Hersfesöer Anzeiger.
M »5; Hersfeld, den 19. September. 1866*
Der „Hersfelder Anzeiger* erschein wöchentlich zweimal» Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond-Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
• Amtliches.
Der Justizbeamte Friedrich Reinhard Wilhelm von Gehren zu Borken ist in den Ruhestand versetzt und
dem Untergerichtsanwalt Philipp Prollius in Allendorf ist die Advokatur bei dem Justizamte in Abte« rode gestattet worden.
Der Feldwebel der 2. Garnisonscompagnie, Heinrich Philipp Bönning zu Marburg, ist zum Kanzlisten bei der Oberfinanzkammer provisorisch ernannt worden.
»Keine Mischehe.
Novelle aus dem Volksleben an der Ostseeküste von Friedrich Dentler.
(Fortsetzung.)
„Ich habe furchtbare Wochen verlebt — mich gesträubt, geweint, mein Geschick verwünscht — aber nichts half. Je mehr ich mich gegen die Heirath mit Hempel anflehnle, desto mehr drang der Pfarrer in mich, den Ketzer zu meiden."
„Das thut ein sogenannter christlicher Seelsorger — ich bedauere den Mann."
Ja — und wie oft redete der Pfarrer meinem Vater zu, er solle eine so verrucht evangelische Gegend wie diese verlassen — hier fände sich für mich keine passende Partie, denn hier sei nur das Gesinde katholisch.
„Warum geht der Pfarrer nicht auch aus dieser Gegend?"
’ „Weil seine Stelle zu gut, zu einträglich ist."
„Siehst Du, Margareth, siehst Du?"
„Hab'S meinem Vater auch gesagt, allein er läßt nichts aus den Pfarrer kommen — nichts!"
„3fT8 Unaufgeklärtheit vom Geistlichen, oder liegt's in den Begriffen, den Thesen der katholischen Kirche? — soll denn die Menschheit immerfort auf dem alten Standpunkte verharren? Zu eignem Nutz und Frommen bemüht sich die sogenannte Mntterkirche, Aberglauben um sich zu verbreiten — damit sie sich noch recht lauge be» hupten kann, lauge die Menschen unaufgeklärt läßt."
Da ward es lebendig im Flur, schwere Männertritte.
erschallten. Auf flog die Thür und herein trat Joachim Hempel, von seinem Matrosen gefolgt.
Er triefte von Wasser — er legte den Südwester auf den Tisch.
„Nun, ist der Alte nicht daheim?" rief er. £
„Nein", stammelte Margareth.
„So, so — wer weiß, ob er dann überhaupt noch heim kommen wird."
„Was?"
"Jungfer Braut, seht nur, es briest noch toll genug auf — keine Hand ist vor Augen zu sehen. — Gottlob, daß ich mich selber geborgen!"
„Das sagt Ihr mir, Hempel, mir?" Und ist'S Recht von Euch, den alten Vater zu verlassen?"
„Recht? —alle Donner, Recht? —■ werd' mich doch nicht selber ersäufen, Jungfer Braut?"
Es erfolgte eine Pause. — Hempel schien verlegen.
Nun erhob sich Constantin, den Hempel vorhin nicht gesehen, und begann: „Was, Ihr habt den Alten auf dem Haff gelassen und kommt allein nach Hause? Schämt Euch, wollt' sein leiblich Kind frein' und beträgt Euch wie ein Feigling?"
„Was habt Ihr hier zu suchen?" schrie Hempel überlaut. — „Hat der Alte Euch nicht seine Schwelle, sein Haus verboten?"
„DaS hat er, aber Dank dem Himmel, Hempel",. antwortete Constantin, „daß ich hier zu dieser Stunde eingekehrt bin. Ihr freilich haltet es nicht für nöthig, bei' dem alten Manne zu bleiben, Euch ist's gleich, ob ihm ein Unglück zugestoßen oder nicht!—Schämt Euch, schlagt erröthcnd an Eure Brust und sagt mir, wo ist's Gebrauch, daß ein Schiffer den andern in solchem Wetter verläßt und dann noch, wenn er mit ihm zusammen hinaus gesegelt auf das Wasser?",
„Von Euch habe ich nicht nöthig, mir Vorschriften machen zu lassen, von Euch nicht. Als künftiger Besitzer dieses Hauses und Gretens Bräutigam werde ich Euch hinauswerfen lassen, wenn Ihr Euch hier unanständig betragt", schrie Hempel.
»Ihr wißt es, Hempel", sagte Margareth, „daß ich Euch nie geliebt, daß ich nie mit meines Vaters Ansichten einverstanden war und meine volle Verachtung Den-