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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^M^» für den Kreis Hersfeld

MÄr Kreisblatt

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen: .Illustriertes Sonntagsblatt" und Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Zernsprech-5lnschlutz Nr. 8

Nr. 3.

Sonntag, den 4 Jannar

1914.

Bus der Heimat«

Wehrbeitrag.

Landwirte. Wie wir erfahren, beabsichtigt der hieMe Vorsitzende der Einkommensteuer-Veran- lagungskommission den Landwirten, die eine Ver­mögenserklärung abzugeben haben, die amtlichen Schätzungen der Ertragswerte des dauernd landwirt­schaftlich genutzten Grundbesitzes zugänglich zu machen. Auf dem Lande durch die Bürgermeister, in der Stadt durch die Veranlagungsbehörde. Durch dieses Ent­gegenkommen wird den Landwirten im hiesigen Kreise eine sehr große Schwierigkeit aus dem Wege geräumt. Die Schätzung des Ertragwerteswäre für den Einzelnen sehr schwierig und kaum ausführbar und die meisten werden die Bewertung ihres Besitzes nach dem Er­tragswerte der Bewertung nach dem höheren gemeinen Werte vorziehen.

Wer den Ertragswert seiner Besitzung in der Vermögenserklärung nicht angeben will und auch nicht den fast eben so schwer zu ermittelnden gemeinen Wert wählt, hat eine genaue Beschreibung der Be­sitzung beizubringen, aus der sich die Unterlagen für eine Schätzung sämtlich ergeben also Beschreibungen von den einzelnen Liegenschaften, Gebäude, Vieh, totes Inventar, Versicherungssumme, Erträge, Preise usw. Hiervon wird kaum Gebrauch gemacht werden.

Die meisten werden also den Wert ihrer Güter usw. nach der amtlichen Schätzung in die Vermögens­erklärung einsetzen.

Geschäftsleute. § 15 be£ Wehr-Beitrag-Ge­setzes bestimmt, daß für Betriebe, bei denen regel­mäßige alljährliche Abschlüsse stattfinöen, der Ver­mögensfeststellung, der Vermögensbestand am Schlüsse des letzten Wirtschafts- oder Betriebsjahres zu Grunde gelegt werden kann, d. h. der als Kaufmann regel­mäßig jährliche Abschlüsse macht, kann das Ergebnis dieser zu Grunde legen auch wenn sie im Juli, Oktober usw. des Jahres 1913 gemacht worden sind. Schwere eingetretene Aenderungen sind natürlich zu berücksichtigen, dennmaßgebendist unterallen Umständen der Stand am 31. 12. 1913.

Wer regelmäßige Abschlüsse im Sinne des Ge­setzes nicht macht, dies sind natürlich die meisten, beeile sich sein Vermögen sofort nach dem Stande am 31. 12. 1913 festzustellen und zu diesem Zweck eine Inventur zu machen, die unbedingt erforderlich ist. Denn jeder Geschäftsmann, der eine Vermögens­erklärung abzugeben hat, muß darin den Wert seines gewerblichen Vermögens genau angeben und auf Er­fordern der Veranlagungsbehörde auch nachweisen.

Wer im Zweifel ist, wie man eine Inventur auf- nimmt und das Vermögen darin darstellt, wird von vielen anderen Kaufleuten und Gewerbetreibenden, die ordnungsmäßige Bücher führen, leicht Auskunft erhalten können. Außerdem bietet das dem Er­klärungsformular beigefügte weiße Formular einen Anhalt.

K a p i t a l i st e n. Dem Wert der Papiere ist der Kurswert vom 31. 12. 1913 zu Grunde zu legen. Man wird gut tun, wenn der Kurswert nicht leicht fest­stellbar ist, sich an den Bankier zu wenden. Im Uebrigen ist die Feststellung des beitragpflichtigen Wertes des Kapitalvermögens nicht schwer. Der den Erklärungsformularen beigefügte weiße Bogen gibt einen gewissen Anhalt.

