweise an einen großen Neben-

tisch gesetzt. So zahlreich waren die Elsässer noch nie er­schienen. Katholiken und Protestanten, die sonst ja nur wenig miteinander verkehrten, hatten sich zusammenge­tan. Die Beteiligten fiele« durch lautes Wesen und Lachen auf und warfen zum Schluß beim Feuerwerk eine Anzahl Knallerbsen auf den Hut meiner Mutter, bis ein Offizier aufstand und die Elsässer (meistens Damen) scharf ansah. Unter den elsässischen Anwesenden befan­den sich die angeheirateten Verwandten einer Schwe­ster meiner Mutter. Sie gingen ostentativ dicht an uns vorbei, ohne zu grüßen. Diese Verwandten sowie alle unsere elsässischen Bekannten schickten keine Blumen zu meiner Verlobung, wie dies im Elsaß sonst immer Sitte ist. Verschiedene Damen kamen nur, um meiner Mutter und Tante Vorwürfe zu machen, daß sie in meine Ver­lobung eingewilligt hatten: „warum nur mit einem Schwob". Eine unter ihnen weinte laut über das Ge­schehene, was in ihren Augen als ein „Unglück" galt.

Die Beschwerden über die Post in Zabern.

Die „Köln. Ztg." meldet aus Berlin: Es bestätigt sich, daß wegen der vom Obersten v. Reuter erwähnten angeblichen Unregelmäßigkeiten in bezug auf die Brief­bestellung in Zabern eine Untersuchung bei der Ober­postdirektion Straßburg schwebt, über deren Ergebnis an hiesiger amtlicher Stelle noch nichts vorliegt. — Von privater Seite wird erklärt, daß die Beschwerden be­rechtigt und Vorkommnisse wie in Zabern bisher bei der deutschen Reichspost unerhört seien.

Politische Rundschau.

Kronprinz und Reichskanzler. In den Berliner po­litischen Kreisen wird der Besuch, den der deutsche Kron­prinz am Mittwoch dem Reichskanzler abstattete, als eine Loyalitätskundgebung des Kronprinzen aufgefaßt, der dadurch auch nach außen bin habe zum Ausdruck brin­gen wollen, daß die Auffassung, sein Telegrannn an den Oberst von Reuter sei der Ausfluß seiner allgemeinen Mißstimmung über die Entwicklung der politischen Ver. Hältnisse in Elsaß-Lothringen, durchaus unberechtigt ist.

Eine Reichstagsersatzwahl. Bei der durch den Tod des ReichstagSabgeordneten Klose (Zentrum) im Wahl­kreise Oppeln 9 notwendig gewordenen Reichstagsersatz­wahl erhielt Pfarrer Nathan-Branitz (Zentrum) 7591, Landrat Dr. Jßmer-Leobschütz (kons.) 180 Stimmen. Somit ist Nathan gewählt. Der Wahlkreis ist fester

^^Dw^ Aufbesserung der preußischen Beamte«. Fol­gende Beamtenstellen werden durch die preußische Be­soldungsreform, die dem Landtage zugegangen ist, auf­gebessert werden: Polizeidiener, Bahnwärter und Nacht­wächter bei der Eisenbahn, Brunnenwärter, Brückenauf­seher bei der Bauverwaltung, Aufseher bei den Gefäng­nissen, Schaffner, Bremser, Heizer, Wiesenaufseher und Wiesenwärter, Kanal- und Schleusenwärter, Amtsdiener, Schuldiener und -Dienerinnen, Eisenbahngehilfen und -Gehilfinnen- Weichensteller, Rottenführer, Wagenwär­ter, Schleusenmeister, Oberaufseher und Hausmeister bei den Gefängnissen. Weiter wird dann eine Aufbesserung der Beamtengruppen einiger Assistentenklassen angeorö- net. Die preußische Assistentenklasse bezieht ein Gehalt von 1650 bis 3300 Mark, während die Neichsassisremen, soweit sie aufgebessert sind, jetzt 1800 bis 3600 Mark beziehen.

Die Stratzburger Regierung. Nach Meldungen, die uns aus Straßburg zugehen, betrachtet man es in dor­tigen politischen Kreisen nun doch nicht für ausgeschlossen, daß der Prozeß gegen den Oberst von Reuter eine ein­schneidende Nachwirkung auf die Besetzung der höheren Stellen in der elsatz-lothringischen Regierung ausüben wird. Was über die dabei in Betracht kommenden Per- svnenfragen im Einzelnen verlautet, muß vorläufig aller­dings als Kombination bezeichnet werden.

