5 e r s f e s Ö e r Anzeiger.
J^ 63.
Hersfcld, dcn 8. August.
18««.
Der „Hersfelder Anzeiger" erschein wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt vk. 587) pro Quartal 71 Sgr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond-Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Amtliches.
Der vortragende Rath im Ministerium deS Innern, Regierungsrath Dr. Franz Lotz, ist zur Direction der Landeskrebitkasse versetzt, und
der Negierungsrath bei der Regierung zu Fulda, Edwin von Bischoffsh a u seu, zum Vortragenden Rathe im Ministerium des Innern ernannt worden.
Der pensionirte Sergeant Georg Fricdr. Schaum- - berg vom Kurhessischen Schützenbataillon ist zum Expe- ditionsgehülfeu der Eisenbahnstation Eassel ans Widerruf bestellt worden.
Dem Weiten Pfarrer und Diakonus Franz von RogneS zu Treysa ist die erledigte Stelle des ersten «formirten Pfarrers dortselbst mit dem Bicariate Fran- kenhain nbertmgen und derselbe zugleich zum Metropolitan der Klasse Treysa bestellt worden.
t«MMMkr^r>WMIM!W«M2!IM»M«-r,'^!»«»«««M«««M^1««««»s>s»2i.'MS«.Mi'^>^vü'!M'»«ilPLi»»ir«ch
Dev «Komödiant.
Zeitbild von Otto Moser.
Um den runden Tisch des Gasthauses zn NeinSdors hatten sich zu feierlicher Sitzung der Schulze und sämmtliche Gemeindevorstände des Dorfes versammelt. Zwar fehlte nicht vor Jedem der herkömmliche Krug Bier und in der arbeitSrauhen Hand die Tabakspfeife, aber man erkannte aus den feierlichen Gesichtern sämmtlicher Anwesenden, daß 6je;e leiblichen Genüsse ihnen nur als Anregungsmittel zu ernster Berathung dienten. Neben dem Dichter faß ein alter, hagerer Mann, in abgetragenem schwarzen Röcklein, mit einer Menge vergilbter Papwre ” 111 k>euen er eifrig herumstöberte und sie zu vrd-
1B(lr ber Schulmeister, welcher neben . i, JU roflU^ ^ Dienste zugleich auch das Amt eiues Gememdeschreibers versah.
s"t zweihundert Jahren schon pflegten die Un? Schoppen zu ReiuSdorf sich an diesem 'A 8« ^«ßiwimeln, indem ihnen dies eine Stiftung L/L war ein Fräulein aus altadelichem Gc- Ni»^ ^"lerii des Dorfes erkrankt und hatte auf dem miklergutö so lange freundliche Aufnahme und Pflege ge»
funden, bis sie wieder auf ihren nachbarlichen Edelfitz heimkehren konnte. Zum Danke für diesen Liebesdienst schenkte sie der Gemeinde einen prächtigen Wald mit der Bedingung, daß alljährlich an dem Tage, wo man sie krank anfgefunden, sämmtliche Arme, die sich einstellen wurden, nach einer gewissen Vorschrift gespeist werden sollten. Aus dieser Speisung war im Laufe der Zeit eine Art Volksfest hervorgegangen, zu welchem die ganze Nachbarschaft he> beiströmte und sich ein lustiges Jahrmarktstreiben entwickelte. Und dieser Umstand hatte die Dorf- regierung auch heute zusammengeführl. Es galt mit weiser Umsicht die Vorbereitungen und Anordnungen zu dem übermorgen stattfiNdenden Feste zu treffen, obgleich es in dem einem Jahre wie in dem anderen gehalten wurde. Man schlachtete Vieh, braute Bier, bezahlte die ausgelaufene Kostenrechnung und die Sache war abgethan.
Die Sitzung der ReinSdorfer Gemeindevorstände hatte eben ihr Ende erreicht und der Schulmeister begann seine Schreibereien zusammenzupacken, als die allgemeine Aufmerksamkeit sich einem Fuhrwerke zuwandte, das langsam daherschleichend, sich leicht als ein wandernder Thespiskarren erkennen ließ. Ein durch Hunger und Alter abgezehrter Gaul schleppte ihn durch den Koth der Straße, offenbar seine Anstrengung verdopelnd bei dem Anblick des Wirthshauses, dessen Bestimmung die davorstehenden Eimer und Krippen kennzeichneten. Neben dem Fuhrwerk ging ein langer, hagerer Mann, eben so elend gekleidet, als ein junger Bursch von etwa sechzehn Jahren, welcher den Gaul am Zügel führte.
Nach wenigen Minuten trat der ältere Begleiter deS Wagens ins Gastzimmer und frug nach dem Wirth.
»Wir sind reisende Komödianten und möchten bei Gelegenheit Eurer Armenspeisung einige Vorstellungen geben», sagte der Fremde. „Weist mir ein Gemach an, wo ich mit Weib und Kind einziehen kann und wenn Ihr mir die Tenne Eurer Scheune als Bühne überlassen wollt, so würde ich dies als große Gefälligkeit betrachten.»
„Sollt Beides haben", antwortete gutmülbig der Wirth. „Wer macht nur recht tolle Possen, damit man sich einmal derb anslacheu kann bei diesen schlechten Zeiten. Und dann noch eins, Herr Komödiant, laßt mein Federvieh und was sonst nicht Euer Eigenthum ist, in Ruhe, denn ich weiß anS Erfahrung, dch Eure Zunft m