Hersfelder Anzeiger.
^24. Hersfeld, den 24. März. 1866»
Der „Hersfelder Anzeiger« erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond-Zeile oder deren RaUm mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Der Fluch -er bösen That.
Novelle von Ewald August König.
(Fortsetzung von Nr. 19.)
Die Nachforschungen, welche das Gericht in der Wohnung des Rentners anstellte, ergaben, daßdieSchieb- laden mittelst falscher Schlüssel geöffnet waren. Bei dieser Gelegenheit entdeckte man das geheime Fach, in welchem man nur ein Notizbuch fand. Dieses Notizbuch, welches Minna entweder vergessen oder der Beachtung micht werth gebalten hatte, enthielt ein vollständiges Verzeichnis aller in rem geheimen Fach aufbewahrt gewesenen Werthpapiere und Pretiosen. Es konnte nun keinem Zweifel mehr unterliegen, weshalb die Haushälterin sich heimlich entfernt hatte, und man nahm keinen Anstand, ihr auch die Beraubung der Kasse kurz nach dem Tode ihres Herrn aufzubürben.
Das Gericht erließ sofort einen Steckbrief und be#0 austragte mehrere Polizeiagenten die Verbrecherin zu verfolgen. Die Bemühungen der Polizei blieben erfolglos, die Haushälterin war verschollen, man mußte annehmen, daß es ihr gelungen sein werde, die Grenze glücklich zu überschreiten.
Ungefähr ein Vierteljahr später feierte Julius seine Verlobung mit der Tochter eines angesehenen, vermögen- den Kaufmannes. Aber trotz der Liebe seiner Braut mid der zuvorkommenden Freundschaft seiner künftigen «Schwiegereltern, trotz der schönen, glücklichen Zukunft, die vor ihm lag, schien der junge Mann nicht glücklich zu fein. Er war oft verstimmt, einsilbig und zerstreut, ja es kamen Augenblicke, in denen er durch sein rauhes «arfches Benehmen Alle, die ihm nahe standen, verletzte.
/( ^^^as von mir geerbt", pflegte sein Vater ^^.„Wende Braut zu beruhigen, „ich war in meiner
r ^ verstimmt und mürrisch. Bewegen Sie ryn, fwißig spazieren zu gehen und Zerstreuung zu suchen."
8uten Stunden ließ Julius sich ganz von seiner Vat^M^a«! ; S ihm ihre Befürchtungen über den h«ft^JernCds?at1.ctS ^"theilte, lächelte er und als sie ihn ^" ^ath zu befolgen und sie auf ihren Spazier- h hielten, sagte er die Erfüllung dieser Bitte ihr bereitwillig zu. a 1
An einem heitern Octobersonntage machte die ge- sammte Familie einen Ausflug nach dem eine Stunde entfernten Dorfe B. Dieses Dorf war die Eisenbahnstation, welche Julius derzeit der Haushälterin des Rentners als Anfangspunkt ihrer beabsichtigten Reise bezeichnet hatte.
Die kleine Gesellschaft wanderte zu Fuß hin, man wollte dort den Kaffee einnehmen, später eine Bowle ansetzen und den letzten Bahnzug zur Rückkehr benutzen.
»So oft ich an diesem Kreuze vorbeikomme, muß ich stets an den armen Mann denken, der hier den Tod gefunden hat", sagte Helene, während sie am Arme ihres Bräutigams das Gehölze durchschritt. „Man sollte solche Kreuze nicht an allen Orten, wo ein Unglücksfall statt- gefunden hat, aufrichten —"
„O, was kümmert es die Lebenden I" fiel der pen- sionirte Beamte ihr inS Wort. „Man muß an solchen Erinnerungszeichen vorbeigehen können, ohne sie zu bemerken."
„Das kaun nicht Jeder«, fuhr Helene kopfschüttelnd fort. „Der Gedanke, daß auf demselben Fleck, auf welchem ich jetzt stehe, ein Mensch vielleicht unter entsetzlichen Qualen und nach langem Todeskampse sein Leben ausgehaucht hat —"
„Helene!" rief Julius fieberhaft erregt.
Betroffen blickte die kleine Gesellschaft den Jüngling an, der an allen Gliedern bebend, mit bleichen Wangen und verstörtem Blick vor dem Kreuze stand.
■ „Lie sind krank, Herr Winter", sagte der Vater Helenens, „ich glaube —"
„Nein, nein, es ist nichts", unterbrach Julius ihn rasch, „ich habe in den jüngsten Tagen angestrengt gearbeitet, daraus läßt das Gefühl der Ohnmacht, welches soeben mich befiel, sich erklären."
„Du solltest Dich mehr schonen«, sagte Helene vorwurfsvoll, „schon oft klagtest Du über Müdigkeit und Erschöpfung.
Inzwischen hatte die Gesellschaft das Gehölz verlassen, vor ihr lag das Dorf, seitwärts eine bedeutende Fabrik. In der Nähe dieser Fabrik war ein großer und tiefer Teich, der schon seit Menschengedenken sich auf dieser Wiese befand und von den Eigenthümern der Fabrik bedeutend erweitert und vertieft worden war, Ungefähr