Einzelbild herunterladen
 

5 e r 5 f e (b e r Anzeiger.

^F 8V. Hersseld, den 31. Oktober. 1866»

Der „HerSfelder Anzeiger* erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond-Zeile oder deren Raum mit 9 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

Amtliches.

Der vormalige Hofengraisseur Friedrich EggerS zu Kassel ist zum Jnspector im dasigen Landkranbaus und

der pensionirte Sergeant im vorbinnigen Kurbesstschen Jäger-Bataillon, Conrad Friedrich Zülch zu Kassel, zum Kanzlisten bei der Königlichen Regierung' daselbst, beide provisorisch ernannt, sowie

die erledigte Rectorstelle zu Allendorf dem zu dersel­ben präsentirten außerordentlichen Psarrer Friedrich Opper aus Oberkaufungew übertragen worden.

DerKreissecretar bei der königlichen Polizei-Direction zu Marburg, Carl V. Witzleben, ist zum Secretar bei der königlichen Regierung in Hanau ernannt worden.

Der Controleur bei der Abtheilung I. der Haupt- staatskasse, Gorg Otto, ist zum Oberzahlmeister der Abtheilung 111 ernannt worden.

Ein gräflicher Uhrmacher.

(Fortsetzung.)

„Was muß ich hören!" rief der Graf höchlich er­staunt. „Sie glauben also, ich könne keine Frau ernäh­ren? Wie ich gestellt bin, könnte ich bequem wenn eS sein müßte, deren nicht eine sondern zehn ernähren. Sie vergessen, wer ich bin."

„Durchaus nicht, Herr Graf", hob Peter Sawatzki wieder an. „Ich weiß, daß Sie von hoher Geburt sind und daß Sie große Reichthümer besitzen. Gleichwohl aber bieten diese Borzüge, wie wohldieselben nicht zu ver­achten sind, keine sichere Bürgschaft für die Zukunft. Vornehme Abkunft kann befleckt oder verkannt und Reich­thum verschwendet oder geraubt werden. Heute reich, morgen arm — so kann es Jedem geben. Rathloö steht dann ein solcher Mensch da, außer Stande, sich oder An­dere zu versorgen, wenn er nicht eine lohnende Kunst oder ein Handwerk gelernt hat. Arbeit im Verein mit Kenntnissen ist der sicherste Reichthum. Wären Sie, Herr Graf, auch noch so gering, verständen aber eine nützliche Arbeit, so wurde ich, wenn meine Tochter es wünschte, Ihnen mit Freuden ihre Hand schenken; so aber ist es unmöglich."

„Sonach würden Sie einem schlichten Arbeiter den Vorzug geben?"

„Ja, dafern er nur ein tüchtiger und rechtschaffener Mann wäre."

„Das ist eine fixe Idee, welche Sie einmal bitter bereuen werden."

„Mag sein, gleichwohl aber bleibe ich unerschütterlich bei meinem Vorsatz stehen", antwortete Mariens Vater mit bedeutsamem Nachdruck.

Der junge Graf erhob sich und seine schlanke Ge­stalt erschien höher als gewöhnlich. Mit gerunzelten Augenbrauen und Zornesröthe auf den Wangen näherte er sich Peter Sawatzki, machte eine tiefe Verbeugung und sagte mit einer Stimme, welcher er einen möglichst kalten und ruhigen Ausdruck zu geben suchte:

„Leben Sie wohl, Herr Sawatzki Mögen Sie bald einen würdigern Bräutigam für Ihre Tochter finden."

Er eilte hinaus und sprengte wenige Augenblicke später auf seinem feurigen Renner mit verhängten Zügeln davon, während seltsame Gedanken seine stolze Seele durchzuckten.

„Ein schlichter Arbeiter!" murmelte er. „Mir einen schlichten Arbeiter vorzuziehen."

Peter Sawatzki blieb aber, als der junge Graf ihn verlassen, noch lange stehen, ohne seine Stellung zu ver­ändern. Der Lichtschein des auf dem Arbeitstisch stehen­den Armleuchters verbreitete über seine edlen Gesichts­züge und grangesprenkelten Locken einen goldenen Schein. Ein tiefer Seufzer hob seine Brust und der Gedanke, der seine tiefste Seele bewegte, sprach sich in folgenden Worten aus:

„O Polen, mein unglückliches Vaterland I Schon sehe ich in der Ferne Deine blutigen Kämpfe, welche der Druck bervorrusen muß. Marie, mein Liebling, ich er­scheine Dir hart und unbeweglich, aber ich kann nicht anders handeln."

Eines schönen Morgens, einige Tage nach dem vor­stehend mitgelbeilten Gespräck, saß Marie Sawatzki in ihrem Toilettezimmer vor dem Spiegel. Sie warf jedoch keinen Blick in das blanke Glas, um zu sehen, wie ihr schönes Gesicht sich in dem dunklen Rahmen der raben­schwarzen Locke» ausnahm, welche die Zofe auf eine neue