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Her8fetder Anzeiger.

^ 36. Hersfeld, den 5. Mai. 1866.

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond-Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wicdechol«1l^er«i 6 Heller berechnet.

Das HauS am rothen Rain.

Eine Volkserzählung von Dr. A. R öth.

Es war im Jahre 1^4X@in Segen stand im Feld, so voll und rei«,^j^ M> scrt vielen Jahren keines Men­schen Auge gesmeiWoatw^. Mf den Höhen und in den Tiefen wogten M Säii/ MUWeizenfeldcr wie ein wal­lendes Meer; t^urr Etd^herab neigten die reifenden Aehren -ihr schwer^-H«M, in Wiese, Feld und Wald 'duftete ei in kräftiger Frische und jeglicher Kreatur war wohl unter der freundlichen Sonne und dem heiteren blauen Himmel. Und inmitten d?-ses Segens lag von schimmerndem Grün und Obst tragenden Gärten um$M ben das reinliche und stattliche Dorf Niederaula. Manchem seiner Bewohner mochte das Herz aufgehen in Dank und Freude, wenn er hinaustrat in die weite, son- »lge Flur und die mancherlei Gaben vor sich hingelegt sah, daß er sie nehme und brauche zu des Leibes Noth- durft und Gottes Ehre. Doch daneben mochte auch der Gedanke sich regen, wäre doch das Gut erst all' unter schützendem Dach und behütete es der, der es gegeben, auch gnädiglich vor Schaden und Gefahr. Viele waren aber auch wieder, die schritten gleichgültig und ohne Got- tcsgedanken durch die wogenden Felder und glänzenden Wiesen und meinten, da- alles müßte so sein und sei nur der Lohn für ihren Schweiß und ihre Arbeit, und freuten sich schon im Stillen über den reichen Ertrag und die klingenden Münzen, die mit den vollen Säcken und Metzen in's Haus wanderten. Wahrlich, der han­delt nicht ungeschickt, der in der Freude zugleich an den Schmerz und in dem Besitz auch au den Verlust denkt. Gott ist der Herr über alles im Himmel und aus Erden, er kann geben und darreichen, aber auch wieder nehmen und zerstören.

.^8e'" heller, warmer Julisonntag und in sei- Geläute riefen die Glocken zum Hause des Herrn, ^ic Morgeutirche und auch der Nachmittags-Gottesdienst waren vornber, und noch zeigte der Himmel ein heiteres Gesicht. Schon schickten die Meisten aus dem Dorfe sich an, in die Felder zu gehen und sich da den Segen zu betrachten, der bald Boden und Keller füllen sollte, als

auf einmal ein scharfer Wind daherfuhr und trübe Wol­ken heraufzogen, die das Thal mit Dunkelheit deckten. Ferner Donner rollte über die Berge und leuchtende Blitze zerrissen das wetterschwere Gewölk. Ein mächtiges Gewitter war im Anzug und lagerte sich rings auf den Höhen unter dumpfem Grollen. Und nicht lange, so er­tönten lauter die Donnerschläge und flammender zuckte» die Blitze und in Strömen schoß der Regen zur Erde nieder. " Eine lichte Wolke trat aus dem Dunkel hervor, und nun war es nicht mehr der Regen allein, der her« niedercauschte, als wenn alle Schleußen des Himmels ge­öffnet wären, so in zahlloser Menge stürzten die Schlossen und schwere Eisstücke herab, daß die Ziegeln von den Dächern sich lös ten, die Fensterscheiben klirrend zerspran­gen und jeder Halm zerknickte und unter der gewaltigen Wucht erstarb. Der Tag hatte sich in tiefe Nacht ver­kehrt, und was bei dem Donnern und Blitzen, dem Sau­sen des Windes und dem Prasseln des Hagels das Ent­setzen noch vermehrte, war die tosende Fluth, die roth und schäumend von den Bergen sich wälzte, mit rasender Gewalt durch die Gassen des Dorfes zu dem Flusse eilte und Felder und Wiesen in ihren Wellen begrub. Es waren furchtbare Augenblicke, welche die Bewohner von Niederaula durchlebten, sie hatten ein Bild des Tages vor Augen, an welchem Zeichen geschehen werden an Sonne, Mond und Sterne und an welchem das Meer und die Wässerwogen brausen und auch der Himmel Kräfte sich bewegen werden. Eine Stunde nur tobte das Unwetter, aber die Arbeit eines Jahres lag zertrüm­mert und vernichtet. Die blühenden Steifer waren mit tiefen Furche» zerrissen und ihr Ertrag unter Schlamm und Gestein begraben, oder das Erdreich war völlig hin­weggeschwemmt und es starrte nur der nackte Felsen dem Auge entgegen. Von den Stegen über Bäche und Grä­ben war nichts mehr zu sehen. Den Wiesengrund deckte ein dunkeles, schlammiges Meer und an den Zäunen und Landstraßen lagen entwurzelte Baumstämme, Obstbäume und zerbrochene Gartenthüren wüst und wirr durcheinan­der. Inner- und außerhalb des Dorfes erblickte man an den Stellen, die das Wasser nicht berührt hatte, die Schlossen und Hagelkörner fußhoch aufgeschichtet und man mußte mit Hacken und Schaufeln sie zur Seite schaffen. An vielen Häusern waren die Grundmauern erschüttert