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Fasses gekauert und vermuthlich mit den Beinen eine Art Steuerruder gebildet hatte. Ich packte fest an.
„Laßt los! Laßt losl" rief der Andere halb kläglich, halb grollend. Ich erkannte an der Stimme den Untersteuermann Müller 2r. — „Laßt los!" schrie er ängstlicher, denn das Ding schwankte gewaltig.
„Ich aber ließ nicht los. Wer mag sich selber dem Tode preisgeben, wenn er noch einen Strohhalm ersassen kann? Es ging aus Leben — darum klammerte ich mich nur um so fester an den Rand des Fasses, ja, ich glaube gar, ich packte ein Bein des Untersteuermannes, um meiner Sache sicherer zu sein. Er schrie: „Wir sind beide verloren!" Aber ich war stumm und zähe. Das Ding kam ins Schwanken und Rollen. Bald war ich oben, bald der Untersteuermann, und während wir so um den letzten Rettungsanker kämpften, flogen wir bald in die Höhe, bald ließ uns eine Woge tief in die Schlucht fallen, die ihr Fortsturz erzeugte. Es war ein grimmiger Kampf — ein Kampf aus Leben und Tod. Keiner von Euch kann ihn verstehen, der nicht selber in Todesnoth gewesen ist. Nicht nur, daß Einer dem Andern das Faß zu entreißen suchte, sondern wir benutzten auch beide alle unsere nautischen Kunstgriffe, um einander zur Herstellung des Gleichgewichts zu gebrauchen, und mehr als einmal brächte ich meinen Widerpart aus und unter dem Wasser in eine wagerechte Lage, mehr als einmal geschah dieß mit mir. Der Untersteuermann mochte fühlen, daß er in einem heiligen Rechte gekränkt werde — er sprach nicht mehr, aber er kämpfte wie ein Löwe, und ich wehrte mich wie ein Bär. Unser Aechzen mischte sich mit dem Rollen des Donners, mit dem Tosen der Wogen. Die Blitze, welche fast unaufhörlich herniederzuckten, belench- teten unser mörderisches Ringen.
„Schon fühlte ich meine Kräfte abnehmen, da er- bielt Müller 2r durch eine verzweifelte Wendung die Oberhand; er packte mit beiden Händen den Rand des Fasses, setzte sich rittlings auf denselben und trat mit dem einen Fuße auf meinen Kops, indem er mir so einen' kräftigen Abstoß gab. Bei_ einem Haar hätte ich die Tonne losgelassen, und dann hätte mich eine Welle sortgerisscn; aber ich faßte rasch nach dem Beine meines Feindes und krallte die Finger hinein, und die andere Hand schlug ich um seinen Arm — so hing ich sest an ihm wie mit eisernen Klammern. Er schrie aus, mein furchtbarer Griff that ihm weh. Fester drückte er seinen Fuß auf meinen Kops — eine unglückliche Wendung brächte diesen Fnß in mein Gesicht, die Zehe traf mein Auge; wohl schloß ich es angstvoll zu, aber der Druck der Zehe war zu stark — ich fühlte einen wüthenden Schmerz — im nächsten Augenblicke war mein rechtes Auge eingedrückt.
„Oh, Ts schmerzt mich heute noch, wenn ich an jene Schreckensnacht gedenke! Aber ich verlor die Besinnung nicht ganz, vielmehr bekam ich eine rasende Wuth, wie ein Tiger, wenn er verwundet wird. Mit letzter Kraft schwang ich mich an meinem Feinde empor, ssaßte ihn
mit einer Faust an der Schulter, mit der andern schnürte ich ihm die Kehle zu — er röchelte, ließ loS und versank in die Tiefe. Ein heller Blitz beleuchtete dieses Ende."
Hier schwieg der Erzähler einige Augenblicke; man sah deutlich, daß ihn das Mitgetheilte angegriffen. Die Zuhörer selbst athmeten tief auf, als wenn ihre Herzen auS einer furchtbaren Angst erwachten.
„Na, und wie war es weiter mit Euch?" fragte Kecke, der SchistSknecht.
Der Alte hüstelte einige Male, dann fuhr er fort:
„In der ersten Minute war mir's zu Muthe, als wenn mir selbst die Kehle zugeschnürt wäre, ich zitterte am ganzen Leibe, aber das dauerte nicht so lange, daß ich das eroberte Faß aufgegeben hätte. Ich klammerte mich fest daran, suchte mir darauf ein bequemes Lager zum Schwimmen zu bereiten nnd ließ mich treiben. Wie lange das dauerte, weiß ich nicht — mir schien's eine Ewigkeit. Ich fühlte wie meine Glieder nach und nach erstarrten, wie meine Besinnung mehr und mehr schwand. Nur noch verworren stellte ich mir vor, daß ich nun sterben nnd hinunter müsse zum todten Untersteuermann. Mit diesen Gedanken schien ich einzuschlafen.
Auf einmal bekam ich einen schrecklichen Stoß an den Kopf — damit war all mein Denken zu Ende. Ich war scheintodt.
„Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einer Fischerbarke mit blutendem Kopse und neben mir kauerte ein alter Mann, der mir das Blut abwusch. Als ich so das eine mir noch-übrige Auge mühsam aufschlug, stieß er einen Freudenruf aus und flößte mir Branntwein in den Mund. Ich schluckte, und wie Feuer zog es durch meine Adern. In wenigen Minuten konnte ich mir alles Vergangene wieder vergegenwärtigen.
„Was ist mir passirt?" fragte ich mit lallender Zunge, und suchte mich wieder aufzurichten
„Der Fischer antwortete mir französisch, nnd ob« schon ich mich früher viel unter französischen Seeleuten herumgetrieben und viel von der kanderwälschen Sprache ausgeschnappt hatte, so wurde es mir doch schwer, das Geplapper deS Fischers zu verstehen. Endlich bekam ich so viel heraus, daß eine frische Brise mich der fran« zöstschen Küste unterhalb Nantes zugetrieben hatte. Im Morgengrauen war ich mit meinem improvisirten Fahrzeug aus die Fischerbarke gestoßen, die eben in See gegangen war; vermuthlich hatte ich die Wunde an der Stirn, deren Narbe Ihr jetzt noch seht, durch einen furchtbaren Anprall an den Kiel erhalten, wenigstens machte mir der alte Fischer deutlich, er wundere sich, daß ich mir den Schädel nicht eingerannt.
„Ich wurde ans Land gebracht und wohl gepflegt, verfiel aber in ein hitziges Fieber — und da kamen mir die tollsten Schreckbilder in'S glühende Gehirn. Ich mußte in diesem Zustande alle Schrecknisse jener Unglücksnacht noch einmal durchwachen, jenen entsetzlichen Kamps mit dem Untersteuermann, der mir immer und