Herssetder Anzeiger.
54. Hersfcld, dcn Juli. 1866»
Der „Hersfelder Anzeiger" erschein wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neu markt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postausschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond-Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Lucy Sommers.
(Fortsetzung.)
LucyS Rache war leicht ausführbar und bestand in Folgendem: Sie nahm den kleinen Alfred mit und beschloß, ihn nach der Fabrik zu bringen. Dieser Plan stieß anfangs auf kein Hinderniß; der Knabe folgte ihr ohne Mißtrauen; aber Sir Richards unerwartetes Erscheinen verwirrte sie und ließ sie beinahe die Ausführung aus einen andern Tag verschieben. „Mein Sohn leidet!" — Dieser Gedanke gab ihr den Muth wieder, sie that also, als entferne sie sich, dann kehrte sie aber wieder um und trat entschlossen in den innern Hof der Fabrik. Der Thürhüter war abwesend und Niemand bemerkte sie.
In dem Augenblicke, den sie gewählt, verließen die Arbeiter aus kurze Zeit Feile und Amboß, um die in die in der Nähe liegenden Kneipen zu füllen; in der Fabrik waren nur einige Arbeilsleute und Lehrlinge zurückgeblieben, die, in Abwesenheit ihrer Tyrannen, wenige Minuten Ruhe genossen. Lucy erstieg mit dem Knaben eine enge wurmstichige Treppe, deren Wände von grünlichem Wasser trieften, eilte die Stufen schnell hinauf und gelangte athemlos auf einen schmutzigen Borplatz, öffnete eine Thür, und befand sich in einem eiskalten Saale, in dessen Hintergrund ein jetzt verlassener, aber von einer an der Wand hängenden Ampel erleuchteter Schleifstein stand; neben demselben lag ein Strohsack, auf welchem der kleine Richard schlief. Lucy warf sich auf ihn und erweckte ihn mit ihren Küssen; im Nu entkleidete sie den kleinen Alfred, zog ihm die schmutzige Weste und die zerrissenen Beinkleider ihres Sohnes an, der auf ihren Befehl die Kleider seines ehemaligen Spielgefährten an« legte. Die beiden Kinder sahen sich verwundert an, ohne ein Wort. zu sprechen, nur aus Alfreds Augen rollten einige Thränen, als er, ohne etwas zu argwöhnen, seinen schonen Anzug einem Andern überlastn mußte.
. »Aber, gute Lucy, was soll denn das?" rief er weinend.
Lucy, die wirklich gut war, stand im Begriff, ihrer Rache zu entsagen und beide Kinder mit sich zu nehmen; aber da saß ihr Sohn vor ihr, und auf seinem kleinen abgemagerten Körper konnte sie die gestern und y-ule erhaltenen Wunden zählen; dazu ließ das Kind
einige Worte fallen, welche der Mutter ihren ganzen Rachedurst Wiedergaben.
„Mutter", sagte er, „ich habe Hunger! — Hast Du mir Brod mitgebracht?"
„Nein», erwiederte die Mutter mit fester Stimme; »aber wir wollen welches holen: Alfred wird uns hier erwarten.
„Ach, gute Lucy, nimm mich mit, laß mich nicht hier", bat der kleine Alfred. — Lucy, welche sttmen Zögling an Gehorsam gewöhnt hatte, zwang ihn durch einen Wink, sich auf den eben von Richard Zerlassenen Strohsack zu legen und verließ mit ihrem Kinde den Saal. Auf der Treppe fanden sie den Arbeiter Pegg, dem Richard übergeben war, sein Meister, oder vielmehr sein Tyrann. So wie das Kind ihn erblickte, drängte es sich dichter an seine Mutter. Pegg war das Muster jener Unglücklichen, die der englische Egoismus durch die Verzweiflung zum Viehe erniedrigt. Wer in England reich ist, der ist Alles, wer arm ist Nichts! Wenn nun ein Mensch zur Einsicht gelangt, daß er niemals reich werden wird, muß er sich wohl darin ergeben, nie einen Platz am Festmahle des Lebens zu haben, wie die Dichter sagen, nichts als ein fünftes Rad am Weltwagen zu sein; das sehen die armen Engländer vollkommen ein, und sobald sie diese Ueberzeugung erlangt, hat das Leben keinen Reiz mehr für sie, und sie verkürzen es durch alle möglichen Ausschweifungen.
Pegg war ein Grinder, d. h. ein Schleifer, und zwar ein Trockenschleifer, welcher auf dem trocknen Steine die englischen Gabeln schleift, die, wie man weiß, von Stahl sind, und der höchstens bis zum füufuudvreißigsteu Jahre lebt; der feine Staub des Steines und des Metalles vermischt sich mit dem Athem des Arbeiters, dringt in die Lungen und verletzt sie tödtlich. Die Arbeiter, welche er am längsten aushalten, sind die Trunkenbolde, weil sie sich häufiger entfernen als die Nüchternen, und so tödtlich der Gin auch sein mag, ist er doch besser für die Brust als der scharfe trockene, mit dem Athem sich vermischende Staub des Schleifsteins. Es ist gerecht, hinzuzufügen, daß die englische Menschenliebe ein Heilmittel gegen die todtlichen Wirkungen gesucht hat; sie hat eine Art Blasebalg erfunden, eine lange Röhre, die diesen Staub vertreibt und wegführt, sowie er entsteht,