Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^^^, für den Kreis Hersfeld
Weiler Kreisblütt
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Vuchdruckerei Hersfeld. Für die RedaMon verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage” Zernsprech-slnschlutz Nr. 8
Nr. 7. Freitag, den 9. Januar 1914.
Bus der Heimat.
Apfelsinen.
Die saftige, goldrote Apfelsine ist gegenwärtig, nachdem auch der Apfel infolge seines hohen Preises mehr und mehr von der Tafel verschwindet, fast die Alleinherrscherin Unter den Früchten. Obgleich ein Kind der Fremde, hat sie sich bei uns rasch eingebürgert. Dank ihres billigen Preises finden wir sie heute nicht nur in den Fruchtschalen der Begüterten, sondern auch inderTascheües Unbemittelten, so daß also die überaus große Einfuhr dieser köstlichen Südfrucht allen Gesellschaftsklassen zugute kommt. Die Apfelsine stammt aus dem Reiche der Mitte und wurde von den Portugiesen unter dem Namen Sino-(China-) Apfel nach Südeuropa gebracht, wo die Italiener jene Frucht nach ihren Importeuren portogalli nannten und sie in großer Menge anpflanzten und kultivierten. Von Italien aus verbreitete sich dann die Apfelsine über Portugal, Spanien und Südfrankreich, und bald bildete ihr Anbau einen besonderen, sich sehr gut rentierenden Handelszweig. Die besten Apfelsinen sind unstreitig die von Messina und Malta. Die ersteren haben hellgelbes Fleisch, die letzteren rötliches. Abgesehen davon, daß die Apfelsine von sehr feinem erfrischenden Geschmack und daher eine überaus schätzbare Frucht ist, soll sie auch günstige medizinische Eigenschaften besitzen und namentlich ein vortreffliches Mittel gegen Skorbut bilden. Wir essen die Apfelsine meist roh, verwenden ihr Fleisch jedoch auch zu Kompott und ihren Saft zu Limonaden. Die Schalen finden gleichfalls ihre Verwendung in der Küche, indem man sie trocknet und später als Zusatz zu Süßspeisen benutzt. Auch einen Likör bereitet man daraus, der namentlich in Frankreich sehr beliebt ist. Wenig bekannt dürfte sein, daß man die Schalen auch .zu einer sehr wohlschmeckenden und dabei billigen Limonade verwenden kann. Die Schalen werden von der weißen Jnnenhaut befreit und dann in Essig gelegt, wo sie etwa eine Woche lang ausziehen. Dann wird dieser Essig ohne die Schalen auf Flaschen gefüllt und gut verkorkt. Ein Eßlöffel davon mit einem Glas Wasser und Zucker vermischt, gibt ein sehr angenehmes und erfrischendes Getränk.
* (Vorübergehende Kälte?) Gestern zeigte die Wetterkarte nach dem Tauwetter der letzten Tage wieder ein Ansteigen des Luftdruckes im Westen, sodaß für unser Gebiet eine Drehung des Windes zu erwarten ist. Damit ist die Voraussetzung für ein Sinken der Temperatur gegeben und die Wetterdienststelle gab auch bereits gestern nachmittag an ihre Abonnenten die Prognose, daß leichter Frost zu erwarten sei. Ueberhaupt zeigt die gestrige Wetterkarte große Aehnlichkeit mit der Luftdruckverteilung und der Wetterlage Ende Dezember, die uns die große Schneefülle gebracht hat. Verschiedene Gegenden Mitteleuropas haben auch bereits Schneefälle gemeldet. Heute erstreckt sich nun ein breiter Hochdruckrücken von Westen her über Skandinavien. Unsere Gegend steht unter dem Einfluß des Hochdruckes und leichtes Frostwetter dürfte die Folge sein. Allerdings ist über Island eine neue Depression im Entstehen, die an die Stelle des Hochdruckes über Skandinavien vorrücken wird. Es ist daher sehr zweifelhaft, ob sich die kältere Temperatur länger halten kann. Vorerst besteht keine Veranlassung, eine durchgreifende Veränderung der Wetterlage zu erwarten. Vereinzelte Schneefälle werden eintreten.
