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Generalkommando und Slaalranwallschasl.

Gegensätzliche Auffassungen über die Zaberner Schießerei.

In Bet Berichterstattung über die Zaberner Schteß- affäre bestehen bedauerlicherweise selbst nach Erledigung der Untersuchung ganz erhebliche gegensätzliche Auffas­sungen zwischen der militärgerichtlichen und der zimlge- richtlichen Untersuchungsbehörde. Das Generalkom­mando des 15. Armeekorps teilt mit:

Die Meldung, daß auf einen Wachtposten des Yu- fanterie-Regiments Nr. 105 im Schloßgarten von Za­beln am 26. Dezember 1913 zwei scharfe Schüsse abgege­ben worden seien, hat zur militärger chtlichen Feststel­lung des Tatbestandes geführt. Die Aussagen des Po­stens und zweier Zivilpersonen haben zwerfelsfrei ergeben, daß zwei scharfe Schüsse aus nicht großer Entfernung vom Posten gefallen sind. Beide Ge­schosse sind über dem Bereich des Postens weggeflogen, das eine und erste so nahe, daß der Posten überzeugt war, es werde auf ihn geschossen. Die Annahme ver­schiedener Zeitungen, es handle sich um einen Unfug un­ter Verwendung einer Schreckpistole, ist nach den ange­stellten Versuchen und den Aussagen der Zeugen voll­ständighaltlos geworden."

Von seiten der Staatsanwaltschaft vom Landgericht Zabern wird dem halbamtlichen Telegraphen-Bureau dagegen folgendes mitgeteilt:Die Ermittlungen haben zweifellos ergeben, daß die Schüsse nicht, wie die Mili­tärpersonen angenommen haben, aus einer Entfernung von dreißig Meter hinter der Kasernenmauer her, son- dern aus einer Entfernung von über neunzig Meter jen­seits des Kanalhafens abgegeben worden sind. Daß es allerdings scharfeSchüsse waren, steht fest. Aus den ganzen Umständen muß aber geschlossen werden, daß ein Attentat auf den Posten nicht m Frage kommen kann. Es dürfte sich lediglich um eine unüberlegte, ziel- und zwecklose Knallerei handeln."

Die Generalität über Zabern.

In der Presse ist vielfach die Erwartung ausge­sprochen worden, der Kaiser werde beim Neujahrsemp­fang der kommandierenden Generale auf die Ereignisse in Zabern zurückkommen und Verhaltungsmaßregeln für ähnliche Fälle in der Zukunft geben. Diese Mei­nung hat sich als irrtümlich erwiesen. Eine offizielle Ansprache an die kommandierenden Generale, in der die Zaberner Ereignisse besprochen wurden, hat nicht statt- gefunden. Unter den Generalen dagegen bildeten, rote dieTgl. Rdsch." meldet, die Vorgänge in Zabern nahe­zu den alleinigen Gesprächsstoff. Fast allgemein wurde bedauert, daß das Zentrum und die nationalliberale Fraktion sich in der ersten Hitze des Gefechtes zu einem so heftigen Vorstoß fortreitzen ließen, ohne abzuwarten, welches Bild sich bet genauer, objektiver Prüfung des Sachverhaltes ergeben werde.

Der Kronprinz und General von Deimling.

DieTägl. Rundschau" schreibt unter dieser Spitz­marke:Gleich nach dem 28. November trat in Stratz- burg mit grotzer Bestimmtheit das Gerücht aus, der Kronprinz habe dem General von Deimling telegra­phiert, um ihn zu feiner und des Obersten v. Reutters Haltung zu beglückwünschen und ihn zum Ausharren zu ermutigen. Als dann die plötzliche Versetzung des Kronprinzen nach Berlin in Stratzburg bekannt wurde, wollte man darin eine Wirkung jenes Telegramms se­hen. Wir haben über diese Gerüchte bis jetzt geschwie­gen, weil eine Bestätigung nicht zu erlangen war. Nun taucht das Gerücht in der PariserAutoritee" in der Form auf, daß der Kronprinz dem Obersten von Remter drahtlich seine Zustimmung kundgegeben habe. Diese Meldung stellt offeribar nur eine Variante der oben er­wähnten Gerüchte dar und entbehrt ebenso der Be­stätigung." ______________

Phantasien eines Franzosen.

