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D er ssclder Anzciacc.

^t* 63'» Hersfeld, den 22. August. MSS.

Der »Hersfelder Anteiger" erscheint wöchentlich , bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7^ schl«g hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen derholuugen mit 6 Heller berechnet.

imal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben Sgr., bei den Postanstalten kommt der übliche Postauf-- und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller bei Wie-

Ein Sturmvogel der Revolution.

Eine Jugenderinnerung.

Bevor der Orkan die Tiefen des Meeres durchwühlt, wird sein Kommen durch jene Vögel verkündet, welche der Schiffer so kennzeichnend Sturmvögel nennt. Auch die Revolution —dieser Sturm, welcher die Völkermeere durchwühlt, hat solche Vorboten. In der schwülen un­heimlichen Stille, welche dem Ausbruche unmittelbar voranzugehen pflegt, tauchen eigenthümliche, fremdartige Gestalten auf. Es sind finstere, trotzige Gesichter, wet- terhart und sonnverbrannt, kühn und wild dreinschauend. Niemand kennt sie, Niemand weiß, woher sie so schnell gekommen, wer sie gerufen hat.

Das sind die Sturmvögel der Revolution. Sie wittern den nahenden Sturm. Sind sie einmal da, dann brichts bald los.

Fragt die Berliner, die Präger, die Wiener — sie werden Euch von diesen Sturmvögeln erzählen können. Auch Dresden hat sie in den Maitagen 1849 kennen gelernt.

Wie jene gewaltthätigen Tage so lebendig vor mei­ner Seele stehen, obgleich ich damals noch ziemlich jung war! Mich hatte die Neugier an das Zeughaus geführt. Seitwärts siebend sah ich zu, wie man sich anstrengte, zum Thor hineinzukommen, als sich dieses auf einmal von selbst öffnete und im nächsten Augenblicke ein Kar- tätschenhagel die An stürme »den schrecklich begrüßte.

Dann fuhr ein Leiterwagen langsam durch die Stra- ßen — ein Todter lag darauf; das Blut träufelte herab auf das Pflaster nnd hinterher- zog ein Menschenhaufen, welcher lawinenartig wuchs und mit"seinem Racbegeschrei die Luft erfüllte.

^E warf die Schilderhäuser der Soldaten quer über den Weg/—das war der Anfang der Barrikaden — Wagen und Kutschen wurden umgestürzt, die TrottoirS ausgerrsten, die Schleusen geöffnet, nnd über Nacht wa- ren jene gewaltigen Volkssestungen in den Straßen Dres­dens empoxgewachsen.

Und nun beginnt der Kampf — der Volkssturm empor — die Kanonen donnern, die Sturmglocken heulen, dazwischen knatterndes Flintenfeuer. Hier und da steigen Flammen in die Höbe. Auf den Straßen

fließt Blut. Die wildesten Leidenschaften sind entfesselt In einem Hinterhause versteckt, warteten wir - mei»- Mutter und ich, der Vater war schon längst gestorben — das Ende des Trauerspiels ab.

Da — es war Montag gegen Abend — pochtS plötzlich an unsere Hausthür. Meine Mutter schreit er­schrocken laut auf. Ich öffne zitternd. Zwei Männer bringen einen Dritten getragen, für den sie um Aufnahme und Pflege bitten. Sie legen den Ohnmächtigen aufs Sopha und untersuchten sorgsam seine Wunde. Diese ist nicht gefährlich — ein e treisschüß — der starke Blut­verlust hat den Mann ohnmächtig gemacht. Nachdem die Beiden meiner Mutter die nöthigen Anweisungen gege­ben, eilten sie zum Kampfplätze' zurück mit dem Ver­sprechen, bald wiederzukommen.'

Theilnehmend treten wir dem Verwundeten näher. Er war ein hoher starker Mcknn mit ernstem Gesicht, in der Mitte der dreißiger Jahre. Der Klcidnng nach ein Pole. Erst Tags vorher hatte ich ihn auf der Barrikade gesehen, denn ein solches Warf geformtes Gesicht mit der großen Narbe über die linke Wange , hinweg vergißt sich nicht so schnell. Er inspicirte da die Besatzung, und gehorsam hatten die Arbeiter die Befehle dieses Äannes ausgesührt, der in seinem blauen Schuurenrocke mit Pi­stolen im Gürtel, den entblößten Schläger in der Rech­ten und der Perlenmütze mit hoher Reiherfeder auf dem stolzen Haupte so stattlich aussah.

Jetzt llag der Mann bleich und ohnmächtig in un­serm engen Stäbchen. Das war ein Sturmvogel der Revolution, denn in Dresden waren es damals vorzugs­weise die Russen und Polen.

Er regte sich und murmelte ein fremdklingendes Wort. Meine Mutter fragte, was er wünsche. — Er sah uns erstaunt au und verlangte nach Wasser.

Das stärkte ihn wunderbar. Er setzte sich und re­dete mich an: „Knabe, als ich in Deinem Alter war, da hatte ich bereits bei Praga und Ostrolenka mitgekämpft."

Wieder pochte eö an die Thür. Der Jüngere von den Beiden, die den Verwundeten zu uns gebracht, trat herein. Seine Kleider waren mit Blut bespritzt. „Der Sturm ist zurückgeschlagen, aber Gras JabloyochSky da- bei gefallen." Der Verwundete murmelte leise einige Worte und eine Thräne lief über die breite Narbe herab.