- Hersfelder Anzeiger.
^49. Hersfeld, den 20. Juni. 1866.
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Kuey Sommers.
Erzählung aus dem Arbeitcrleben Englands.
(Krtsetzung.)
Nicht eine von den handelnden Personen dieses Auftritts hatte gesprochen was sie gedacht, oder sich ihrer natürlichen Eingebung überlassen. Durch Sir Richards Anwesenheit in Schranken gehalten, halte Herr Tower es übet sich vermocht seinen Zorn zu unterdrücken und angemessen mit Luch zu reden, anstatt sie mit Härte aus dem Zimmer zu weisen, ohne sie nur angehört zu haben. Von Natur gutmüthig und wohl einsehend, daß der kleine Richard ein passeMer Gefährte für ihren Alfred sei, hätte Mrs. Tower gern zu Gunsten Luchs gesprochen; aber ein Gefühl aristokratischen Stolzes hielt sie zurück, und da sie Richards Leidenschaft errathen hatte, auch jene weibliche Eifersucht, die nicht erlauben will, daß eine Liebe, die man doch zurnckweisen würde, einer Andern dargebracht wird. Sir Richard brannte vor Verlangen aufzustehen, Herrn Tower die nöthige Summe vor die Füße zu werfen und so Luchs Thränen zu trocknen; aber das war eine gewaltsame That, das hätte eine Scene herbeiführen und seine Gefühle bloslcgeu heißen, vor Zeugen, denen er in diesem Augenblicke keine Mittheilungen machen wollte.
Luch Sommers war schüchtern und sanft, aber nicht .schwach, und obschon sie an der empfindlichsten Stelle ihres Herzens verwundet worden war, reherrschte sie den in ihr sich regenden Zorn und verließ mit Rachegcdanken daS Zimmer.' Sogar der kleine Alfred hätte, da er den Namen seines Spielgefährten hörte, gern um dessen Befreiung gebeten, that'es aber nicht weil er nicht aus der ihm ungewohnten Zurückhaltung herauszutreten wagte. So waren Alle jenem englischen „Cant", jener Heuchelei, die trotz der ehrenwerthesten Gefühle auf den Grund des Herzens, das Gesicht der Menschen mit einer unbeweglichen farblosen Maske überzieht, treu geblieben.
„Glaubst Du, daß der kleine Richard verwundet worden ist?" fragte nachlässig Mrs. Tower ihren Mann.
„Nein, Liebe, cö war ein anderes Kind, ein sehr ungehorsamer dummer Knabe, der mit der Hand ein weiß geglühtes Eisen anfassen wollte,"
„Sehr wohl", entgegnete sie und wandte sich an den Officier: „Wird man Sie heute sehen, Sir Richard?" fragte sie ihn: „Trinken Sie eine Tasse Thee mit uns?"
„Ja gewiß!" erwiederte er lebhaft.
Dieses Versprechen war ein Beweis der Mäßigkeit, welche der Lieutenant bei einem Officiersessen ausznüben dachte. Aber ^ix Richard hatte jetzt seinen Vorsatz verändert und ldvLe^siÄst mehr bei diesem Essen zugegen sein. Er erhob sich dessenungeachtet, nahm Abschied von den beiden Gatten und nachdem er seinem Oberst ein paar Worte zur Entschuldigung seines Ausbleibens geschrieben hatte, ging er znr Stadt hinaus, träumend nach einem kleinen Gehölz wandernd, wo zu dieser Stunde des Tages (fünf Uhr) sich Niemand sehen ließ. Es handelte sich bei ihm darum, drei schwer zu vereinigende Dinge in Einklang zu bringen: Gewissen, Leidenschaft und Stolz. Die beiden ersten waren leicht zu vereinen, aber der sich zwischen drängende Stolz suchte das Gewissen zum Schweigen zu bringen, oder die Leidenschaft zu ersticken. Schon seit langer Zeit in dieser Lage. — Wir müssen acht Jahre zurückgehen, um solche begreiflich zu machen.
In seinem zwei und zwanzigsten Jahre hatte Sir Richard bereits seine Studien beendet, und eine große Tour auf dem Kontinente gemacht; dann kam er nach Woolwich mit dem Grade eines Fähnrichs und sehr reich durch den eben erfolgten Tod seines Vaters. Frankreich war das letzte Land gewesen, das er besucht hatte, und damals war er weit davon entfernt gewesen, jenes zurück- haltenve Wesen anzunnhmen, das ihn später auszeichnete; er war im Gegentheil ein heiterer, lustiger, fast ausgelassener junger Mann, das ererbte Vermögen erschien ihm nur als Mittel, seine Neigung zum Auswande und noch andere Wünsche seines Alters leicht zu befriedigen.
Erst machte er sich durch seine Verschwendung bc- merklich, und verliebte sich später in die Tochter eines unbedeutenden Kaufmanns, Rudledge genannt. — Dieses junge Mädchen war Luch. Obgleich schön, war sie doch für einen Edelmann keine glänzende Eroberung; aber nachdem er eine solche einmal versucht hatte war es schmachvoll für ihn, sich den Sieg entrissen zu sehen.
Richard fand einen Widerstand, den er nicht erwartete. Luch duldete seine Bewerbungen, ohne nur um