Wie er sich dieTeilung Deutschlands" denkt.

Die Teilung Deutschlands" so hat ein französischer Schriftsteller, der unter den Buchstaben R. de D. schreibt und der sich als OberstleMnant bezeichnet, ein kleines, etwa 90 Seiten zählendes Büchlein benannt. Auf dem Titelbild bringt es in prangenden Farben als Karte das Ergebnis des demnächst zu erwartenden Entschei- dungskampses. Mangel an Einbildungskraft kann man dem Herrn Verfasser nicht vorwerfen. Vom Deutschen Reiche läßt er nur einen aus Thüringen, dem Harz und Braunschweig bestehenden Mittelstaat übrig, der dem früheren König von Württemberg zufällt.

Bereits in den ersten Tagen des Krieges fällt der deutsche Kronprinz einer auf sein Schloß geworfenen Bombe eines französischen Flugzeuges zum Opfer. Sein kaiserlicher Vater ist nicht gleich glücklich, er muß die vollständige Niederlage der deutschen Heere ausrosten und findet erst in den letzten Schlacht den Heldentod unter dem Seitengewehr eines elsässischen (!) Unteroffiziers der Fremdenlegion. Die Rheinprovinz, Elsatz-Lothrin­gen, Baden, Württemberg und die bayrische Pfalz wer­

den französisch, Nordostbeutschland englisch, Bremen, ein Teil von Hannover, Hamburg, Schleswig, Holstein usw. dänisch. Dem braven russischen Bundesgenossen fallt ein Teil Deutschlands zu, der Wismar, Wittenberg, Magde­burg, Leipzig, Plauen noch umfaßt. Bayern kommt an Oesterreich, das zwar Deutschlands Bundesgenosse war, das aber durch innere Wirren behindert war, in den Kampf einzugreifen. x -

Das Buch kann man, fo urteilt Oberstleutnant z. D. Hübner darüber, auf deutsch nur als Blödsinn bezeichnen, man hat das Recht, in ihm eine Großmauligkeit festzu­stellen, die den Franzosen oft ebenso zu eigen ist rote so­genannte Fanfarnoden. Betrübend für die Herren Lands­leute des Verfassers ist es aber, daß ein französischer Offizier einen so hohen Grad von Ummfsenheit erken­nen läßt, wie dies hier der Fall ist. Er ist nicht einmal mit dem Ausgang des deutsch-österreichischen Krieges von 1866 genügend bekannt, er hat sich über ihn auch nicht unterrichtet und doch schreibt er über ihn. Er laßt im Jahre 1866 Preußen von Oesterreich die Provinz L-chle- sien gewinnen!

Politische Rundschau.

Wechsel in der Leitung des Reichsmilitärgerichts. In der Leitung des Reichsmilitärgerichts ist, rote die Tägl. Rundschau" erfährt, in kurzer Zeit ein Wechsel zu erwarten. Der jetzige Präsident, General der Jnf. Gras von Kirchbach, der seit April 1911 an der Spitze des Reichsmilitärgerichts steht, dürfte wieder ein Korps be­kommen und späterhin ein Generalinspektorat überneh­men. Ueber seinen Nachfolger scheint eine endgültige Bestimmung noch nicht getroffen zu sein.