Veränderungen im Bestände des Vermögens, die nach dem 31. 12. 1918 eingetreten sind, dürfen in den Vermögenserklärungen unter keinen Umständen berücksichtigt werden.

Bei Lebens-, Kapital- und Renten­versicherungen empsiehlt es sich, bei den Ver­sicherungsgesellschaften den Rückkaufswert durch An­frage sich mitteilen zu lassen.

):( Hersfeld, 3. Januar. Zwischen der Allge­meinen Ortskrankenkasse für die Land- aemeinden des Kreises Hersfeld und den üesigen Aerzten ist eine Einigung erzielt und ein ntsprechender Vertrag abgeschlossen worden.

):( Hersfeld, 3. Januar. Im Kaiserhof findet morgen nachmittag eine Versammlung der re schm aschin e n be sitz e r statt, anf welche an eser Stelle nochmals aufmerksam gemacht sei.

):( Hersfeld, 3. Januar. Mit Rücksicht auf die noch täglich eingehenden Bestellungen auf das Hers­felder Tageblatt werden wir den diesjährigen Wand­kalender erst einer der nächsten Nummern bei­geben.

-b- Heringe« (Werra), 3. Januar. Am Sylvester- avend gegen 10 Uhr brach auf dem Anwesen des Pfarrers Martin hier Feuer aus. Das bei diesem Bedienstete Mädchen hatte in dem am Eingänge des

Schweinestalles befindlichen Aschenbehälter Asche auf­bewahrt. Jedenfalls ist nun beim eiligen Ausschütten ein Teil Brikettasche neben den Behälter an der Wand herunter gefallen. Da die Asche noch nicht voll­ständig erkaltet war, hat sie daselbst lagernde Streu entzündet. Durch in der Nachbarschaft wohnende Personen konnte das Feuer schnell erstickt und eine Weiterverbreitung desselben verhütet werden. Der entstandene Schaden ist nur unbedeutend.

Fulda, 31. Dezember. Eine aufregende Eisenbahn­fahrt hatten gestern abend die Reisenden des Zuges Nr. 809, der um 9.28 Uhr in der Richtung nach Bebra die hiesige Station verläßt. Schon seit einigen Tagen hielt sich im Wartesaale des hiesigen Bahnhofs eine Frauensperson auf, anscheinend eine auf einem Gute in unserer Umgegend seither beschäftigte Polin. Sie war im Besitze einer Fahrkarte nach Myslowitz. Da die Person von der Fahrkarte keinen Gebrauch machte, sondern tagelang immer vor sich hinbrütend dasaß, schaffte ein Schutzmann unter Beihilfe anderer Männer die sich heftig sträubende Frauensperson in den be­zeichneten Zug. Hier versuchte sie alsbald während der Fahrt aus dem Fenster zu springen, was die Fahrgäste durch Zurückhalten verhindern konnten. Nun rannte die Frauensperson mehrmals mit dem Kopfe gegen die Wand, ebenso mit Wucht gegen den Fußboden, sodaß sie stark blutende Kopfwunden da- vontrug. In Hünfeld wurde der offenbar nicht normale oder kranke Fahrgast ausgesetzt.

Fulda, 2. Januar. Es ist nun so weit gekommen, daß täglich der Durchschlag des Distelrasen Tunnels zu erwarten ist. Ist man dann bet dem Dorfe Flieden im Kreise Fulda des Berges unterirdisch Herr ge­worden, dann ist Deutschlands längster Eisenbahn­tunnel fertig,- er wird von Schlüchtern bis Flieden 6800 Meter messen, während der bisher als längste deutscheUnterführung" geltende Kaiser Wilhelm- Tunnel bei Cochem a. ö. Mosel nur 4216 Meter lang ist. Immerhin wird der Distelrasen-Tunnel (gebohrt zur Ausschaltung der durch ihre Dammrutschungen berüchtigt gewordenen Kopfstation Elm) ein Zwerg sein im Vergleich zu den schweizerischen Bergdurch- stichen, da der Simplontunnel 19 803, der Gotthard- tunnel 15 000 und der Lötschbergtunnel 14 536 Meter lang sind.

