Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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für den Kreis Hersfeld
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Fernsprech-slnschlutz Nr. 8
Nr. 5.
Mittwoch, den 7. Januar
1914.
Bus der Heimat
* (Der Weihnachtsbaum den Vögeln.) Den „ausgedienten" Weihnachtsbaum soll man in den Dienst der Wohltätigkeit stellen. Wie viele unserer kleinen Vögel irren im kalten, schneereichen Winter obdachlos umher und suchen mit vieler Mühe ihr kärgliches Futter. Diesen kleinen Tierchen wird der Weihnachtsbaum, in zweckmäßiger Weise hergerichtet, ein willkommener Zufluchtsort sein. Es kostet uns nur wenig Mühe, aus leeren Zigarrenkistchen oder starken Pappkartons kleine Vogelhäuschen herzustellen: ein kleines Loch in eine der Seitenflächen geschnitten, vielleicht ein kurzes Stäbchen darunter in die Wand gesteckt und das Innere des Häuschens mit Woll- abfällen, Watte oder dergleichen ein wenig ausgepolstert. Mit leichter Mühe lassen sich eins oder mehrere dieser Häuschen an den Weihnachtsbaum anbringen, der dann an einem passenden Ort, auf dem Balkon, oder sonst wo im Freien aufgestellt wird; in der Nähe halte man etwas Futter, Brosamen oder dergleichen bereit und sorge auch dafür, daß in einem Gefäß (am besten eignen sich hierzu irdene) stets Wasser auf unsere Sänger wartet. Um das Wasser vor zu schnellem Gefrieren zu schützen, umwickle man das Gefäß mit wollenen Tüchern oder mit einigen Lagen Papier. Man wird bald sehen, daß die Vögel gern hier Unterschlupf suchen.
M * (Ueberwachung und Prüfung der E i s e n bahn t un n e l.) Die jüngsten Betriebsunfälle in Eisenbahntunneln haben dem preußischen Eisenbahnminister Anlaß zur Verschärfung der Bestimmungen über die Ueberwachung und Prüfung solcher Tunnel gegeben. Danach hat fortan außer der monatlichen Prüfung der Tunnel durch die Bahnmeister eine jährliche Prüfung durch die Eisenbahn-Amtsvorstände zu erfolgen. An dieser Prüfung hat sich daK zuständige bautechnische Mitglied der Eisenbahndirektion in der Regel alle 2 Jahre zu beteiligen. Auch soll eine Prüfung nach einem Zeitabschnitte andauernden Regens stattfinden.
):( Hersfeld, 6. Januar. Im Monat Dezember v. Js. wurden durch das hiesige Lanöratsamt 29 Iahres - und 5 Tagesjagdscheine ausgestellt.
1 ):( Hersfeld, 6. Januar. Der heutigen Nummer liegt der Wandkalender für das Jahr 1914 bei.
§ Hersfeld, 6. Jan. Eine anonyme Brief- s ch r e i b e r i n die wegen Geistesschwäche entmündigte Ehefrau Anna Martha St. aus Kirchheim (Kr. Hersfeld) war am 16. Januar v. Js. vom Schöffengericht zu Niederaula wegen Beleidigung zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Seit vier Jahren wurden die Bewohner, besonders Brautpaare, von Kirchheim mit anonymen Briefen belästigt, die in unverständlicher Ausdrucksweise schwere Ehrenkränkungen enthielten. Die Adressaten wurden darin u. a. schwerer sittlicher Verfehlungen bezichtigt. Teilweise waren diese Briefe auf Papierresten, Tabakstüten u. dergl. geschrieben und wurden auf den Höfen, in Scheunen und Fenstern der mit solchen Briefen Bedachten gefunden. Einige Male waren sie auch mit der Post gesandt worden. Als Briefschreiberin kam me Angeklagte in Betracht, die sich durch gelegentliches Fragen nach dem Erhalt solcher Briefe stark verdächtigt gemacht hatte. Bei Schriftvergleichen, die ein Sachverständiger vornehmen mußte, stellte sich dann heraus, daß niemand anders, als die Angeklagte als Täterin in Frage kommen könne. Es wurde Anklage erhoben, gleichzeitig aber auch das Entmün- .A^sverfahren gegen die Angeklagte eingeleitet
.ourchgeführt, da wegen der unerklärlichen Aus- den Briefen Zweifel an ihrem Geistes- auftauchten. Die Angeklagte wurde, wie öu zwei Wochen Gefängnis ver- dieses Urteil legte der Ehemann der Angeklagten als gesetzlich bestellter Vormund Be-
^^ Begründung, daß seine Frau für die Straftaten wegen ihrer Geistesschwäche nicht ver- antrm»rtlich gemacht werden könne. Das Gericht gab derBerufung auf Grund des § 51 Folge, zumal ein Sachverständiger Herr Kreisarzt Medizinalrat Dr. Evers (Hersfeld) die Angeklagte als eine „chronisch verrückte Person" bezeichnet hatte. Aus diesem Grunde mußte Freisprechung erfolgen,- die Kosten wurden der Staatskasse auferlegt.