Freiherr von Hertling in den Grafenstand erhoben. Der König von Bayern empfing Sonntag vormittag die Staatsminister Freiherr« von Hertling, Freiherrn von Soden-Fraunhofen, von Thelemann, von Breunig und den Kriegsminister Freiherrn von Kretz, sowie tue er­sten Präsidenten der beiden Kammern des Landtages in Audienz, um ihnen hierbei die aus Anlaß des Allerhöch­sten Geburtstages verliehenen Auszeichnungen bekannt zu geben. Der erste Präsident der Kammer der Reichs­räte Karl Ernst Graf Fugger von Glött wurde in den erblichen Fürstenstand, der Vorsitzende des Minister­rates Dr. Freiherr von Hertling in den erblichen Gra­fenstand erhoben. Staatsminister Dr. von Soden- Fraunhofen erhielt das Grotzkreuz des St. Michael- Verdienstordens, Kriegsminister Freiherr von Kretz das Grotzkreuz des Verdienstordens der bayerischen Krone verliehen. Justizminister von Thelemann und Finanz­minister von Breunig wurden in den erblichen Adels- stand erhoben. Der Präsident der Kammer der Abge­ordneten Dr. von Orterer erhielt den Titel und Rang eines Geheimen Rates und das Prädikat Exzellenz.

Monarchenbesuche in Paris. Einer Information des Pariser Matin zufolge ist es wahrscheinlich, Latz die Reise des Präsidenten Poincaree nach Rußland an einem noch früheren Datum, als zuerst angenommen wurde, stattfinden wird, wahrscheinlich direkt nach den Kammer­wahlen. Man erwartet den Gegenbesuch des Zaren be­reits im Herbst d. J. Im laufenden Jahre werden noch verschiedene Herrscher Paris ihren Besuch abstatten, so der König von Dänemark und voraussichtlich auch der König von Griechenland mit seiner Gattin. Auch der Kaiser von Japan wird sich einige Tage in Paris auf­halten, falls er noch in diesem Jahre seine Absicht wahr macht, eine Reise nach Europa anzutreten.

Neue Konsumstenern in Italien. Die italienische Regierung bereitet Maßnahmen zur Deckung der Mehr­ausgaben des Etats durch eine Erhöhung einzelner Kon- sumsteuern, die luxuriösen Charakter tragen, vor. An Alkohol erhofft man eine Einnahme von 12 Millionen. Aus der Verteuerung des Preises einzelner Sorten Zi­garren und Zigaretten will man einen Gewinn von wenigstens 24, höchstens aber 58 Millionen herausschla­gen. Die Dekrets treten sofort in Kraft. Andererseits erwartet man, wie verlautet, die Einführung einer Taxe auf Orden.

Die Ernennung Enver Beis zum Kriegsminister ist nunmehr, wie aus Konstantinopel berichtet wird, erfolgt. Das Jrade, durch welches Enver Bei zum Kriegsmini­ster ernannt wird, befördert ihn gleichzeitig zum Bri­gadegeneral. Der neue Kriegsminister wechselte gleich nach der Uebernahme seiner Dienstgeschäfte mit dem Chef der deutschen Militärmission General von Liman- Pascha sehr freundschaftliche Besuche. Dabei wurde ver­einbart, daß gleich nach der Rückkehr des Generals von Liman von seiner kurzen Orientierungsreise, die er nach Kirkkilisse antritt, zwischen beiden Generalen eine ein­gehende Besprechung über die Reorganisation der türki­schen Armee stattfinden soll.

Kleine Hadiridifen.

Der Präsident des Oberverwaltungsgerichts von Bitter ist am Sonntag früh kurz vor Vollendung feines 68. Lebensjahres in Berlin einem Herzschlag erlegen.

