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flersfesber Anzeiger.

Nr. SO. Hersfeld/'den 31. August. 1864.

Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Nenmarkt Nr. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hlr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postaus­schlag .hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond-Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, beTTS*** Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

Ein eleganter Spifjöuöe des achtzehnten Jahrhunderts.

Von S. Augustin.

I.

Cartouche war seit eben acht Jahren hingerichtet, als die gute Stadt Paris durch einen andern Beutel­schneider, der grausamer, tollkühner und deshalb noch bei weitem interessanter war, als sein Vorgänger, in Schrecken gesetzt wurde.

Verbrechen auf Verbrechen wurden begangen, ohne daß es der Polizei gelang, den oder die Uebelthäter zu fassen. Man sprach von nichts Andern:, als den ebenso abscheulichen als tollkühnen Thaten, die sich Tag für Lag, oder vielmehr Nacht für Nacht in der Stadt und der Umgegend wiederholten; dessenungeachtet aber vermochte Niemand über die Persönlichkeit des Thäters die mindeste Auskunft zu geben — ja selbst sein Name blieb unbekannt, bis er selbst es für gut fand, den Namen PoulMer zum Schrecken der französischen Hauptstadt zu machen.

Pierre Poulailler war in einem kleinen Orte an der bretagnischen Küste geboren, und seine späteren Thaten und Abenteuer haben seine abergläubischen Landsleute veranlaßt, schon seine frühe Jugend mit einem Kreis von Sagen zu umgeben, in welchen der Teufel, mit dem man ihn im Bunde glaubte, keine geringe Rolle spielte.

Was wir an glaubhaften Thatsachen aus diesem Wust der abenteuerlichsten Geschichten herausschälen, be­schränkt sich darauf, daß sein Vater Jacques Poulailler ' ein ehrlicher Fischer, seine Mutter in ihrer Jugend eine berühmte Schönheit und in der Umgegend unter dem Namen „die schöne Jsabeau Colomblet" bekannt war

Pierre Poulailler finden wir im Alter von zehn Jahren als Schiffsjungen an Bord eines Kaufsahrers. Im zwölften Jahre bestahl er seinen Capitän und floh mit seinem Raube nach England, wo es ihm mit Hülfe seiner bewundernswürdigen Gewandtheit und seines an­genehmen Wesens gelang, sich für den Sohn eines sran« zosischen Herzogs auszugeben und vielfach Interesse zu

$’$ ^"„ die Furcht vor Entdeckung einer Menge glücklich ausgeführter Schwindeleien in sein Vaterland zurucktrieb. Im sechzehnten Jahre ließ er sich bei einem

Regiment in der Champagne als Tambour anwerben — desertirte indeß schon nach zwei Jahren und schloß sich einer herumziehenden Zigeunerbaude an. Eine Zeit lang that er nun nichts, als daß er kleine Dieb-reien mit Glück und Geschicklichkeit ausführte. Späterhin zog er mit einem Seiltänzer umher, fungirte als Ausrafer, spielte Komödie, hatte als Wunderdoctor nicht unbedeu­tende Erfolge — kurz er durchlief eine ganze Stufenlei­ter von Metamorphosen, um seine Laufbahn als einer der berüchtigsten Räuber seines Jahrhunderts zu enden.

Dennoch schien es noch ein Mal, als habe sein gu­ter Engel ihn nicht ganz verlassen. Er machte sich plötz­lich von seinen übelberufenen Kameraden los, und ließ sich abermals in die Armee anwerben. Seine Vorgesetz­ten waren zufrieden mit ihm, sein Betragen war tadellos, und wer weiß, ob es ihm, trotz seiner befleckten Vergan­genheit, nicht gelungen wäre, sich auf dem rechten Pfade zu erhalten, hätte ihm nicht das Schicksal in Gestalt ei­ner hübschen, frischen Markedeuterin einen Stein in den Weg geworfen.

Der leicht entflammte junge Mann faßte eine hef­tige Leidenschaft für daS Mädchen, hatte aber das Un­glück, in einem seiner Vorgesetzten, dem Seroeant-Major, einen Rivalen zu finden. Eines Tages kam es zwischen den Nebenbuhlern zum offenen Streit. Der Sergeant versetzte Poulailler in der Hitze einen Schlag ins Gesicht, und dieser riß vor Wntb und Eifersucht seiner selbst nicht mehr mächtig, das Seitengewehr aus der Scheide und verwundete den Angreifer so gefährlich, daß dieser einige Tage darauf an der Verletzung starb. Zum Glück für Poulailler befand sich das Regiment in der Nähe der deutschen Grenze. _ Es gelang ihm, sich der Strafe durch die Flucht zu entziehen, und von der Zeit erklärte er der menschlichen Gesellschaft, die ihn als einen Geächteten verfolgte, für immer offenen und erbitterten Krieg.

Und Pierre Poulailler, obgleich ein einzelner Mann, war dennoch kein zu verachtender Feind. Seine man­nigfachen Begabungen und ungewöhnlichen Talente, eine angenehme jugendliche Persönlichkeit, seine herculische Kraft,, sein entschlossener Charakter, sein bis zur Toll­kühnheit gehender Muth, die Umsicht und Klugheit, mit der er bei allen Unternehmungen zu Werke ging, eine fast unbegreifliche Schnelligkeit in der Ausführung einmal