Hers selch er Anzeiger.
^F 33. Hersfeld, den 25. April. 6866»
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Der Spuk auf Her Schweuzvrücke.
(Fortsetzung.)
Jetzt war guter Rath theuer. Die Voltigeurcom- pagnie rückte ohne den fehlenden Mann zu einer Uebung aus und der Schulze lief in seiner Herzensangst nach Neustadt, um bei mir, seinem Justitiarins, über den Vorfall Bericht zu erstatten. Ich traf mit dem General gerade znr rechten Zeit inKampehl ein. Vor des Schulzen Behausung standen eine Menge Leute, darunter viele Soldaten, die eben vom Exerciren zürückgekehrt waren und überall hörte man Aeußerungen des Schreckens und Drohungen, das Mordnest niederzubrennen und keinen Stein aus dem andern zu lassen. Die französischen Os- ficiere, nicht minder aufgeregt, als ihre Soldaten, erschienen auf dem Platze, als gerade der General und ich enttrafen. Es wurde hierauf zur Untersuchung der Sache geschritten und das Resultat war entsetzlich genug. Die von Innen verriegelte Thür mußte erbrochen werden. Im Zimmer fanden wir den Voltigeur, wie bereits der Knecht berichtet, vollständig angekleidet rückwärts aufdem Bette liegend, die Hände krampfhaft zusammengeballt und das Gesicht gräßlich verzerrt. Aus dem Munde war ein Blutstrom gedrungen. Die Untersuchung der Leiche ergab, daß durch einen ungeheuren Druck der Kopf nach hinten gebogen worden und das Genick gebrochen war. Nirgend bemerkte man Spuren eines stattgesundenen KampfeS, Alles lag an seinem Orte, Nichts fehlte. Gleichwie die Thür von innen verriegelt gefunden wurde, war dies auch bei dem Fenster der Fall. Durch Thür lind Fenster konnte der Mörder nicht eingedrnngen 1c.ln» untersuchten daher mit peinlichster Genauigkeit die Decke, den Fußboden, die Wände des Zimmers — ntrgencs fand sich eine Spur, daß Jemand irgendwo in das Zimmer gelangt sein konnte. Und so ist dieser Mord unaufgeklärt geblieben bis auf den heutigen Tag. Beim Verhör der drei Landleute und des Todteugräbers, welche mit rem Ermordeten in dem Leichengewölbe gewesen wa- ren, kam dessen frevelhaftes Betragen daselbst zur Kennt-
bet placiere und ich bemerkte wohl, daß die Un- Heimlichkelt des ganzen Vorfalls auch auf sie einen tiefen Eindruck hervorbrachte. Die Sage vom Kalbutz aber
gewann durch dieses schrecklich^ Ereigniß neues Leben und heute noch.fürchtet man den Spuk. Ich habe mehr als einen ganz verständigen und vorurteilsfreien Mann gekannt, der lieber zwischen elf und zwölf Uhr bei Nacht den Bückwitzer See durchschwommen, als die Schwenz- brücke passirt haben wurde."
„Eine prächtige Gespenstergeschichte!" rief ich. „Wer weiß, ob mir nicht auch noch das Glück beschieden ist, die Bekanntschaft des spukenden Junkers zu machen, denn als ich zuerst auf dem Friedhofe zu Kampehl seinen Namen nennen hörte und eine leichtfertige Bemerkung aus- sprach, rüttelte er gar grimmig an den morschen Thüren seines Grabgewölbes, wie der Todtengräber meinte. Ich wagte freilich nicht, dem alten Manne zu sagen, daß ich das Rasseln und Klappern für die Wirkung eines prosaischen Zugwindes hielt.
„Seltsam bleibt die Sache mit dem Kalbutz doch", sagte ein alter Oberförster. „Was mich anbetrifft, so bin ich gewiß nicht abergläubisch, aber mich soll der Teufel bei lebendigem Leibe holen, wenn ich nicht am Harzgebirge drüben des Nachts auf dem Anstande das wilde Heer habe durch die Lüste johlen, kreischen und pfeifen hören. Der Pastor meinte zwar, es wäre ein Zug wilder Gänse gewesen, aber ich denke, der gute Mann verstand vom wilden Jäger und was sonst des Nachts in Wald und Flur passirt, nicht mehr, als ein wildes Schwein vom Orgelspielen. Gott straf mich, meine Herren, habe ich doch erst vor vierzehn Tagen in der Dämmerung den alten Wille auf seiner Breite herum- wandeln sehen, den Spazierstock aus dem Rücken, wie wir ihn fast Alle noch vor zehn Jahren kannten."
„Wieder ein neues Gespenst?" fragte ich lachend meinen Nachbar, den Hauptmann von Spundheber.
„Allerdings, aber ein guter Kerl!" entgegnete der alte Officier. „Er war Brauer in Wusterhausen und spazierte alltäglich aus die ihm gehörige Breite an der Wusterhausener Straße, wo er eine Obstplantage angelegt hatte. Seinen Spazierstock trug er stets quer über den Rücken, und hielt ihn mit den Gelenken beider Arme fest. Wie gesagt, er ist ein guter Kerl! Wenn Sie mit einem richtigen Gespenst Bekanntschaft machen wollen, so müssen Sie den Kalbutz heraussordern."
„Dazu haben Sie ja heute die beste Gelegenheit,