Die Feier des siebzigsten Geburtstages Viktor Blüthgens brachten dem Dichter viele Ehrungen. Die Stadt Wilmersdorf bei Berlin nannte eine neue Straße nach ihm. Freienwalde, wo Blüthgen sein ständiges Dichterheim besitzt, ließ dem Dichter durch eine DeM- tation eine Adresse übereichen, gleichzeitig mit dem Eh­renbürgerbrief. ^

Neue Stürme und Hochfluten haben die Küstenstrecke in der Nähe von Neuyork verheert. Viele Strandhotels und Landhäuser sind vernichtet worden. Der Badeort Seabright ist fast gänzlich zerstört. Die verlassenen Häu­serruinen wurden vielfach von Dieben ausgeplündert.

Selbstmord eines Militärurlaubers. Auf dem Fried­hofe zu Bochum hat sich ein Militärurlauber namens Saller mit einem Revolver erschossen. Saller, der bet der Festungsmaschinengewehrabteilung des 132. Regi­ments stand, hatte den Urlaub überschritten. Wahr­scheinlich hat er die Tat aus Furcht vor der zu erwar­tenden Strafe begangen.

22 Menschen unter Steinmassen verschüttet. Durch eine von einem Felsen herabstürzende Steinmasse sind in Rabat (Marokko) 22 eingeborene Arbeiter getötet und mehrere andere verletzt worden. Man fürchtet, daß noch mehr Opfer unter den Trümmern liegen. Die Auf- rüumungsarbeiten werden durch Schneefall aufgehalten und dürsten infolgedessen mehrere Tage dauern. Einige der herabgestürzten Felsblöcke wiegen über hundert Tonnen. Die Höhe der Zahl der Opfer erklärt sich aus dem Umstände, daß große Blöcke auf ein maurisches Cafee fielen, in dem sich zahlreiche Gäste befanden.

Ein unheimlicher Fund. Im Bahnhöfe von Allessiq^- übergab ein elegant gekleideter Fremder einem Hotel- diener eine Reisetasche mit dem Bemerken, er werde bald in das Hotel kommen. Da der Fremde sich jedoch nicht wieder erblicken ließ, wurde die Tasche geöffnet und darin ein in Verwesung übergegangener abgeschnittener Männertopf, sowie eine Frauenhand, die zwei wertvolle Brillantringe trug, gefunden. Bisher ist es noch nicht zu ermitteln gewesen, wer der unbekannte Abgeber war. Man gibt der Ansicht Ausdruck, daß es sich hier wohl um ein Eifersuchtsdrama handele.

Meuterei an Bord eines englischen Dampfers. Die Mannschaft des englischen DampfersBaren Dalmany" hat am ersten Feiertage gemeutert. Der Kapitän des Schiffes schüchterte schließlich die Meuterer dadurch ein, daß er einen Revolver zog und mehrere derselben ver­wundete.

Rettung aus Seenot. Die Rettungsstation Rügen- waldermüuoe der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger telegraphiert: Am 3. Januar vom dem Stettmer DampferWolgast", Kapitän de Buhr, ge­strandet bei Vittertief, leer von Königsberg nach Stettin bestimmt, elf Personen gerettet durch Raketenapparat der Station.

Ein Fischdampfer von Eiswasser zerdrückt. Der FischöampferAlice Busse" der Reederei Busse und der FischdampferKaroline Kühne" der Reederei Loeffke in Geestemünde wurden im Jfa-Fjord von schwimmenden Eismassen aneinander gedrückt und sind gesunken. Die Mannschaften konnten sich retten.