^l Hersfeld, 8. Januar. Beim hiesigen Amtsgericht fand heute die erste diesjährige Schöffen- 6 " ch t ssitzung statt. Zur Verhandlung standen ^Strafsachen und eine Privatklagesache. Ein hiesiger ^^efohner wurde wegen Hausfriedensbruchs, Sachbeschädigung und Beleidigung zu einer Gefängnisstrafe öonS Tagen verurteilt. — Neun hiesige Schuhwaren- Handler bezw. Schuhmachermeister hatten infolge gegen ne ergangener Strafverfügungen wegen Anbringung eines Reklame,chrldes ohne vorherige Einholung der baupolizeilichen Genehmigung gerichtliche Entscheidung beantragt, das Gericht bestätigte indessen die Richtigkeit der Strafverfügungen und verurteilte sie dementsprechend je zu einer Geldstrafe von 3 Mk. — Ein Zimmermann aus Oberhaun wurde wegen Körperverletzung zu einer Gefängnisstrafe von 4 Wochen verurteilt. — Die vierte Strafsache, die sich gegen einen Tagelöhner aus Asbach und gegen einen hiesigen Arbeiter wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Beleidigung richtete, konnte nicht verhandelt werden, da der eine der beiden Ange- Nagten nicht erschienen war, die Sache wurde deshalb "."tagt. — Schöffen waren die Herren Bürgermeister )I^^ud aus Mecklar und Bauunternehmer Julius Ehrhardt aus Hersfelö.
Fulda, 6. Januar. Aus der Etatsrede, die der Oberbürgermeister in der Stadtverordnetenversammlung hielt, ergibt sich, daß die Stadt auch dieses Mal noch ohne Steuererhöhung den Etat im Gleichgewicht halten kann, allerdings nur bei äußerster Sparsamkeit. Der Etat beläuft sich auf 2,3 Millionen Mark. Einem Schuldenstand von rund 10 Millionen Mark steht ein städtisches Vermögen von rund 16 Millionen Mark gegenüber.
Rotenburg, 7. Januar. Eigenartige Zustände herrschten zwischen der Einwohnerschaft in Weiterode und der dortigen Fortbildungsschule. Die Lehrer der dortigen Fortbildungsschule, die sich die größte Mühe mit ihren Zöglingen gaben, wurden von einigen Fortbildungsschülern unter heimlicher Unterstützung der Eltern fortgesetzt gehänselt. Namentlich dem Hauptlehrer wurde übel mitgespielt. Einmal flog ein Paket toter Spatzen durch das Fenster in das Zimmer, während draußen dieJungen höhnisch Beifall klatschten. Nachdem man dem Lehrer in der ungehörigsten Weise mitgespielt hatte, trieb schließlich der Maurerlehrling Gleim, 16^/2 Jahre alt, die Sache soweit, daß er den Lehrer auf offener Straße beleidigte. Der Hauptlehrer stellte Strafantrag und das Schöffengericht in Rotenburg verurteilte Gleim zu 50 Mark Geldstrafe. Die Strafkammer in Cassel verwarf heute die Berufung des Verurteilten und betonte, daß nur die bisherige Unbescholtenheit ihn vor einer höheren Strafe geschützt hätte. Seit der Verurteilung des Gleim sind auch die übrigen Fortbildungsschüler vernünftig geworden.
Homberg, 7. Januar. Der Reichstagsabgeordnete Hestermann, Vertreter des Wahlkreises Fritzlar-Hom- berg, ist, wie es heißt, aus dem Bauernbund ausgetreten.
Schlitz, 7. Januar. Die Bauarbeiten an der Fortführung der Nebenbahn Schlitz-Niederaula bis zur Einmündung in die Neubaustrecke Alsfeld-Nieder- aula sind nahezu vollendet, so daß, sobald es die Schneeverhältnisse gestatten, mit dem Oberbau und Verlegung des Gleises begonnen wird. Das Großherzogliche Ministerium der Finanzen, Abteilung für Eisenbahnwesen, hat die landespolizeiliche Erlaubnis zum Arbeitszugbetrieb bereits erteilt. DerGeländeerwerbs- ausschuß hat eben die schwierige Aufgabe, mit den Grundstücksbesitzern über die Höhe des Preises für das Bahngelände zu verhandeln, während dies bei den Baulichkeiten, die dem Bahnkörper weichen mußten, bereits erledigt ist.