König Karol von Rumänien schwer erkrankt. Einer Meldung aus Bukarest zufolge, ist König Karol von Rumänien plötzlich schwer erkrankt. Die Leibärzte des Königs haben sich veranlaßt gesehen, zwei weitere Pro­fessoren hinzuzuziehen und das Aerztekonsilium bat nach einem Freitag morgen veröffentlichten Bulletin eine hochgradige Lungenentzündung konstatiert.

Der Prinz von Wales anf der Brantschau. In Lon­doner unterrichteten Kreisen glaubt man, daß die Ent­sendung des Prinzen von Wales als Vertreter des Kö« nigs von England zu den Krönungsfestlichkeiten in Athen einen anderen als den offiziell angegebenen Grund hat. Man glaubt, daß der jetzt zwanzigjährige Prinz Gelegenheit erhalten soll, eine persönliche Wahl zwischen der ältesten Tochter des Königs von Griechen­land, der achtzehnjährigen Prinzessin Helene, und der Großfürstin Tatjana, der siebzehnjährigen Zarentochter, die gleichfalls den Festlichkeiten in Athen beiwohnen soll, zu treffen.

Ausbau des preußische« Eisenbahnnetzes. Das neue Eisenbahnanleihegesetz, das im preußischen Eisenbahn­ministerrum zurzeit bearbeitet wird, wird 350 Millionen Mark anfordern für die Herstellung weiterer Gleise und für die Beschaffung von Fahrzeugen behufs Vergröße­rung des Fuhrparks der bestehenden Staatsbahnen. Au- ßerdem werden eine Reihe neuer Nebenbahnen unter den üblichen Voraussetzungen gefordert.

Die "wunderbare Entschlossenheit" Deutschlands. Die Milliarde der Wehrsteuer, die das deutsche Volk mit- so ruhiger Selbstverständlichkeit auf sich genommen hat, erregt in Frankreich die Bewunderung der radikalen Kreue. „Welche Beispiele," so ruft Clemenceau aus, '/werden uns von Deutschland gegeben! Wenn sich das deutsche Volk so gutwillig einer Maßnahme unterwirft, die bei uns so viele Leute als unannehmbar ansehen,

<M Ä^urdaher, daß es mit wunderbarer Ent- schlossenheit die Mittel ergreift, um zu dem vorgefetzten Ziele der Hegemonie zu gelangen."

dänische« Sozialistenführer Stauning war durch Verfügung des Regierungspräsidenten von Schles­wig untersagt worden, in einer auf Freitag abend ange­setzten soziakdemokratischen Versammlung in Flensburg einen Vortrag über preußisches und dänisches Wahlrecht zu halten. Sein Vortrag war schriftlich niedergelegt worden und wurde in der Versammlung verlesen. Dann sprach der sozialdemokratische Redakteur Adler-Kiel. Als dieser geendet hatte, erschien plötzlich Stauning, der bis dahin unterhalb der Bühne verborgen worden war, un­ter großem Beifall der Versammelten auf der BÜHne. Er wurde aber von mehreren Kriminalbeamten unter Vorweisung des Ausweisungsbeschlusses aus dem Saale entfernt und mußte noch in der Nacht Flensburg ver-

Die Dame im Schleier.

Spionage-Roman von Matthias Blank.

m (Nachdruck verboten.)

der Dunkelheit träumte sie davon, wie er ihr Luftschlösser geschildert hatte, in denen sie immer die Königin sein mußte. Ob er selbst noch daran dachte?

Sie schüttelte langsam den Kopf und in der Bitter- keit darüber klang ihre leise Stimme schneidend scharf: „Nein! Der Mann vergißt in der Arbeit solche Tor­heiten. Nur wir Frauen wollen sie nie vergessen!"

sie sich vor solchem Weiterträumen, war sie heftig vom Fenster weggegangen und hatte Licht zemacht. Langsam schritt sie an den zierlichen Damen- ^^Eibtisch mtt gedrechselten Säulen und verzierten Messingbeschlagen, auf dem verschiedene Photographien

Eine davon nahm sie weg. Diese war etwas ver- blaßt und zeigte die schmächtige Gestalt eines Studenten mit kleinem Bartchen. Lange sah sie das Gesicht an. so war er gewesen, da er ihr gehört hatte, da er zu ihr von törichten Hoffnungen gesprochen hatte. Und sie hatte geglaubt, daß er so einmal wiederkommen würde.