§ Hersfeld, 6. Januar. Die Handwerker- rechnungen werden in den Tagen nach Neujahr der Kundschaft präsentiert. Es ist eine schlechte Ge- wohnheit, wenn diese dann, weniger aus Geldmangel, w^^^n^^^^mlichkeit, die Bezahlung der oft nur Ba«?^ Pfennige betragenden Rechnung auf die lange Ein^r^?^' Denn aus Hunderten solcher kleinen werk^i-,trage setzt sich die Gesamteinnahme der Handeln vip?"sammen. Viele wenig machen eben auch
^ — und von den einkommenden Summen
soll der Handwerker seine Lieferanten bezahlen, seine sonstigen Ausgaben bestreiten und dergl. Mit welcher Besorgnis in solchen Fällen auf das Eintreffen jedes einzelnen Postens gewartet wird, kann nur derjenige beurteilen, der sich bereits in gleicher Lage befunden hat. Alle unsere Leser seien deshalb im Interesse der stets hilfsbereiten und zu jeder Zeit zu Dienstleistungen paraten Handwerker herzlichst gebeten, die übersandten Rechnungen sofort zu bezahlen, und nicht von dem falschen Standpunkte auszugehen, daß es mit der Begleichung der Rechnung noch Zeit habe, weil es sich ja doch nur um wenige Pfennige handelt.
-e- Heenes, 5. Januar. Eine Ueberraschung wurde dem ehemaligen Bürgermeister und Schreinermeister, jetzigen Auszüger Herrn Conrad Stückradt hierselbstamWeihnachtsheiligenabendzuteil. Derselbe erhielt vom Kurhessischen Infanterie-Regiment Nr. 88 zu Cassel die zur Hundertjahrfeier des Regiments gestiftete Erinnerungs-Medaille zugesandt. Möge es dem alten Veteranen vergönnt sein, dieses Erinnerungszeichen noch recht oft bei Festlichkeiten anlegen zu können.
Schorbach, Krs. Ziegenhain, 3. Januar. Der 32 Jahre alte Maurer Hasenpflug von hier ist auf dem Heimwege von einer Fußtour unweit unseres Ortes auf einer Wiese ermüdet zusammengebrochen. Gestern früh wurde er im Schnee liegend mit erfrorenen Händen und Füßen aufgefunden und in seine Wohnung gefahren. Sein Zustand ist bedenklich.
Jtzenhain, Krs. Ziegenhain, 3. Januar. Während der Neujahrsfeier kam es in einem hiesigen Wirtshause zwischen jungen Leuten wegen des Ewig-Weiblichen zu einer Rauferei, bei der fünf der Teilnehmer durch Messerstiche und Stockschläge verletzt wurden.
Eschwege, 5. Januar. Der verschwundene städtische Kassenbeamte Hofmeister ist entgegen gestern in der Stadt umlaufenden Gerüchten noch nicht festgenommen worden. Er hat am Sonnabend an den Stadtverordneten Herrn Krieger von Bebra aus einen Brief gerichtet, in dem er sein Vergehen zu entschuldigen sucht und mitteilt, daß er bei Eingang des Briefes nicht mehr unter den Lebenden weile. Einzelheiten aus dem Inhalt des Briefes waren nicht zu erlangen. Auch an einen städtischen Beamten soll Hofmeister einen Brief gerichtet haben, in dem er diesen bittet, sich seiner Familie anzunehmen. Auch in diesem Briefe soll er davon gesprochen haben, daß er Selbstmord begehen werde. Wie man sich weiter erzählt, soll der Verschwundene auch an seine Frau einen Brief gesandt haben, der beschlagnahmt worden sein soll.