Gericht und Recht«

AlsMillionärin" trat die 25jährige Putzmacherin Anna Sanneck auf, gegen die die 3. Strafkammer des Berliner Landgerichts eine Anklage wegen Betruges in mehreren Fällen zu oerüandeln hatte. Die Angeklagte verbüßt zurzeit eine Gefängnisstrafe von 2% Jahren, ote sie wegen Kreditschwindeleien erhalten hatte. Sie begeyt diesen in der Weise, daß sie Zimmervermieterinnen und kleinen Geschäftsleuten vorspiegelt, sie erhalte demnächst aus einer Erbschaft eine Summe von 10 000 Mark. Das Schöffengericht Charlottenburg hatte sie wegen mehrerer nachträglich zur Anzeige gekommener Fälle zu zwei Mo- 3- naten Gefängnis zusätzlich verurteilt. Die Angeklagte hatte gegen dieses Urteil Berufung eingelegt und tischte der Strafkammer folgende Erzählung auf: Es sei nicht nur richtig, daß sie 10 000 Mark erwarten konnte, sondern sie verfüge sogar über ein Kapital von 800 000 Mark bis 1 Million. Sie habe vor etwa fünf Jahren den russischen Fürsten Dawidoff kennen gelernt und sei mit diesem ein Liebesverhältnis eingegangen, denn sie habe sich gesagt: Besser die Geliebte eines Fürsten als die Frau eines Arbeiters". Im Jahre 1910 sei der Fürst, nachdem sie einige Zeit vorher einem Kinde das Leben gegeben habe, an den Folgen eines Automobilunfalls verstorben. Da der Fürst über ein Vermögen von etwa 80 Millionen verfügt habe, habe er ihr bezw. seinem Kinde in seinem Testament die Summe von rund 1 Million Mark aus­gesetzt. Von diesem Gelde habe sie dem Architekten Spey, mit dem sie nach dem Tode des Fürsten ein Liebesver­hältnis unterhalten habe, etwa 200 000 Mark für seine Bauten gegeben. Spey, der inzwischen wegen Betruges zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt ist, habe sie dann auch verleitet, Wechsel in Höhe von 300 000 Mark zu unterschreiben. Dies sei der Grund, weshalb sie sich weigere, anzugeben, wo sich das Kapital befinde, da sonst

Die Same im Schleier.

Spionage-Roman von Matthias Blank.

6) (Nachdruck verboten.)

Die Dame im Schleier hatte nicht einmal den Blick zurückgesandt, um sich zu überzeugen, ob sie verfolgt würde. Sie mußte eine sehr selbstbewußte Sicherheit besitzen.

Da kam aus der nächsten Straße ein Automobil, das dicht am Fußsteige entlang fuhr und vor der Dame im Schleier hielt, die sehr rasch in den Wagen sprang, nach Einschaltung der größeren Geschwindigkeit davon rat­terte, den Weg zurück, aus dem die Dame im Schleier gekommen war.

Der junge Mann, mit dem sie in eine anscheinend unfreiwillige Kollision geraten war, hatte sich mit einem unterdrückten Fluche nach dem Automobil umgedreht: Zum Henker, entschlüpft! Und kein Wagen weit und breit!"

Das war Artur Greve gewesen.

Drit tes Kapitel.

. ; Trotzdem Robert Haßfeld in den nächsten Tagen keine Zeit für eine Arbeit gefunden hatte, weil er die Stadt, durch alle Straßen bummelnd, durchkreuzt hatte, wobei sein Ziel immer wieder die Alleestraße gewesen war, wo ja sein Abenteuer begonnen und vorerst auch geendet hatte, so war sein ganzes Streben und Sinnen doch mißlungen. Er hatte die Unbekannte nirgends «iedergefuden, die er auch vorher nie gesehen hatte.

-dlber wie stets das Verlangen nach den Dingen am stärksten ist, die am unerreichbarsten erscheinen, so dünkte es auch Robert Haßfeld, als hätte er damals das Glück von sich ziehen lasten, ohne dabei nur den Ver­such gemacht zu haben, es festzuhalten.

Was war es nur gewesen, das jene Sehnsucht in wm geweckt hatte? Ihr Mut für ein fremdes Kind, für

das sie ihr eigenes Leben geopfert hatte? Oder war es ihr goldenes Haar gewesen, oder die blauen, sinnen­den Augen? Oder die weiche Stimme, die sich seinem Ohr eingeschmeichelt hatte wie das zärtliche Betteln ei­nes Kindes?

