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JV ^8. Hersfeld, den 16. Juni. 1§S6»
Der „Hersfelder Anzeiger" erschein wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Renmarkt Nr 587) pro Quartal 7| Sgr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond-Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruht:
die erledigte Pfarrei Heiligenrode in der Klasse Oberkaufungon, dem Pfarrer Earl Schuchard in Wichte zu übertragen und
den Banreferenten bei der Regierung zu Marburg, Baurath Adolph Sezekorn, in gleicher Eigenschaft zur Regierung in Cassel zu versetzen und zum Mit- ' glied der Ober-Bau-Commission zu ernennen;
, den Repositar Heinrich Schmidt vom Obergewcht zu Hanau in gleicher Eigenschaft zum Oberappella- lionsgericht in Cassel,
den Reposicar Martin Sopp vom Obergericht zu Fulda in gleicher Eigenschaft zum Obergericht in Hanau und
den Amtsaktuar Georg Friedrich Henkel zu Ol- dendors in den Ruhestand
zu versetzen.
Kuey Sommers.
Erzählung aus dem Arbeiterleben Englands.
(AuS dem „Illustrirten Familien-Journal".)
(Fortsetzung.)
„Guten Tag, Sir Richard," sagte Herr Tower, „bin entzückt, Sie zu sehen; Sie werden mit uns essen?"
„ES ist mir unmöglich, heute dies Vergnügen zu haben," erwiederte sich verbeugend Sir Richard, „ich bin 'genöthigt ein Regimentsessen milzumacheu "
„So wollen Sie also einen Tag verleben, ohne Alfred zu sehen?" fragte boshaft Mrs. Tower; „aber sis haben ihn ohne Zweifel schon gesehen — Sie kommen aus seinem Zimmer."
„Das ist wahr," entgegnete Richard, „aber Alfred ist nicht zw Hause."
. Zu diesem Augenblick öffnete sich die Thür und der Knabe, fri'ch blühend, die Hände voller Spielsachen, .sprang inS Zimmer und eilte in RicharoS Arme —Lucy folgte ihm. Einfach aber mit größter Sauberkeit gekleidet, trug die junge Frau deu Ausdruck eines so heftigen Schmerzes in ihrem Gesichte, daß Mrs. Tower erschrak.
Herr Tower aber bedeutete sie durch ein Zeichen sich zu entfernen und erinnerte sie mit Härte daran, daß die Dienerschaft nicht ungerufen das Zimmer betreten dürfe.
„Ach mein Herr," rief Lucy, „verzeihen Sie mir; aber mein Sohn! mein Sohn! Gestatten Sie mir meinen Sohn zu sehen!"
„Warum?" fragte Herr Tower, „der Knabe arbeitet." _ -
„Ach!" fuhr die arme Mutter fort, „es ist ein Unglück in der Fabrik geschehen."
„Fast unbedeutend."
„Ein Kind ist verwundet worden."
„Wer sagt Ihnen, daß es daS Ihre sei?"
„Ich habe Herrn Sharp, den Chirurgins gesehen, der nach der Fabrik ging, ich habe ihm folgen wollen, man hat mich zurückgestohen . . eine Mutter zurückgestoßen!!"
„Sie können nicht in die Fabrik gelassen werden," rief Herr Tower mit großer Härte; „Sie würden die Arbeit unterbrechen — Was sollte aus uns werden, wenn die Mütter aller unserer- großen und kleinen Arbeiter stören könnten?"
„Aber wenn mein Sohn verwundet ist?" rief Lucy angstvoll.
‘ „Noch einmal," unterbrach sie Herr ferner mit großer Härte, „wer hat Ihnen gesagt, er wäre es? Uebri- gens, da Sie Herrn Sharp gesehen haben, können Sie beruhigt über die Sorge sein, weiche man für den Verwundeten trägt, wer es auch sein mag."
Mehr bedurfte es nicht, um Luchs Verzweiflung zu erhöhen; aber sie hatte das Bewußtsein ihrer Lage, und obschon sie einen festen Charakter hatte (ober vielleicht gerade'deshalb)'und da sie in der Gewohnheit der Ehrfurcht erzogen welche die Hierarchie des Rangunterschieds den Individuen auferlegt, wurde sie nicht heftig. Zedoch, da sie den Augenblick benutzen wollte, in welchem die Gegenwart der anwesenden Zeugen sie unterstützen konnte, begann sie von Neuern: . „ „
„Ich habe sie um eine Gnade zu bitten, mein Herr.
Lucy zog ein Papier aus der Tasche, eS war die Abschrift ihres mit Herrn Tower abgeschlossenen Eon- tracteS.
„Nehmen Sie dies Document zurück", bat sie, „und haben Sie die Güte, mir die von mir unterzeichnete Schrift