Einzelbild herunterladen
 

366 -

war, mit eine Felsentreppe hinab zu meißeln und mit Pulver auszusprengen, dessen ich genug dazu bei mir zu haben glaubte.

Ich machte mich sofort an's Werk und arbeitete rastlos. Im Anfänge wollte mich, der ich nie vorher vor Schrecknissen irgend einer Art zurückgebebt war, das Gefühl der gänzlichen Einsamkeit und Hülflosigkeit in dieser so überaus großartigen und schrecklichen Natur fast erdrücken. Denkt Euch umringt von himmelbohen Fels­wänden um und über Euch, die einen die Hälfte des Tages im eisig kalten tiefen Schatten liegend, die andern im blendendsten Sonnenlichte erstrahlend und davon fast glühend gemacht, so daß Ihr bald in diesem Dunkel und dieser Eijcskälte, bald in dieser Hölle von Hitze und Licht arbeiten müßt. Denkt Euch diese ungeheuren Felsenrie- sen schichtenweise in die mannigfachsten Farben gekleidet, in grelles Ziegelrotb, in Violett und Purpur, in helles Weiß und schmale Streifen des dunkelsten Schwarz, Far- benkontraste, welche Euch auf Zeiten geradezu entzücken, seltsame und zauberische Felsformen, welche Eurer Ein­bildungskraft eine versteinerte Geisterwelt vorspiegeln und Euch wunderbar aufregen können, um bald darauf Euch wieder durch das starre Einerlei der Unbeweglichkeit, durch den Mangel alles Lebens, alles mit Euch Sym- pathisirenden tief erschüttern und zum Gefühl der Ohn­macht herabzudrücken. Denkt Euch die stete Nähe der Gefahr, und daß ein einziger Fehltritt, ein Augenblick der Ermüdung oder des Schwindels, oder irgend ein Zufall Euch in unfehlbaren Tod, in eine Tiefe hinab­schleudern muß, wo nicht einmal Eure vergänglichen Ue- berreste wieder vor ein menschliches Angesicht kommen werden. Denkt Euch das Alles und erwägt, in welcher Spannug aller meiner Nerven und Muskeln ich fortwäh­rend ausdauern mußte, mit welcher übernatürlichen Auf­bietung von Willenskraft ich die unausbleiblich oft wie­derkehrende Erschöpfung zu besiegen hatte, endlich wie aufreibend eine solche Lebensweise ist, wenn sie auch nur mehrere Tage dauert.

«Das Gestein, an welchem ich eine nicht viel über einen Fuß breite Treppe abzumeißeln hatte, war entwe­der ein weicher Kalk oder ein noch weicherer Sandstein, in welchem ich jeden Tag über hundert Fuß tiefer ver­rückte. An einigen Stellen hatte mir die Natur vorge­arbeitet, indem sie schräg am Abhänge hinlaufende Vor- jhrünge gebildet hatte, denen ich oft nur eine etwas größere Breite zu geben hatte, während an anderen Stellen der Weg überflüssig breit war. Dagegen hatte sie auch an einigen Stellen Schwierigkeiten erfunden, an deren Besiegung ich beinahe verzweifelt wäre. Die erste war, als ich in der Tiefe von etwa 1000 Fuß an eine Felsenwand kam, welche weit und breit so stark nach in­nen sich einböschte, daß an ein Ausmeißeln einer Treppe nicht zu denken war. Hier blieb nichts übrig, als mich wieder zweihundert Fuß weit schief aufwärts zu meißeln, wo eine andere Felsennase begann, welche auf natürlichen Vorsprüngen mich wieder nach einer mehr auswärts ge-

böschten Wand führte. Als es mir geglückt war, diese» Anfangs für übermenschlich gehaltene Hinderniß zu über­winden, kam ein viel größeres Selbstvertrauen über mich.

Ein zweites Mal gab unter meinen Füßen ein Felsstück nach, und ich stürzte in die Tiefe. Neinich glitt an einer wohl zweibundert Fuß hohen Strecke der Wand, welche sanft, aber spiegelglatt sich abdachte, bis auf einen breiten Vorsprung hinab, wo ich im Aufstellen mich festhalten konnte. Ich hatte im Fallen den einen meiner Meißel verloren, der zweite lag noch oben, von wo ich ausgeglitten war. Ich mußte" wieder zur AuS- gangsstclle hinauf und hatte dazu als einziges Werkzeug nur ein Taschenmesser bei mir, welches auf dem hier et­was harten Gestein nur langsam arbeitete und rasch sich abnutzte. Geschunden und zerschlagen, wie ich war, und mit nur für einen Tag Lebensmittel in der Tasche, machte ich mich an die mühselige Arbeit, welche drei volle Tage dauerte. Meine Kräfte und mein Messer waren völlig anfgebraucht, als ich den alten Standpunkt wieder er­reicht halte.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

Berlin. Ein beklagenswerther Fall ereignete sich am Freilag Abend in der Eharito. In einem Kranken­zimmer befanden sich 4 am Delirium leidende Männer, die auf ihrem Lager festgebunden waren und alle 4 dem Anscheine nach schliefen. Der Wärter ging nur aus Augenblicke in ein 'Nebenzimmer, um sich für den Nacht­dienst umzukleiden, und diesen Moment benutzte einer der Kranken, der schon der Heilung nahe zu sein schien, sich seiner Bande zu entledigen; er_ sprang in plötzlich wiederkehrender Tobsucht auf, ergriff einen Stuhl, schlug damit auf die drei anderen, aus ihren Betten sestgebuu- denen Kranken los und zerschmetterte zweien den Schä­del; der Eine war sofort todt, der Andere starb eine halbe Stunde später und der Dritte ist so schwer ver­letzt, daß man an seinem Aufkommen zweifelt. Nur mit großer Mühe war der Rasende zu überwältigen.

Bielefeld, 12. Nov. Heute Morgen kurz vor 7 Uhr explodirte der Dampfkessel der Wach'schen Cement­fabrik dahier, zertrümmerte das aus starken Mauern be­stehende Maschinenbaus und öffnete die anstoßende Seite des benachbarten Wohnhauses bis zum Giebel. Leider ist fast die gesammle Bedienungsmannschaft bei diesem erschütternden Ereignige zu Grunde gegangen. Vier Leichen, entsetzlich verstümmelt, wurden'sofort gefunden, eine davon über 200 Schritt fortgeschleudert, zwei atrdere am Nachmittage in einem benachbarten Garten. Ein Schwerverwundeter erlag am Vormittage. Zwei Perso­nen werden noch vermißt und sind vielleicht noch unter dem Schütte begraben, den man sofort nach der Kata­strophe wegzuräumen begann. Außerdem haben noch zwei Arbeiter bedenkliche Verletzungen erhalten.