Bebra, 2. Januar. Der Lokomotivheizer Backhaus des Nachmittagsschnellzuges Göttingen-Bebra erlitt auf eigenartige Weise eine schwere Verletzung. B. war während der Fahrt damit beschäftigt, das Feuer des Kessels mit einem langen Eisenhaken zu schirren. Plötzlich wurde das eine Ende des Hakens, das über den Tender hinausragte, von einem aus entgegen­gesetzter Richtung kommenden Schnellzuge getroffen und gegen B. geschleudert, dem die Kinnbacken auf­gerissen wurden, sodaß er sich noch unterwegs in ärzt­liche Behandlung begeben mußte.

Lauterbach, 1. Januar. Vorgestern wurde in der Gemarkung Stockhausen ein etwa 60jähriger Ein­wohner aus Müs erfroren aufgefunden. Er hat allem Anschein nach schon einige Tage gelegen, da die Füchse den Leichnam schon angefressen hatten. Es wurden ca. 60 Mk. in der Tasche des Verunglückten gefunden.

Salmünster, Kr. Schlüchtern, 2. Januar. Am Silvesterabend kurz nach 6 Uhr wurde hier der 16- jährige Gymnasiast Anton Wolf plötzlich wahnsinnig. Er ging in das Wohnzimmer, in dem seine 45jährige Mutter, seine20jährige Schwester, seine 50jährige Tante und sein 25jähriger Bruder beim Abendessen saßen. Ohne ein Wort zu reden zog er einen Revolver und gab kurz hintereinander drei Schüsse auf seine Mutter, Tante und seinen Bruder ab, die alle drei trafen. Als er zum vierten Male anlegte, um auf seine Schwester zu schießen, hatte der Bruder noch soviel Geistesgegenwart, dem Wahnsinnigen die Waffe aus der Hand zu schlagen. Wolf ging dann singend und schreiend die Treppe hinunter und durch die Straßen bis zur katholischen Kirche, wo gerade Gottesdienst stattfand. Als er sich auch in der Kirche sehr laut be­nahm und fortwährend sang, erkannte man, daß man es mit einem Geisteskranken zu tun hatte und nahm ihn fest. Im städtischen Arrestlokal, wo er unter strenger Aufsicht stand, erklärte er, kein Kenntnis von dem zu haben, was vorgefallen sei. Er legte sich ruhig zu Bett und schlief die ganze Nacht. Als er am Neujahrsmorgen aufwachte war er sehr verwundert, sich im Arrestlokal zu befinden. Er konnte sich nicht erklären, wie er dorthin gekommen sei. Am Nach­mittag wurde er vor Gericht vernommen und später in das Amtsgerichtgefängnis eingeliefert. Auch bei dieser Vernehmung behauptete er, keinen Revolver gehabt und nicht geschossen zu haben. Nachdem er sich etwa eine Stunde im Gefängnis befunden hatte, wurde er plötzlich wieder irrsinnig, tobte und skan- dalierte, sodaß er in die Tobzelle gebracht werden mußte. Die von ihm getroffenen drei Personen haben

sämtlich lebensgefährliche Verletzungen erlitten. Bei allen war die Kugel direkt in den Kopf gedrungen. Bei beiden Frauen ist auch das Gehirn verletzt, sodaß sie kaum mit dem Leben davonkommen dürften. Den Bruder hofft man am Leben erhalten zu können. Die Verletzten liegen im Krankenhaus zu Salmünster.

Marburg, 1. Januar. Beim Rodeln verunglückte ein junges Dienstmädchen, das einen sehr steilen Berg herabfuhr und mit dem Kopfe gegen eine Telegraphen­stange rannte. Es wurde in die Klinik gebracht, wo es hoffnungslos darniederliegt.

Hofgeismar, 2. Januar. Ueber das Vermögen der Firma L. Keseberg, Gesellschaft m. b. H., ist der Konkurs eröffnet worden. Zum Konkursverwalter wurde Justizrat Blomeyer in Hofgeismar ernannt. Die Firma hatte den Verlag derHofgeismarer Zeitung", der mit einer großen Akzidenzdruckerei ver­bunden war. Namentlich durch die Herstellung von Militärformularen war die Firma auch in weiteren Kreisen bekannt. Der Konkurs erregt hier beträcht­liches Aufsehen.