L>ie hatte immer gewartet. Aber der nun gekom­men war, war ein ganz anderer geworden. Und Berta von Marberg fühlte, daß nichts mehr an ihm ihr ge­hörte.

s « «eV“^^^ Lippen schaute sie auf das Bild. Sie liebte ihn immer noch!

Als sie im Bette lag, vergrub sie ihr Gesicht in den Kiffen.

Fünftes Kapitel.

Robert Haßfeld blätterte in einem Buche, aber seine Gedanken schienen nicht bei den Worten zu sein, die er las, denn er hatte wiederholt auf feine Uhr gesehen.

Es war immer noch nicht acht,- er wollte aber nicht als erster unten beim Frühstück erscheinen. Die Zeit schlich bei diesem Warten schier endlos hin. Er war aufgestanden und ging einige Male auf und nieder,- dabei blieb er da und dort stehen, um die Bilder an den Wänden anzusehen.

Und er dachte an den ersten Tag in Berlin. Dieser erste Tag war in seinen Gedanken aber ganz von jener Begegnung im Speisewagen erfüllt. Nun wußte er, wo er sie wiederfinden würde. Und sie selbst hatte ihn eingeladen. Am Donnerstag!

Mit dieser Hoffnung versank fast der eigentliche Zweck seiner Anwesenheit in Berlin. Mia von Theden! Er hatte den Namen noch nie gehört,- da sie mit ihrer Mutter in einer Villa in der Rauchstraße wohnte, wo sie an jedem Donnerstag Gesellschaft empfingen, so mußten sie sehr vermögend sein. Ob auch noch der Vater lebte?

Mia von Theden! Durfte er hoffen? Konnte er ihr so viel bieten, daß er die erwachten Hoffnungen weiterpflegen durfte? Sie trug einen Adelsnamen, war anscheinend sehr reich, schön, und er selbst konnte dafür nichts bieten. Einen bürgerlichen Namen ohne Klang! Nur seine Liebe!

So sehr war Robert Hatzfeld mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er den Glockenschlag der Uhr überhört hatte und bei einem prüfenden Blick plötzlich bemerkte, datz eine Viertelstunde über acht verstrichen war.

Im Frühstückszimmer traf er auch schon seinen Onkel und Berta von Marberg an.

Das Frühstück war verlockend bereit gerichtet: Schinkenbrötchen, Honig, Butter,- der Mokka danmpfte.

Nach einigen Höflichkeiten setzte er sich an den Tisch. Berta von Marberg bediente ihn. Sie sah ihn dabei lächelnd an: »Warst Du mit der ersten Nacht zu­frieden?"

„Sehr! Ich habe vorzüglich geschlafen."

„Und wovon hast Du geträumt?"

„Das habe ich wirklich vergessen."

^Woran hattest Du den ganzen Morgen gedacht?"

Mit einem scherzenden Tone hatte ihn seine Kusine befragt, sodatz er es desto ärgerlicher empfand, als er selbst die heiße Röte fühlte, die in seinen Wangen auf- stieg. Er wollte in dem gleichen scherzenden Tone da- rüber wegkommen: „An furchtbar egoistische Mittel, an meine Arbeit!"

w H^e ich nicht gestern schon behauptet, die Arbeit sei für die Männer immer ein Vorwand, wenn sie entschlüpfen wollen? Nun wieder! Du bist ja ver­legen geworden, an der Arbeit, die Dich diesen Morgen so sehr beschäftigte."

„Verlegen? Wirklich nicht!"

„Du bist ganz rot!"

„Das — das kommt von dem heißen Mokka."

Und Robert Hatzfeld erzählte, daß er bei jedem heißen Trunke ein rotes Gesicht bekäme,- so lebhaft be­hauptete er dies, daß Berta von Marberg lachend ent- gegnete: „Ja, ja! Ich glaube Dir schon! Ich könnte allerdings ein wenig boshaft sein und erklären, daß diese laute Verteidigung an den Dieb erinnert, der sich ver- folgt weiß und deshalb am lärmendsten schreit: Haltet den Dieb!"

Robert Hatzfeld war froh, als er von seinem Onkel abgelöst wurde, der dem leichten Wortgeplänkel dadurch ein Ende machte, daß er aus seiner Morgenzeitung, die er stets beim Frühstück zu lesen pflegte, irgendeine Notiz bekannt gab, die ihm besonders interessant zu sein schien.

Und über diese Sache wurden die Meinungen aus­gesprochen, wobei sich Hatzfeld lebhafter daran Beteiligte, als es sonst seine Art war.

(Fortsetzung folgt.)