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Zerssesder Anzeiger.

Np. 62. Hersfeld/ den 3. August. 1^64*

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs find Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hlr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postaus­schlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Garmond-Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

Zwei schreckliche Nüchle.

Von p. V. Frikerici.

(Aus demJllustrirten Familien-Journal".)

I.

Vor mehreren Jahren stand ich als Lieutenant in der norddeutschen Garnison L .... Ich war damals noch mit meiner jetzigen Frau, der Tochter des Kauf­manns F.... verlobt. Das Haus meiner Schwieger- ältern stand in der Nähe einer Strafanstalt für schwere Verbrecher und war von diesem Gebäude durch einen kleinen Garten, durch eine hohe Mauer, welche den Hof­raum des sogenanntenStockhauses" umschloß und durch diesen Hofraum selbst getrennt. Die Anstalt enthielt nahe an 200 Sträflinge, von denen recht häufig Einzelne in der Hoffnung entwichen, die nicht sehr entfernte Hafen­stadt und von dort die See zu erreichen; diese Flucht­versuche gelangen jedoch selten, weil die Landesgrenze hicr^ von den Behörden aus mancherlei anderen Gründen, z. B. der bedeutenden Schmuggelei wegen, sehr scharf bewacht wurde. Daß dennoch so oft Gefangene der Hast entsprangen, war eine Folge der großen Nachlässigkeit, mit welcher der Director des Stockhauses seinen Dienst betrieb und durch seine Untergebenen betreiben ließ. Der­selbe war ein von der Regierung zwar protegirter, aber darum nicht weniger unfähiger Mann; daher ertönten die drei ra,ch aus einander folgenden Kanonenschüsse, mit denen man das Entweichen eines Züchtliugs den in der Umgegend stationirten Gendarmen und 'Aussehern ffgnalisirte, leider häufig genug

^"^^' ^r^ 18 besuchte ich Abends meine Braut. Mein Schwiegervater beabsichtigte noch in der- selben Nacht eine Geschäftsreise anzutreten und da die Post spät abging, so saßen wir noch nach Mitternacht plaudernd beisammen. Es war eine sehr stürmische Nacht; oben in den Lüften brauste es hohl, unten in den Straßen heulte und pfiff der Wind, warf klappernd die Fenster­laden und mit dumpfen Klänge die Eisenstangen derselben gegen die Wände und trieb große Regentropfen und Schloßen prasselnd au die Scheiben. Äas Toben der Elemente hatte,, etwas Unheimliches, zumal da die Phan- tasik ui so spater Stunde besonders geschäftig zu sein

pflegt. Dennoch übte gerade das Schauerliche durch seinen Gegensatz zu der Behaglichkeit des elegant meu- blirten und angenehm durchwärmten Zimmers einen ge­wissen Reiz auf uns aus.

Plötzlich glaubten wir einen Kanonenschuß zu ver­nehmen; das Geräusch war jedoch so undeutlich und der Schall wurde vom Winde so weit abgetrieben, daß wir zweifelhaft wurden, ob es nicht eine Täuschung gewesen sei. Da dröhnte ein zweiter Schuß mit so voller Ge­walt daher, daß die Fenster klirrten und wir erschreckt in die Höhe führen. Unniittelbar daraus fiel ein dritter Schuß.

Es war wieder einmal ein Sträfling ausgebrochen! Wir beunruhigten uns nicht weiter darüber, begaben uns jedoch nach einem Seitenzimmer, um von dort einen neu­gierigen Blick nach dem Stockhause hinüber zu werfen. Auffallenderweise war das sonst während der Nacht stets erleuchtete Gebäude ganz dunkel; dagegen sahen wir Ge­stalten mit Laternen auf dem Hofe hin- und herrennen und ein wilder Lärm, welchen wir wahrscheinlich bislang wegen deS Sturmes überhört hatten, drang zu uns heraus. Während wir noch unsere Ansichten über diese ausfallen­den Wahrnehmungen austauschten, sahen wir im Lichte der Straßenlaternen einen Mann im grünen Anzüge der Zuchtbaus-Gefangenen uns gegenüber auf der Mauer er­scheinen, gleich darauf fiel im Hofe ein Flintenschuß, die Kugel schlug in das -Holz des Fensters, vor dem wir standen, und wir zogen uns nunmehr eilig in das andere Zimmer zurück.

Es litt keinen Zweifel: im Zuckthause war eine Empörung ausgebrochen. Da voraussichtlich die Hülfe der Garnison dabei in Anspruch genommen wurde, so waudte ich die wenigen mir noch übrigen Augenblicke dazu an, die nöthigen Sicherheitsmaßregeln im Hause meiner Schwiegerältern treffen zu helfen. 'Das Geschästs- local und das Waarenlager meines Schwiegervaters be­fand sich in einem von der Familienwohnung getrennten Nebengebäude. Dort schlief auch das ganze Unterpersonal der Firma. Es wurde geweckt und, da man einen Ein­bruch befürchtete, Leute mit Waffen versehen an zweck­mäßigen Stellen postirt. Nachdem dann alle Zugänge sorgfältig verschlossen worden waren, wartete man in großer Aufregung das Weitere ab. Obwohl es mir schwer