Hersfesder flnjeigen
V« Hersfeld, den 24. Januar. 1866»
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr., bei den Postanstallen kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond-Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Die letzte Nacht.
Novelle von E. A. König.
(Fortsetzung.)
Die trotzige Sprache, welche dieser vordem so kriechende, unterwürfige Mann führte, der Hohn, mit welchem er seinem Herrn gegenübertrat und das unverkennbare Bestreben, den Befehl des Freiherr» zu umgehen, erweckten in der Seele Konrads die Vermuthung, 'daß der Verdacht Mariens begründet sei.
Aber selbst, wenn dem so war, wenn der Verwalter fich durch Betrug bereichert hatte, wodurch konnte Konrad eS beweisen? Er besaß im Verwaltungsfach nicht die geringsten Kenntnisse, und abgesehen hiervon war die Zeit zur Ermittelung des Betrugs zu kurz. Ihn zu entdecken und. festzustellen, bedurfte es vielleicht der Arbeit mehrerer Tage und nach wenigen Stunden schon war es zu spät!
Die Rückkehr des Verwalters verzögerte sich auffallend, der Freiherr hatte schon dreimal die Glocke gezogen, es schien fast, als ob das gesammte Dienstpersonal das Schloß verlassen habe.
Konrad entschloß sich, hinunterzugehen um die Ursache dieser Verzögerung zu erforschen. Als er die Thür zum Wohnzimmer des Verwalters öffnete, sah er den letzteren, von der Dienerschaft umringt, vor einem offenen Schranke stehen. Dieser Schränk, welcher zur Aufbewahrung der Verwaltungsbücher und Doeumente benutzt wurde, war zur Hälfte leer. Der Verwalter wandle sich beim Eintritt seines Herrn um, der Ausdruck starren Entsetzens ruhte aus seinen finstern Zügen.
„Ich warte bereits seit einer halben Stunde", sagte der Freiherr barsch, beeilt Ench!"
Der Verwalter zeigte auf den Schränk. „Dort lagen die Bücher noch gestern Abend", sagte er, „ich selbst legte sie in den Schränk, jetzt sind sie spurlos verschwunden."
Der Freiherr glaubte nicht an die Aufrichtigkeit dieser Behauptung, die nur zu sehr geeignet war, den plötzlich erwachenden Verdacht zu bestärken. Er drohte mit Haussuchung und sofortiger Verhaftung, der Verwalter zuckte die Achseln und äußerte die Ansicht, daß der Baron selbst, um die Katastrophe hinauSzuschieben, der Dieb
sein könne. Zur Begründung dieser Ansicht führte er an, daß er, nachdem er die Bücher hineingelegt, den Schränk verschlossen und den Schlüssel in seine Tasche gesteckt habe, daß aber außer diesem ein zweiter Schlüssel vorhanden sei, der seit Jahr und Tag in dem Seeretair des Freiherrn liege und Niemand die Benutzung dieses Schlüssels zur Entwendung der Bücher bezweifeln könne, da das Schloß unversehrt und der Schränk wieder verschlossen gewesen sei.
Diese Frechheit empörte den Freiherr». Er entsann sich allerdings, daß jener zweite Schlüssel in dem Secre- tair lag, aber nie hatte er daran gedacht, von demselben Gebrauch zu machen. Er befahl einige» Knechten, den Verwalter auf das Strengste zu bewachen und ordnete unverzüglich eine Durchsuchung der gesammte» Mobilien dieses Mannes an.
Die Bücher wurden nicht gefunden, und das Benehmen des Verwalters, welcher die thätigste Hülfe bei der Haussuchung leistete, war nicht das eines Mannes, der absichtlich einen Diebstahl vorschützt. Sein Zorn, seine Rathlosigkeit und sein Verdruß trugen zu sehr das Gepräge der Wahrheit, als daß man sie für eine MaSke hätte halten können. . v .
Der Morgen graute, als der Freiherr in das Erker- zimmer zurückkehrte. Der Diebstahl, wenn der Verwalter nicht mit meisterhafter Verstellung denselben vorschützte, war ihm unbegreiflich. Die Katastrophe konnte er durch denselben nicht aushalten, aber jedenfalls wollte er strenge Untersuchung beantragen und die Bücher, sobald sie sich vorfanden, einer genauen Revision unterwerfen lassen. Diese Revision, sie mochte aussallen, wie sie wollte, an. derte freilich daS Urtheil nicht, welches die Herrschaft Bärenhorst dem Gläubiger des zeitigen Freiherr» nberlie. ferte, aber durch sie konnte Konrad vielleicht die Schande, welche dieses Urtheil über ihn brächte, mildern.
Als die Schloßuhr acht schlug, ließ der Freiherr seine Mutter um eine Unterredung bitten.
Die alte Dame war bereits seit einer Stunde angekleidet, sie empfing den Sohn in einem Anzüge, welchen sie früher nur bei Hoffesten getragen hatte. Eine Robe von schwerer buntgestickter Seide umrauschte sie, ein Diadem von werthvollen Brillanten schmückte ihr ehrwürdiges Haupt. (Forts. folgt)