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Hersfesder Anzeiger.

JV 88. Hersfeld, den 3. November. 186

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. .587) pro Quartal 7| Sgr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postausschlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond»Zeile oder deren Raum mit 9 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet. z '

Ein gräflicher Uhrmacher.

v (Fortsetzung.)

Es dauerte nickt lauge, so war die Toilette beendet. Die Zofe schlich sich schweigend aus dem Zimmer, halb erzürnt über das Schweigen ihrer Gebieterin, welches schon mehrere Tage gedauert.

Marie bemerkte nicht, daß sie nun allein war. Die um sie herum herrschende Ruhe versenkte sie nur noch tiefer in wehmüihlge Gedanken und Träume.

Selbst das Geräusch des Trittes der nach einigen Stunden zurückkehrenden Zofe erweckte sie nicht auS der Betäubung, welche ihre starke Seele endlich beinahe über- wältigt hätte.

Graf Dolzikoff läßt sich bei Ihnen anmelden, Fräulein."

Die,e von der Zofe halblaut gesprochenen Worte bewogen Marie, zusammeuzu,zucken. Dieser Name stand mit,ihren Daumen in zu nahem Zusammenhang, um un« gehört zu bleiben Ein sounenheiteres Lächeln verscheuchte sofort alle Wolken, die ihre hohe und freie Stirn ver­düsterten. Sie warf einen Blick in den Spiegel und sah mit Vergnügen das schöne Bild welches ihr in sei­nem jugendlichem Glänze daraus entgegenstrahlte.

Heute hast Du Deine ganze Geschicklichkeit ent­wickelt, Kathinka", sagte sie und ordnete einige Locken, welche muthwillig den blüthenweißen Hals umspielten.

Diese freundlich gesprochenen Worte belohnten die Zofe mehr als d s kostbarste Geschenk, denn Marie war wegen ihrer Herzeusgüte von allen Dienern des Hauses innig geliebt und verehrt, und alle wetteiferten, sich ihre Gunst und Gewogenheit zu erwerben.

Bitte den Grafen, in den Salon zn treten", fuhr cte junge Dame fort, und sage ihm, ich würbe sogleich bei ihm sein.«

Wenige Augenblicke später trat Marie in den Salon »o der junge Mann mit der Ungeduld eines Liebenden ihrem Erscheinen harrte.

meine Marie!< grüßte er, indem er daS junge Mädchen zärtlich an seine Brust schloß.

, . , istaunu, dieses Glück hätte ich nicht erwar­tet!" lispelte Marie lächelnd.

Nicht wahr, Du glaubtest, mich niemals wiederzu-

sehen; Du glaubtest, es würde, mir gar nicht schwer wer- den, der Hoffnung, Dich zu besitzen, zu entsagen ? Du dachtest vielleicht, ich hätte Dich schon vergessen oder wäre wenigstens auf dem besten Wege, es zu thun. Bei der heiligen Jungfrau aber, deren ehrfurchtgebietenden Namen Du trägst, schwöre ich, daß wir, noch ehe es Abend wird, die Zustimmung Deines Vaters zu unserer Bereinigung erhalten werden."

Mit diesen Motten, -welche Konstantin mit der fro- Hesten Zuversicht aussprach, zog er die Geliebte nieder^^-^ auf den schwellenden Divan.

Ack", sagte Marie, wir wollen uns nickt von trü­gerischen Hoffnungen betbören lassen. Mein Vater nimmt sein feierlich gegebenes Wort nicht zurück. Du weißt nicht, welche Bitten ick an ihn verschwendet. Obschon er weiß, daß er meinen seligsten Zukunfstranm vernichtet und meine theuerste Hoffnung zertrümmert, so weigert er sich gleichwohl in uns. re Vereinigung zu willigen. Ohne feine Zustimmung aber werde ich niemals die Deine; den Segen meines Vaters muß ich mitbringen, denn ohne denselben könnte ich weder Ruhe noch Frieden in meinem Gemüth, finden. Wie demüthig, wie innig habe ich ihn wiederholt um diesen Segen angefleht! Kind, hat er mir allemal geantwortet, Du weißt nicht, was Du begehrst. Du kennst nickt die Gräuel, die schauerlichen Ereignisse, welche ich nur wenige Jahre vor Deiner Geburt in un­serm unterdrückten, früher so glücklichen und freien Va­terland erlebt habe. Damals schwur ich einen heiligen Eid: Wenn Gott mir Kinder schenken sollte, dieselben zu lehren, sich in den Tagen der Prüfung nicht auf ererbte Schätze, sondern nur auf eigene Kräft zu verlassen. Du warst das Kind, welches mir geschenkt ward. Ich habe Deiner Seele demüthige Ergebung in den unerforschlichen Willen des Höchsten e'iuzupflanzen gesucht. Deine Hand aber schenke ich in Fo ge dieses Eides blos einem Manne, der sich einem Handwerk gewidmet hat, womit er zur Zeit der Noth seine Familie ernähren kann. Es thürmen sich Wolken auf, ein Ungewilter zieht sich immer dichter zu­sammen; mögen wir, wenn es losbricht und sich entladet, dann bereit sein. So lauteten die Worte meines Vaters."

Marie schwieg. Während sie sprach, war sie immer eifriger geworden, eine Purpurflamme bedeckte ihre ge­wöhnlich bleiche« sammelnen Wangen und die große«