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Hersfeld, den 30. Juni.
1866*
MM» Da mit Schluß dieses Monats das Abonnement des zweiten Quartals zu Ende geht, ss werden die verehrlichen Abonnenten ersucht ihr Abonnement für das mit dem 1. Juli beginnende dritte Quartal baldigst zu erneuern, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Die Expedition.
Lucy Sommers.
(Fortsetzung.)
Am andern Tage, als Sir Richard zuTowers kam, um endlich sein Herz der Frau zu enthüllen, die er seit so langer Zeit liebte, und der er ohne ihr Wissen so unheilbringend gewesen war, fand er das ganze Haus über ein unerwartetes Ereigniß in Aufruhr, Die Domestiken liefen von Boden nach dem Keller geschäftig und nahmen sich kaum Zeit, Sir Richard die Ursache des allgemeinen Schreckens milzutheilen. Man hatte den kleinen Alfred verloren — der Lohn des Hauses war verschwunden! —
„Seit wann?" fragte Sir Richard.
Das konnte man nicht sagen. Diesen Morgen erst hatte man sein Verschwinden bemerkt, Mrs. Lucy allein konnte angeben, wann sie ihn verlassen hatte, wie er ihr entkommen war, aber sie behauptete ein hartnäckiges Schweigen.
Sir Richard erinnerte sich, am vorigen Abend Lucy mit dem Knaben auf der Straße gesehen zu haben; behauptete jedoch die Unbeweglichkeit, die er stch angeeignet hatte und ging langsamen Schrittes nach dem Besuch- zimmer. Lucy befand sich in der Mitte des Gemachs und hörte kalt auf die wüthenden Schimpfreden, womit Herr Tower sie überschüttete: ebenso unbeweglich sah sie die Thränen seiner Gattin fließen.
„Ach da sind Sie!" rief der Fabrikant, als er Sir Richard gewahrte: „kommen Sie näher; sehen Sie zu, ob Sie ein Wort aus dieser Frau — ich meine Mrs. Sommers — herauslocken können."
Richard sah deutlich genug, daß Lucy vielleicht vor seiner gestrigen Rückkunft neuen Beleidigungen ausgesetzt gewesen war, nnd dass nur seine Gegenwart, sowie das Geschenk des kleinen Gutes, Herrn Tower bewogen hatten, seinen Ton zu ändern; was ihm dieses besonders wahrscheinlich machte, war LucyS Bläffe und der beinahe flehende Blick, den sie ihm zuwarf.
„Sir Richard", sagte Herr Tower, mit Mühe seinen Zorn beherrschend, „sie soll sagen, wo mein Kind hst; ich habe es ihr anvertraut — sie soll es mir wiedergeben!"
In LucyS Augen, in ihrer Unbeweglichkeit und so
gar in ihrer Blässe lag zwar ein Ausdruck von Bosheit nicht, aber dennoch etwas, was aus die Befriedigung einer Rache schließen ließ.
Mrs. Tower schauderte.
„Lebt er?" rief sie, „Lucy, lebt mein Kind?"
„Lucy", sagte Sir Richard nach kurzem Schweigen, „ist unfähig, Alfred das geringste Leid angethan zu haben."
„Ich danke Ihnen!" entgegnete Lucy sich zu ihm wendend.
„Aber was haben Sie denn mit ihm gemacht?" fragte Herr Tower.
„Ich habe ihn behandelt wie — meinen Sohn."
„Wo ist er, Lucy, wo ist er?" fragte Mrs. Tower, flehend ihre Hände faltend.
„Er ist als Lehrling in der Fabrik."
Bei diesen Worten sank MrS. Tower ohnmächtig in ihren Sessel; Herr Tower eilte, von Sir Richard'gefolgt, nach der Fabrik.
Lucy hatte Herrn Tower von einem Rachedurst erfüllt verlassen; um diesen befriedigen zu können, hatte sie in Gegenwart der beiden Galten geschwiegen. Es ist wahr, der Eintritt in die Fabrik des Herrn Tower war verboten; aber diesem Verbote war nicht Jeder unterworfen, und es war auch leicht zu umgehen. Eine Fabrik ist kein Gefängniß, die Arbeiter kommen und gehen, man mag ihren Frauen und Töchtern das Kommen noch so viel verbieten, so wird doch dieser Befehl öffentlich verletzt, besonders in den Stunden, wo der Thürsteher glaubt, daß die Pause in der Arbeit eine weniger strenge Aufsicht gestatte, dann bekümmert er sich um seine eigenen Angelegenheiten, sieht nach seinem Rostbeaf, be* gießt seine Georginen, oder geht auch wohl nach einer nahen Kneipe, um ein Glas Gin zu trinken. Lucy wußte wußte das Alles, und wenn sie um Erlaubniß gebeten hatte, ihren Sohn zu sehen, geschah es, weil sie, im Hause des Herrn selbst angestellt, mehr beachtet und weniger frei als Andere war. Indessen war es nicht unmöglich, Nachrichten von ihrem Richard zu erhalten, sie verlangte auch die Aushebung ihres Contractes mit Herrn Tower nur deshalb, weil sie wußte, wie ihr Sohn in der Fabrik behandelt wurde. (F- st)