Hers selbe r Anzeiger.
Ms. 89« Hsrsfeld, den 7. November. IMS«
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Der Lazavor.
(Fortsetzung.)
An demselben Morgen und beinahe zu derselben Zeit, als die irdischen Reste des deutschen Farmers dem Schoose der Erde übergeben wurden, saß aber, achtzehn englische Meilen von Daniels Farm entfernt, ein alter Texaner mit seinem Enkel, einem neunjährigen hübschen Jungen, auf.einem mit Mais beladenen Wagen. Ruhig und gleichmäßig schritten die vorgespannten Ochsen vor« wärtS. Die blauen Augen des Kleinen flogen über die Prairie, sie folgten den leichten Bewegungen bunter Schmetterlinge, die flüchtig über die Ebene dahin schwebten, oder suchten die in den Zweigen der Bäume versteckten Sänger zu erspähen. Aber die belaubten Kronen und die herabhängenden Lianen verbargen die grauen Spottvögel und die bunten Cardinäle, die prächtigen Meisen und girrenden Tauben.
„Wir haben wohl noch weit?" fragte endlich der kleine Henry seinen Großvater.
„Fünf bis sechs Meilen! Wir müssen noch zwei Stunden fahren."
„Dann, lieber Großvater I erzähle mir eine Geschichte."
„Du erinnerst Dich wohl noch," begann der alte Texaner, „daß Dein Vater Dir mehrmals gesagt hat: wenn Du groß bist, eine eigne Farm und einen tüchtigen Viebstock besitzest, so traue niemals einem Mexicaner, laß Dich nie mit Mexieanern ein; denn, Henry, die Mexicaner sind falsch, betrügerisch und diebisch. Ich will Dir - nun die Geschichte erzählen, wie der berühmte Fanin und andere brave Texaner von diesen Mexieanern heimtückisch und meuchelmördwisch getödtet worden sind. Dann wirst Du auch begreifen, warum Dein Vater von diesem Nachbarvolks nichts Gutes erzählt hat. Es war im Jahre 4836, als eine Abtheilung von fünfhundert Texauern unter Befehl des Obersten Fannin in der Nähe von —"
Hier wurde der alte Wynant plötzlich durch einen sehr heftigen Ruck des Wagens unterbrochen, welcher durch ein ichnelles Rückwärtsdrängen der Zugstiere vor- uyacht worden war. Vier phantastisch gekleidete Männer , mit häßlich bemalten Gesichtern sprangen aus den Sträuchern heraus und tanzten vor den Zugstieren.
Einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick
war der Alte über seine Lage im Zweifel. Er hatte die Rothhäute erkannt und gesehen, daß hier aus keine Schonung zu rechnen sei; denn die diabolischen Grimassen, die schwarz und roth gemalten Gesichter bewiesen zu deutlich, daß die Wilden als Feinde gekommen, aus einem Raub- und Kriegszuge begriffen waren. Der Greis bückte sich und griff nach einer im Wagen liegenden, geladenen Büchse. Doch das Gewehr fiel ihm aus der Hand; ein Pfeil war von der Seite gekommen unb hatte ihm daS Herz durchbohrt. Sterbend rief er noch dem Enkel zu: „Um Gotteswillen, rette Dich, wenn Du —!" Da hatte er die Augen für immer geschlossen.
Mit der Schnelligkeit des Gedankens sprang der Bube vom Wagen, zog ein Messer aus der Tasche, lies dem nächsten Busche zu und schnitt sich einen Stock ab. Mit dem Messer in der" Linken und dem Stock in der Rechten suchte er die jetzt aus ihn eindringenden Wilden abzuwehren. Unterdessen war noch eine große. Anzahl derselben aus dem Dickicht hervorgebrochen, und während Viele von ihnen einen Kreis um den. Knaben schloffen, dessen ohnmächtige Tapferkeit den Rothhaulen eine wahre Belustigung gewährte, hatten einige die Leiche des Greises vom Wagen gewo-fen und die Schädelhaut mit den ehrwürdigen Silberlocken von der Hirnschale gezogen. Andere zerschnitten mit dem Skalpirmesser hie Hülse der Ochsen, zogen den getöteten Thieren theilweise das Fell ab und trennten mit besouderbr Gewandtheit große Stücke Fleisch aus den Körpern.
So hatten denn die Indianer plötzlich eine ganz besondere Belustigung an der Tapferkeit des wüthigen 5tna- ben gesunden. Von allen Seiten reizten sie ihn durch Lachen und Schreien, Stoßen undZcrren, und zogen sich wenn der Knabe aus sie eindrang, zum Spaß zurück. Der außergewöhnliche Heroismus des neunjährigen Knaben aber hatte jedenfalls nicht ungünstig auf die Barbaren eingewirkt; die Mordlust war zunächst in den Hintergrund gedrängt und hatte,, wenn auch nicht der Bewunderung oder dem Mitleid, doch einem bessern Gefühle Platz gemacht; wenigstens war er nicht ohne Eindruck aus den Häuptling geblieben.
Dieser, eine kräftige, breitschulterige Gestalt, mit einem Kopsputz von Büffelhörnern und einem Halsbande von den Krallen des grauen Bären geziert, trat vor, er-