Caffel, 7. Januar. In Sachen des Mordes an dem Förster Knoche fand heute an dem Tatort bei Kleinalmerode ein Augenscheinstermin statt, zu dem auch der Mörder des Försters geführt wurde. Fuhrmann gestand ein, daß er den Förster Knoche auf sechs bis acht Meter Entfernung erschossen habe. Der Förster sei plötzlich aus dem Gebüsch herausgetreten, und da habe er geglaubt, daß er auf ihn schießen werde. Er sei dadurch so verwirrt worden, daß er sein Gewehr genommen und auf den Förster angelegt habe. Schon nach dem ersten Schuß sei dieser zu- fammengebrochen. Fuhrmann wurde darauf von dem Staatsanwalt nach Einzelheiten gefragt und dann abgeführt. Er ist nunmehr in das Göttinger Gerichtsgefängnis eingeliefert worden.
Aus Thüringen, 7. Januar. Auf den Thüringer Gebirgsbahnen wurde in den nächsten Tagen wieder größere Bremsversuche mit der Kunzeschen Bremse für Güterzüge vom internationalen Bremsausschuß vorgenommen. An den Versuchsfahrten nehmen zirka 80 höhere Eisenbahnbeamte.aller europäischen Eisenbahnverwaltungen teil.
Jena, 6. Januar. Auf der Strecke der Weimar- Geraer Bahn erfolgten in der vergangenen Nacht bei der Station Papiermühle bedeutende Felsabstürze. Ein Gleis ist verschüttet worden. Die Aufräumungsarbeiten sind noch im Gange. Die Felsmassen müssen durch Sprengungen fortgeschafft werden. Die verschüttete Stelle liegt in unmittelbarer Nähe von Jena nach Weimar zu, so daß der Verkehr zwischen Gera und Weimar unterbrochen ist, da der Verkehr nur eingleisig ist.
Erfurt, 6. Januar. Der im rüstigen Mannesalter stehende Gastwirt Kraft im Gasthaus zur „Schobermühle" brach, als die Feuerwehr bei ihm vorbeikam und er erfuhr, daß in einem ihm gehörenden Hause an der Notizstraße Feuer ausgebrochen sei, vor Schreck plötzlich zusammen und verstarb auf der Stelle. Es handelte sich um einen gänzlich unbedeutenden Stuben- brand, der beim Eintreffen der Feuerwehr bereits gelöscht war.
Eiubeck, 6. Januar. Der siebzigjährige Futterknecht Huschebeck aus Edemissen fiel in der Finsternis auf dem Wege zu seiner Arbeitsstätte in einen Straßengraben, hat dort anscheinend vor Schreck
Krämpfe, an denen er häufig litt, bekommen und sich nicht aus dem Wasser zu retten vermocht. Passanten fanden später seine Leiche.
Mainz, 6. Januar. Aus Germersheim in der Pfalz wird gemeldet: Mitten in einer Abschiedsfeier, die er seinen Kameraden beim Weggang vom Militär veranstaltete, schoß sich derEinjährig-FreiwilligeFischer vom hiesigen 17. Jnf.-Regt. eine Kugel in die Schläfe. Als die Kugel nicht tödlich wirkte, suchte er noch einen Schuß auf sich abzugeben, seine Kameraden entrissen ihm jedoch noch rechtzeitig den Revolver. Unglücklicher Weise hat sich der junge Mann die Sehnerven durchschossen und er ist erblindet. Er soll die Tat aus Verdruß begangen haben, daß er wegen Untaug- lichkeit wieder vom Militär entlassen wurde.
Hebungen bes Beurlaubtenstandes in Deutschland und Frankreich.