Suhl, 5. Januar. Beim Schneeschuhlaufen ereignete sich hier ein schwerer Unfall. Am Kunigunden- Hügel wurde ein hiesiger junger Mann von einem anderen Läufer von hinten so heftig angefahren, daß er im Rücken schwer verletzt wurde. Der Bedauernswerte mußte sofort ins Krankenhaus gebracht werden.
Eisenach, 5. Januar. In Westthüringen, im Thüringerwald und in der Rhön herrscht seit Sonnabend abend ununterbrochenes Tauwetter. Der Schnee ist bereits in den Niederungen so zusammengeschmolzen, daß der Schlittenverkehr eingestellt werden mußte. Die Werra und ihre Zuflüsse führen Hochwasser. Auf der Werra trat starker Eisgang ein.
Melsungen, 4. Januar. Im nahen Dorfe Malsfeld, das im Herbst durch verschiedene Brände heimgesucht wurde, brannte gestern abend gegen V# Uhr wieder eine gefüllte Scheune nieder. Da von den dort arbeitenden Breitenauer Korrigenden einer verschwunden war, nahm der Gendarmerie-Wachtmeister Bartsch eine Suche vor, die bald zur Auffindung des Vermißten führte. In dem wieder Aufgefundenen hatte man den Brandstifter festgenommen. Der schon oft Bestrafte wurde ins hiesige Gefängnis eingeliefert.
Witzenhausen, 4. Januar. Der Mörder des Försters Knoche, Fuhrmann, befindet sich noch immer in unserem Amtsgerichtsgesängnis. Er wird wahrscheinlich erst am Montag nach Göttingen überführt, । nachdem am Tatort noch ein Augenscheinstermin statt- gefunden hat. Fuhrmann singt und ist froher Laune, er gesteht seine Tat ein und meint, „die paar Jahre gehen auch herum."
Hana«, 5. Januar. Buchdruckereibesitzer Lorenz Loßberger, einer her Führer der fortschrittlichen Volkspartei in Hanau und früher auch Verleger der liberalen „Hanauer Zeitung" ist im Alter von 47 Jahren plötzlich gestorben.
Carlshafeu, 3. Jan. Daß man auch mit einem Luftgewehr, wie es die Jungen jetzt vielfach als Weihnachtsgeschenk erhalten, nicht spaßen soll, beweist folgender Vorfall, der sich dieser Tage hier ereignete. Der Postaushelfer B. übte sich mit diesem Spielzeug im Schießen. Ein junges Mädchen bot ihm im Scherz
seine Hand als Zielscheibe. Die Kugel traf die Hand und blieb darin stecken,- durch einen operativen Eingriff mußte dieselbe entfernt werden. Also Vorsicht bei dem Gebrauch von Luftgewehren.
Dillenburg, 5. Januar. Der Zeichenlehrer G. vorn hiesigen Gymnasium begab sich am Silvester nachmittag unter dem Vorwand eines Spaziergangs in das Gymnasialgebäude und brächte sich dort in dem im obersten Stockwerk gelegenen Modellzimmer einen Schuß in die Brust bet, der indes nicht tödlich wirkte. Vor der unseligen Tat hatte G. diese durch einige Aufzeichnungen, die später gefunden wurden, zu entschuldigen versucht. Während nun der Unglückliche in dem erwähnten Zimmer an den Folgen des Schusses litt, wurde er von Silvester abend bis Neu- jahrs-Nachmittag unter Zuhilfenahme der Polizei von seinen Angehörigen vergeblich gesucht. Am Neujahrs- Nachmittage vermochte sich dann G. nach Hause zu schleppen, wo er noch krank darniederliegt.
Murttnriirfiiiiiio und StttblichkejWsftr.