Er wußte selbst keine Antwort darauf.

Aber was hätte ihn eine solche genützt, da er damit die Gesuchte ja doch nicht zur Stelle hätte schaffen können?

Unterdessen war die Zeit gekommen, zu welcher er sich in Berlin einfinden mußte, um dort selbst die mit seinen Erfindungen beabsichtigten Versuche zu leiten, da diese entscheiden mußten, ob von Seite der Regierung seine Erfindung zur alleinigen Ausnutzung erworben werden würde.

Im Bahnzuge hatte er anfangs in seinem Wagenab­teil gesessen und hatte zum Fenster hinausgeträumt, vor dem die Telegraphenstangen vorbeischwirrten.. Dann schlenderte er den schmalen Gang entlang nach dem Speisewagen, um zu frühstücken und eine Flasche Wein zu trinken.

Mehrere Passagiere hatten sich bereits eingefunöen, und die Augen von Robert Hatzfeld glitten suchend umher.

Mit einem Male aber stieg ein heißes Rot in sei­nen Wangen auf.

Ein flüchtiger Gedanke wollte ihn an einen Irrtum glauben lassen: aber das war undenkbar, denn dieses Gesicht hätte er doch nie wieder vergessen können.

Es war seine Fremde, wie er sie in seinen Erinne­rungen stets genannt hatte. Es war ihr schmales Gesicht von der bleichen Farbe, die fast an den Farbton von altem Elfenbein erinnerte, mit dem Perlmutter glei­chen Schimmern der Adern an den Schläfen, ihr goldenes Haar, ihre blauen Augen mit den dichten, langen Wimpern.

Sie sprach mit einer Dame, die ihr gegenüber saß, eine imponierende Erscheinung von reichem, aschblon­

dem Haar, in dem einzelne Fäden silbern schimmerten, die dem Gesichte eine desto anziehendere Wirkung ver­liehen: die Züge waren scharf ausgeprägt und mochten eine fast männliche Energie verraten: eine sparsame Anwendung von Puder verschaffte der samtweichen Haut, die ein leichtes Rot wies, eine fast jugendliche Glätte. Sie mochte vielleicht achtunddreißig oder neununddrei» tzig Jahre alt sein. Die Augen blitzten in einem unru­higen Graugrün.

Robert Hatzfeld hatte für einen kurzen Augenblick gezögert. Wie konnte das Verhältnis der beiden Damen zueinander sein. Er suchte eine Aehnlichkeit in ihren Zügen, ohne eine solche zu finden. Waren sie verwandt oder Freundinnen?

Da hatte ein Blick aus ihren Augen auch ihn ge- streift. Und er hatte es in ihrem Gesichte lesen können, daß sie auch ihn erkannt hatte.

. Da zögerte er nicht mehr, um diese zweite Laune des Schicksals nicht rote die erste zu verscherzen: dies­mal wollte er mit allem Eigenwillen sein Glück fest­halten und erzwingen. Da er sie wieder gesehen hatte, war ja jenes fremde, unerklärliche Gefühl, das ihn zu dieser zarten, jungen Gestalt fast unwiderstehlich Hin­trieb, wieder stärker und stürmischer geworden.

Da hatte er schon gegrüßt und war an das Tischchen der beiden getreten.

Er bat um die Erlaubnis, am gleichen Tischchen Platz nehmen zu dürfen. Ein Nicken war die Antwort, wobei ein dunkleres Rot die Wangen der Jüngeren gefärbt hatte.

Und Haßfeld wandte sich sofort an sie:Verzeihen Sie mir die Unhöflichkeit Bet der letzten Begegnung. In der Aufregung über die Gefahr, in die Sie sich gestürzt hatten, mag ich die ersten Gesetze gesellschaftlicher Höf- lichkeit vergessen haben. Ich stelle mich nachträglich vor: Robert Haßfeld, Ingenieur."

(Fortsetzung folgt.)