Hersfelder Anzeiger.
JV 15
Hersfeld, den 21. Februar.'
1866»
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bet der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond-Zeile ober deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen'mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruht:
ven Staatsrath Carl Pfeiffer zum Referenten für Recurs- und Conflskt« Sachen in dem Gesammt« Staats-Ministerium zu ernennen und mit der Stelle eines vortragenden Raths im Geheimen 'Kabinet zu beauftragen.
Der Fluch der bösen Ehat.
Novelle von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
Julius ging nicht in seine Wohnung zurück, er verließ unverzüglich das HauS und kehrte erst nach Mitternacht heim. Als er am nächsten Morgen in das Wohnzimmer trat, saß sein Vater bereits beim Frühstück. Der Blick deS alten Herrn ruhte forschend auf den bleichen verstörten Zügen des SohneS, der während der Nacht kein Auge geschlossen hatte.
„Fertig?" fragte er.
Nach diesen zwei Worten stockte daS Gespräch, bis der Vater den Faden wieder anknüpste. „Ich habe mir gestern Abend unsägliche Mühe gegeben, eine Anleihe für Dich zu machen", sagte er, „aber wie ich's vorausgesehen hatte, so traf es ein. Der Eine hatte augenblicklich nichts, der Andere bedauerte, nicht vorgestern gewußt zu haben, daß ich in Verlegenheit sei, der Dritte hoffte, binnen acht Tagen meinen Wunsch erfüllen zu können, — kurz, es war daS alte Lied und die Wahrheit des Spruches: In Geldsachen hört die Freundschaft aus, wurde mir wieder einmal recht klar gemacht."
„Ein Freund hat mir die Summe vorgestreckt", erwiederte^ Julius, eine Unbefangenheit heuchelnd, welche der unftäte Blick Lüge strafte, „ich werde suchen, sie ihm nach und nach zurückzuzahlen."
Der alte Herr nickte befriedigt und zündete eine Cigarre an. „Es freut mich, daß wenigstens der öffentliche Eclat,vermieden wird", sagte er nach einer kurzen Pause, während er den Rauchwölkchen seiner Cigarre
sinnend nachblickte, „denn ein gutes Theil Deiner Schuld wäre auf mich zurückgefallen. — Apropos, weißt Du schon daß der Rentner Stark gestern Abend plötzlich ge* sterben ist?"
Julius wagte nicht, dem Blick des Vaters zu begegnen, er fühlte, daß derselbe s"rschend auf ihm ruhte, „gestern Abend?" fragte er leise. „Plötzlich?"
„Der Schlag hat ihn gerührt, die Haushälterin fand ihn vor dem offenen Secretair. Der Tod muß augenblicklich erfolgt sein, denn man fand vor ihm mehrere Geldrollen, auch will die Haushälterin vorher keinen Hülferuf oder irgend ein Geräusch vernommen haben. Ich dachte, Du wolltest ihn gestern Abend besuchen? Er muß schon todt gewesen sein, als ich Dich verließ; hättest Du meinen Rath befolgt, würdest Du zuerst ihn gefunden haben, war jedenfalls für Dich unangenehm gewesen wäre."
„Unangenehm? Weshalb?" erwiederte Julius, mühsam seine Fassung behauptend.
„Weil, wie bemerkt, der Secretair offen stand und die Haushälterin behauptet, ihr Herr habe kurz vor seinem Tode einen bedeutenden Zinsposten eingenommen. Dieser Posten betrug über tausend Thaler, außer einigen Rollen, die ungefähr hundert Thaler enthielten, fand man nicht» mehr von dem Gelbe."
„O, und daS hat man schon jetzt ermittelt?" fragte Julius, der, um seine gewaltige Aufregung zu bemeistern, sich erhoben hatte und an das Fenster getreten war. „Ich wollte gestern Abend Deinen Rath befolgen, aber ich fürchtete, daß mein Wunsch, den alten Knicker zu einem Darlehn zu bewegen, scheitern würde, deshalb ließ ich meinen Vorsatz wieder fallen."
„Und es war gut, daß Du ihn fallen ließest", sagte der pensionirte Beamte. „Jetzt geh', Julius, Deine Stunde hat schon geschlagen, und ich denke mir, Du wirst vor der Revision noch Manches zu ordnen haben. Aber wasche zuvor Deine Augen mit kaltem Wasser, es macht keinen guten Eindruck, wenn der Kassirer zur Revision seiner Kasse mit den Spuren einer durchwachten Nacht aus dem Gesicht erscheint." — . „ _
Die Revision der Kasse wurde mit gründlicher Genauigkeit vorgenommen und die Mitglieder der Commission fanden sich bewogen, nach Beendigung derselben dem