Mit einer erfreulichen Beschleunigung ist die in der Medizinalabteilung des preußischen Ministeriums des Innern ausgearbeitete Zusammenstellung über den Stand und die Entwicklung des Gesundheitswesens in Preußen für das Jahr 1912 erschienen. Der Gesamteindruck, den die Uebersicht macht, ist zweifellos günstig zu nennen, und in mancher Hinsicht lassen sich bedeutsame Verbesserungen im öffentlichen Gesundheitswesen Preußens feststellen. Andererseits aber läßt sich auch nicht leugnen, daß ein schwarzer Schatten vorhanden ist, der mehr noch als in den vorhergegangenen Jahren das günstige Bild zu trüben geeignet ist: Die Zunahme des Geburtenrückganges, die sich im Jahre 1912 gezeigt hat. In dem Berichtsjahre konnten auf 1000 Einwohner nur noch 28,88 Lebendgeborene verzeichnet werden. Allerdings ist die Differenz gegenüber dem Jahre 1911, wo auf 1000 Einwohner 29,36 Lebendgeborene kamen, nicht so erheblich, wie in den beiden vorhergehenden Jahren, in denen die Abnahmeunterschiede 1,47 bezw. 1,17 betrugen, aber auch der Unterschied von 0,48 zwischen 1912 und 1911 ist höchst bedauerlich, weil er eben ein Andauern des Geburtenrückganges erkennen läßt. Der Trost, daß der Rückgang im vergangenen Jahre nicht so groß gewesen ist, wie in den beiden vorhergehenden Jahren, ist zu nichtssagend, als daß er über diese Tatsache hinwegtäuschen könnte. Gewiß, wir haben immer noch einen erheblichen Geburtenüberschuß über die Sterblichkeitsziffer zu verzeichnen, ja dieser Ueberschuß ist int Jahre 1912 nicht unerheblich größer gewesen, als im Jahre 1911, aber diese Erscheinung ist ausschließlich auf die Herabminderung der Sterblichkeitsziffer zurückzuführen.
Tatsächlich ist die Sterblichkeitziffer in Preußen im vergangenen Jahre so niedrig gewesen, wie nie zuvor. Es sind nämlich im Berichtsjahre nur 15,49 von 1000 Personen gestorben. Im Jahre 1911 betrug die Verhältnisziffer 17,21, im Jahre 1910 16,17. Die Folge dieser Verminderung der Sterblichkeit war eine Zunahme des Bevölkerungszuwachses, indem der Ueberschuß der Zahl der Lebendgeoorenen über die der Gestorbenen mit 549 940 um 57 577 höher war, als im Jahre 1911. Die Ueberschußziffer der vorhergehenden Jahre ist aber nicht erreicht worden,- sie betrug im Jahre 1910 581463, im Jahre 1909 581258 und im Jahre 1908 575 675.
Man darf wohl annehmen, daß mit der Sterblichkeitsziffer von 15,49 auf 1000 Einwohner noch immer nicht die Grenze erreicht ist, die einer Verminderung dieser Ziffer aus natürlichen Ursachen gestellt ist. Eine ganze Reihe von anderen Ländern haben bekanntlich niedrigere Sterblichkeitsziffern als Preußen-Deutschland sie heute aufzuweisen hat. Immerhin darf man aber nicht die Tatsache aus dem Auge verlieren, daß es für die Sterblichkeit eine natürliche Grenze gibt, und gerade diese Tatsache ist es, die den andauernden Rückgang der Geburten so bedenklich und gefährlich macht, aber auch die Notwendigkeit mit sich bringt, auf Maßnahmen zu sinnen, die diesem Rückgang Einhalt tun könnten. Auch die diesjährige Zusammenstellung über das Gesundheitswesen in Preußen läßt erkennen, daß das Anwachsen der Großstädte einen erheblichen Einfluß auf die Geburtenziffer ausübt. Während z. B. die Provinz Westpreußen noch immer 85,67 Lebendgeborene auf 1000 Einwohner zu verzeichnen hat, die Provinz Posen 34,87, die Provinz Westfalen 38,96, hat die Provinz Sachsen nur 26,74 Lebendgeburten auf 1000 Einwohner aufzuweisen, die Provinz Brandenburg ohne den Landespolizeibezirk Berlin 23,76, der Landespolizeibezirk Verlin sogar nur 19,93. Auch diese Gegenüberstellung läßt wieder erkennen, in welch' hohem Maße das platte Land als Quelle der Erneuerung der Bevölkerung dient, und wie notwendig es ist, Sorge dafür zu treffen, daß seine Entvölkerung zugunsten der Städte und vorallemder Großstäöteveryindertwird.