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Her8selber Anzeigser.

^ 65. Hersseld, den 15. August. * 18««.

Der „Hersfelder Anzeiger" erschein wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Nenmarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond-Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

Amtliches.

Der dem Eisenbahudirector Siegmund v. Schmer­feld ertheilte Auftrag zurVersehung der Geschäfte eines Postdirectors ist zurückgezogen worden.

Der mit den Geschäften eines Referenten, Secretars und Reposttars bei der bisherigen General-Post-Inspection beauftragte Oberpostamts - Secretar Ernst Bösser ist zum Hülfsarbeiter im Finanzministerium unter Beilegung Des Prädikats „Postrath" bestellt worden.

Der Juspector Christian Müller bei der Straf­anstalt zu Fulda ist in gleicher Eigenschaft zu dem Zucht­hause in der städtischen Kaserne zu Cassel und

der Verwalter im Stockhause zu Cassel, Johannes G öb el in gleicher Eigenschaft zu dem Zuchthause an der Fulda daselbst versetzt worden.

Der «Komödiant.

Zeitbild von Otto Moser. (Fortsetzung.)

„Sie haben das Vertrauen auf sich verloren—^ver­lieren Sie es nicht auch auf Gott!" rief Mit Thränen in den Augen der Schulmeister. Und an das kleine Fen­ster tretend, von welchem aus der Blick auf das Kiredlein mit seinem Friedhofe fiel, fuhr der alte Mann fort: „Sehen Sie dort den weißen Marmorstein mit der Urne ? Unter ihm schlummert ihre edle, fromme Mutter, die Sie liebte wie ihre eigene Seele. Können Sie wirklich dieser belligen Stätte so nahe die Erinnerung an daS treue Mutterherz durch ein öffentliches Possenspiel entweihen? Sollen wirklich die Leute mit Fingern nach dem Grabe zeigen und sagen, der da auf der Scheunentenne uns durch rohe Späße und Possen erheitert, ist der Sohn jener hochherzigen, durch ihre Güte und Wohsthätigkeit unvergeßlichen Edelfrau, die man vor länger als dreißig Jahren unter der Marmorsäule dort drüben begrub."

Der Komödiant stand neben dem alten Manne und sein Blick hastete fest auf dem Grabsteine seiner Mutter. Plötzlich rollten über seine Wangen zwei dicke Thränen hernieder.

„Meine Mutter!" flüsterte er. „O, ich hätte nicht gemeint, daß bei der Erinnerung an sie meine Augen noch feucht werden könnten, denn 'ich glaubte diesen Quell längst versiegt. Wie zieht doch plötzlich die liebliche Zeit meiner Kindheit so wunderbar ergreifend an meiner Seele vorüber. Mir ist es, als flüsterte der Mutter Stimme mir Trost ins Herz und doch der Fluch — der Fluch des Vaters! Er wird mir nicht Ruhe und Rast gönnen, bis er mich mit glühender Geißel in ein elendes Grab an der Kirchhofsmauer gehetzt hat."

„Wer Gott nicht verläßt ist auch nicht von ihm ver­lassen!^ rief der alte Schulmeister, des unglücklichen Mannes Hand mit warmer Herzlichkeit ergreifend. „Lie­ber Herr — ich bin ein armer Dorsschullehrer, der mit Noth und Sorgen zu kämpfen hatte sein Lebtage lang und oft nicht weiß, wo er mit Weib und Kind einen Bissen Brod hernehmen soll. Wenn aber das Elend mich niederzudrücken droht, dann gehe ich in mein einsames Kämmerlein, und bete so recht aus Herzensgründe zu unserm lieben Herrgott, daß er die Trübsal an mir vor- übergehen lassen möge. Da wi'rd mein Herz jedes Mal wieder freudig und hoffnungsvoll und ich schaue dem Un­glück mit gestärktem Muthe ins drohende Antlitz, bis die dunkle Wolke vorüber ist. So bin ich alt und grau ge­worden und habe mir mein Gottvertranen als köstlichsten Balsam für jede Wunde gewahrt. Greisen Sie auch zu diesem Mittel, lieber Herr! Wenden Sie sich an Gott, klagen Sie dem allliebenden Wesen Ihren Kummer und Ihr Herz wird Ruhe finden und des Vaters Fluch sich in Segen verwandeln!"

Ueber des Komödianten Antlitz flog ein düsteres Lächeln. „Ihr sprecht so schön, Herr Schulmeister, daß man sich versucht fühlen könnte, ein Betbruder zu wer­den", rief er; „aber ich habe gebetet und geflucht, und es ist trotzdem beim Alten geblieben. Habt Ihr einen Begriff, was es heißt, auf Erden keine Heimath zu be­sitzen? Wißt Ihr, wie es thut, dem verfluchten Ahas- verus gleich von Ort zu Ort zu wandern und das gram­erfüllte Herz in dem Kittel eines Possenreißers mit sich hernmzuschleppen? Schafft mir ein Stücklein Erde, Herr Schulmeister, wo ich meinen Herd aufrichten und die Stelle für mein einstiges Grab aussuchen kann! Gebt meinem Weibe und meinen Kindern eine Heimat, und