Die Forderung im deutschen Heereshaushalt für 1914 für eine nicht unbedeutend erhöhte Zahl von Mannschaften des Beurlaubtenstandes, die zu Uebungen herangezogen werden sollen, ist die Frucht der Erkenntnis, daß die Zahl der alljährlich liebenden bisher eine so geringe war, daß nur ein verhältnismäßig kleiner Prozentsatz der überhaupt vorhandenen Leute dazu kam, die während der aktiven Dienstzeit erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten durch eine Uebung wieder aufzufrischen. So war z. B. im Heereshaushalte des Jahres 1912 nur die Löhnung für 400 000 übende Mannschaften angefordert worden; für 1913 erhöhte sich diese Zahl auf 430 000 Mann und der Ergänzungsetat für dasselbe Jahr sah eine 14= tägige Uebung von weiteren 20 000 Mann vor. So hatte sich denn gegen das Vorjahr die Zahl wenigstens um 50 000 Mann erhöht. Wie schon mttgeteilt, hat nun der Heereshaushalt für 1914 eine weitere Erhöhung gebracht,- eS sollen 13 600 Unteroffiziere und 122 400 Mann auf je 14 Tage mehr als bisher eingezogen werden, Zahlen, die dem Laien im Verhältnis zu den bisher genannten unverhältnismäßig groß erscheinen mögen, die aber sofort auf ihren wahren Wert zurückgeführt werden, wenn man weiß, daß Frankreich in den letzten Jahren stets 800 000 bis 850 000 Mann des Beurlaubten- und inaktiven Standes zu Uebungen herangezogen hatte. Hält man unsere Zahl von 400 000 aus dem Jahre 1912 und die Zahl von rund 600 000 im nächsten Jahre dagegen, so sieht man, daß Frankreich in dieser Beziehung viel mehr tut, als wir, ja daß es tatsächlich in dem Zeitraum von 10 Jahren (1903—1912) mindestens dreimal so viel Mannschaften zu Uebungen eingezogen hat, als Deutschland.
Die Art, wie die Uebungen abgeleistet werden, ist in beiden Ländern so ziemlich dieselbe. Die Reservisten leisten bei uns ihre Uebungen, fast grundsätzlich während des Manövers bei den aktiven Regimentern ab, da die Reservepflicht bekanntlich zur Dienstpflicht im stehenden Heere gehört. Die Landwehrlente dagegen werden in besonderen Formationen - Regimentern und Bataillonen - vereinigt, die möglichst nach der Mobilmachungs-Rangliste aufgestellt werden. Jeder Landwehrmann soll während seiner Landwehrpflicht möglichst zivei Uebungen von je 14 Tagen Dauer ableisten. Auch die Franzosen legen großen Wert darauf, daß ihre Mannschaften grundsätzlich in den Formationen, zu welchem sie im Mobilmachungs- falle bestimmt sind, üben. Dort gestalten sich die Uebungen des Beurlaubtenstandes folgendermaßen: im 24. bis 25. Lebensjahre wird eine 23tägtge Reserve- übung beim aktiven Regiment während des Manövers abgeleistet, vom 28. bis 30. Lebensjahre eine 17tägige Reserveübung und vom 34. bis 35. Lebensjahre eine neuntägige Landwehrübung; die beiden letzteren bet besonders aufgestellten Formationen und auf einem Truppenübungsplatz, und stets möglichst unter denselben Offizieren und Unteroffizieren, die die Mannschaften im Kriege führen sollen. Die Bestimmungen, daß die Reserve- und Landwehrregimenter bei den beiden letzten Uebungen auf den Truppenübungsplätzen zusammengezogen werden sollen, steht nur auf dem Papier und kann nicht ausgeführt werden. Frankreich besitzt so wenige und zum Teil unzureichende Plätze, daß alljährlich nur die Hälfte der aktiven Armee einen solchen Platz beziehen kann, und da nach den bestehenden Bestimmungen die aktive Armee vorgeht, kann man sich ausmalen, was da für die Formationen übrig bleibt. Bei uns üben diese besonderen Formationen dagegen grundsätzlich auf den Truppenübungsplätzen und dies wird dadurch möglich gemacht, daß die Uebungen in der Zeit nach dem Manöver gelegt werden, in der die Plätze von den aktiven Truppen gar nicht oder nur sehr wenig in Anspruch genommen sind.