Darmstadt, 1. Jan. In der Silvesternacht wurde der Buchhalter Dörsan, als er mit seiner Frau beim Jahresschluß die Fenster öffnete, von der Straße aus mit einem Revolver erschossen. Die Kugel drang ihm durch den Kopf, der Tod erfolgte nach kurzer Zeit. Zwei der Tat verdächtige Personen wurden zwar in Haft genommen, der Täter ist aber noch nicht fest­gestellt. Dörsan ist Angestellter der Chemischen Fabriken Merck gewesen.

Motzlar, 31. Dezember. Gestern wurde beim Bahn­übergang in der Nähe des Hotels Ulstertal ein Schlitten, der von Günthers her kam und in vollem Gange noch übersetzen wollte, vom Zuge erfaßt. Der Schlitten ist vollständig zerstückelt, während das Pferd, welches von den Puffern der Lokomotive zur Seite geschleudert wurde, mit heiler Haut davonkam. Die drei Insassen sind mehr und weniger verletzt.

Stockheim, 2. Januar. Auf dem hiesigen Bahn­höfe wurde gestern der Stationsgehilfe Schullein von der Lokomotive des Zuges 350 erfaßt und so schwer verletzt, daß er bald darauf verstarb. Er hinterläßt eine Witwe und fünf Kinder.

Göttingen, 2. Januar. In der vergangenen Nacht wurde in Salach ein Schutzmann von drei Italienern erstochen. Die Täter konnten bisher nicht gefaßt werden, doch ist ihnen die Polizei auf der Spur und ihre Festnahme steht bevor.

Lurch die Lupe.

(Etwas vom neuen Jahr in Versen.)

Das Neujahrsfest ist vorüber, - auch der Neu­jahrskater endlich, wieder rosig ist die Stimmung, die am Neujahrsmorgen schändlich. Denn wenn sich des Haares Spitzen einzeln jede fühlbar machen, dann ist solch Sylvesterkater dem Be­sitzer nicht zum Lachen. In der Hoffnung, daß die Leser alle wieder richtig nüchtern, bring' ich ihnen meinen Glückwunsch hiermit durch die Zeitung schüchtern. Möchten manche frohen Tage Euch in neunzehnhundertvierzehn ganz so, wie Ihr es erhofftet, dieses Lebens Trübsal würzen, möchte das Geschäft gedeihen und die Arbeit, die ihr treibt, daß nach zweiundfünfzig Wochen tüchtig 'was im Geldschrank bleibt, möchte Euch auf Feld und Fluren Eure Ernte reich gedeih'n, möchte immer Glück und Frieden Euch dies Jahr beschieden sein. Möchte Dir, Du Maid von sechzehn bald ein schmucker Schatz sich nah'n, möchte sich bei Deinen Bruder zeigen bald der Weisheitszahn, möchte sich sein Schnurrbart endlich 'mal auf seine Pflicht besinnen, daß er 'mal nach draußen kommt, denn bisher ist er noch drinnen. Möchte Dir, Du fleiß'ge Hausfrau, eine Bluse chik und sein von des Schicksals Him- melswalten möglichst bald beschieden sein, möchte Deinem braven Gatten zweimal wöchentlich beim Skat sich Fortuna günstig zeigen, denn das Beste bleibt derDraht." Möchten alle meine Leser schließlich auch im neuen Jahr ihre Freundschaft mir erhalten, die mir immer teuer war. Damit mache ich für heute eiligst wieder einmal Schluß, weil ich immer noch den Nachdurst von Neu­jahr bekämpfen muß.

Walter-Walter.

Wetterausstchte« für Sonntag den 4. Januar.

Vorwiegend trüb, zeitweise Schneefälle, keine Temperaturänderung, Nachtfrost, nordwestliche Winde.