Herssesder Anzeiger.
Nr. SS. Hersfeld/ den 17. August. 1864*
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Zwei schreckliche Nächte.
Von P. v. Fri-crici.
(Aus dem „Jllustrirten Familien-Journal".)
(Schluß.)
Es stellte sich heraus, daß der Bediente in der Absicht, an der Stubenthür zu lauschen, ob ich nicht bald das Haus verlassen werde, und er zu Bette gehen könne, leise die Treppe zum ersten Stockwerk hinuntergegangen war und dabei au einer Treppenbiegung auf irgend ein \ Geräusch horchend, die Züchtlinge ganz behutsam die untere Treppe heranfsteigen sah. Im furchtbarsten Schrecken war er eilig umgekehrt und hatte sich unter seinem Bette versteckt.
Meine Schwiegermutter aber war überfallen und gebunden worden, ehe sie nach Hülfe rufen konnte, da eines der verwegenen Subjecte mit festem Schritte, als ob ich eS sei, durch das Vorzimmer in ihre Stube getreten war und sie, die den Kopf auf ihre Arbeit beugte, rasch überwältigte. Vom Keller aus hatten die entflohenen Züchtlinge während des ganzen Tages die Ein- und AuSpassirenden beobachtet, und daraus ersehen, daß nur vier Personen im Hause anwesend waren. Um den Bedienten, den sie bereits schlafend glaubten, hatten sie sich nicht weiter bekümmert und sich' nur durch eine Wache gegen Ueberraschung zu sichern gesucht.
Die Sträflinge standen jetzt neben einer kleinen, dunkeln Oeffnung in der Wand des Steinkohlenmaga- zins, welche ich vorher nicht bemerkt hatte. Wie aus der spateren Untersuchung hervorging, waren sie durch ein seit Jahren allmälig ausgehöhltes Loch von den unterirdischen Arrestanten-Zellen des Stockhanses in einen alten, nicht mehr benutzten Abzugskanal gelangt und von dort, da dessen Mündung vermauert war, in den Keller mei- ner Schwiegerältern eingedrungen. Nach ihrer ersten fruchtlosen Haussuchung kehrten sie hierher zurück, um zu berathen, da ihnen dieser Ort dazu der sicherste schien.
v^11 sich eben entschieden, noch einen Versuch
Auffindung des Geldes zu machen, und waren schon sto- sich zu entfernen, als sie durch ein leises Wimmern meiner Braut zurückgehalten wurden. Mich erfüllte dieser Klagelaut, trotz der Übeln Lage, in der
wir uns befanden, mit einer Freudigkeit, die mich Alles um jutd) her so sehr vergessen machte, daß ich beinahe laut frohlockt hätte; wußte ich doch nun, daß meine Braut noch, lebte.
In Folge dieses Seufzers leuchteten unsere Peiniger zu uns herüber, um nachzusehen. Sie bemerkten dabei, daß sich meine Fesseln etwas gelöst hatten und zwar, wie sich aus meinen durch das Reiben an der Kalkwand geschundenen Händen wahrnehmen ließ, nicht von selbst. Sie beschlossen daher, mich und meine Braut bei der Ausführung ihres Vorhabens mit sich zu nehmen, um uns nicht aus den Augen zu lassen. Wir wurden also an den Füßen entfesselt, und da wir ganz steif geworden waren, halb geschleppt, halb gehend, in das erste Stockwerk gebracht, wo wir wieder gebunden und dann aus einen Teppich niedergelegt wurden.
Meine Schwiegermutter wurde nun in unserer Gegenwart unter gräßlichen Drohungen ausgesordert, den Ort zu verrathen, wo die Casse versteckt fei; wollte sie aber nicht sprechen, oder konnte sie es aus Angst nicht, — genug, es war kein Wort aus ihr herauszübringen. Unglücklicherweise kam jetzt die Bande aus den Gedanken, sich mit den Kleidern meines Schwiegervaters zu versehen, um auf ihrer Flucht nicht durch die Zuchthausanzüge, welche sie noch trugen, verrathen zu werden. Sie entfernten sich daher und kamen nach kurzer Zeit Alle sehr respectabel gekleidet, wieder zu uns — leider, wie ein Blick auf die uns triumphirend hingehaltenen Beutel zeigte, im Besitze des baaren Geldes: das Papiergeld hätten sie wohlweislich zurückgelassen. Ich mußte noch einige wörtliche Insulten des Rechnungssührers ertragen, dann empfahl sich die saubere Gesellschaft unter höhnischen Verbeugungen, und es ward still um uns her.
Ein sofort angestellter Versuch, mich meiner Fesseln zu entledigen, gelang mir nicht. Erst nach zwei endlos langen Stunden kam der vor Angst zitternde Bediente heruntergeschlichen und befreite uns. Nach einigen Tagen hatten wir uns Alle wieder einigermaßen erholt; meine Braut aber ist auch noch jetzt, nachdem sie lange meine Frau geworden ist, nicht zu bewegen, Abends in den Keller oder aus, den Boden zu gehen, ja sie sucht es sogar ängstlich zu vermeiden, als die Letzte mit einem Lichte ein dunkles Zimmer zu verlassen.