Zerssesder Anzeiger.
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Hersfeld, den 3. Februar.
1866»
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7^ Egr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postausschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond-Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruht:
den Oberst von Osterhausen, Commandeur des 2. Infanterie-Regiments (Landgraf Wilhelm von Hessen), zugleich zum interimistischen 2. Commandanten von Hauan zu ernennen;
den Gymnasiallehrer Pfarrer Theodor Fenn er zu Marburg zu pensioniren und dem Dr. med. Joseph Ritter aus Spangeuberg die Praxis als Arzt, Wundarzt erster Classe und Geburtshelfer mit dem Wohnort Fulda zu gestatten.
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Die letzte Macht.
Novelle von E. A. Kögig.
(Fortsetzung.)
Der Freiherr hatte sich erhoben, er entsann sich der Worte, welche Marie in verwichemr Nacht zu ihm geredet hatte.
i. »Ich begreife es nicht", sagte er, „mein Lebenswandel mußte sie zurückstoßen, sie konnte mich nicht achten—"
»Sage das nichts unterbrach Frau von Barenhorst ihn, „ein Mädchenherz geht über den Leichtsinn und die Thorheit der Jugend ohne großes Bedenken hinweg. Marie hat mir ihre leidenschaftliche Liebe nicht gestanden, aber ich le|e in ihrer Seele wie in einem offenen Buche. Ich hielt es für meine Pflicht, Dich darauf aufmerksam zu machen, Dir bleibt es natürlich nbetlassen, was Du thun willst. Verschmähst Du die reine, vertrauende Liebe dieses Mädchens, so darf Marie uns nicht begleiten —"
»Darüber zu entloben, Mutter, ist der gegenwärtige Augenblick nicht geeignet", fiel der Freiherr hastig
"3$ danke Dir für Deine Mittheilung und bitte Dich, nur Zeit zur Ueberleguug zu gönnen."
'E Dir in dieser Angelegenheit nicht rathen", fuhr Frau von Bärenhorst ruhig fort, „weder mein Rath, meine Wunsche dürfen Deinen Entschluß beeinflussen. Nur die Erklärung Halle ich für nothwendig, daß ich in > » ^.^Ä^^u Herkunft Mariens kein Hinderniß für oa? Gluck Eurer Ehe erblicken würde, Marie ist den Anforderungen unseres Standes entsprechend erzogen und
ihre Tugenden überwiegen den Mangel eines Wappens. Der Seelenadel, Konrad, ist stets der höchste, ihm muß der Geburtsadel nachstehen."
In Sinnen versunken, verließ der Freiherr das Gemach. Er hatte Marie stets als seine Adoptivschwester betrachtet, und in dieser Eigenschaft war sie für ihn das Kind geblieben, mit welchem er vor Jahren scherzte und spielte. Jetzt stand sie plötzlich als die herangewachsene, blühende Jungfrau vor ihm, er fragte sich, wie eS möglich sei, daß er nicht früher schon diese Verwandlung entdeckt habe. Die Mutter hatte von seinen Augen die Binde genommen, auch er blickte jetzt in diese reine Seele, die mit all ihrem Sinnen und Trachten sich vertrauensvoll ihm bingob. Und diese reine unschuldsvolle Liebe, von deren Existenz er niemals etwas geahnt hatte, ermutbißte ihn. Das Gefühl, um seiner selbst willen geliebt zu sein, geliebt von einem edlen, engelreinen Herzen, erfüllte ihn mit Stolz, und dieses Gefühl wirkte um so beseligender auf ihn, als er sich von all' seinen Freunden, von all' denjenigen, welchen er Wohlthaten erzeigt lalle, verlassen sah, als er die Erfahrung machen mußte, daß seine Freundschaft mißbraucht worden war.
Die Unterredung mit seiner Mutter halte eine volle Stunde in Anspruch genommen und inzwischen der Gläubiger nebst dem Gerichtspersonal sich schon eingefunden.
Als der Freiherr das Zimmer feiner Mutter verließ, trat der Diener ihm schon mit der Meldung entgegen, daß Herr Ephraim Löwenstern ihn bitten lasse, im Wappensaale zu erscheinen.
„Also dort!" murmelte Konrad, während er über den Korridor schritt, »der Jude scheint entschlossen zu sein, mir keine Kränkung zu ersparen.«
Ephraim Löwenstern, der Friedensrichter, der Verwalter und zwei Schreiber halten bereits an dem großen Epelselisch Platz genommen, sie erhoben sich nicht, als der Freiherr einträt.
In den dunkeln Augen des jungen ManneS blitzte eS zornig auf.
„Sie kennen das Urtheil des hohen Gerichtshofes?« nahm der Richter im Tone geschäftsmäßiger Gleichgültigkeit das Wort. „Ich habe also nicht nöthig, Ihnen dasselbe nochmals vorzulesen."
„Sparen Sie die Mühe, ich kenne den Spruch",