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sre. 103* Hersfeld, den 20. December. 18TS.

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Dev Schäfflertanz in München.

(Fortsetzung.)

Aha, da bist Du wohl uutergekrochen, um Dich als vorsichtiger Mann gegen alle Pestausdünstung, die etwa von mir auSgehen könnte, abzuschließen! lachte Martin. Na, komm nur hervor, Vetter Michel I Es hat nichts zu sagen, ich bin gesund wie ein Fisch im Wasser. Die Pest hat Abschied von uns genommen, aber die Münchener scheinen noch gar nicht daran glauben zu wollen. Um ihnen nun zu beweisen, daß der schlimme Gast wirklich zum Thore hinausgewandert ist, wollen wir einmal unsern alten Zunfttanz auffuhren und wieder Leben in die Stadt bringen, denn wenn das noch lange so fortdanert, sterben Die, welche die Seuche verschont hat vor Hunger.

Diese vernünftige, wenn auch kühne Rede Martins fand ein dumpfes Echo aus der umgestülpten Tonne. Daß ich ein Narr wäre! brummte es daraus hervor. Die hat es wohl St. Veit angethan? Ich fühle Gott sei Dank noch keine Zuckungen in den Beinen.",

Aber soeben schien doch Deine Tonne ein wenig davon zu verspüren, sagte Martin lachend. Nun, weiser Diogenes, mache nur, daß Du Hervoi kommst denn Du hast hier nicht einmal, wie Dein großes Vorbild, von welchem-die Melstersänger berichten, den Vortheil, daß die Sonne in Deine Tonne hineinscheint.

Ich bitte Dich ernstlich, laß mich in Ruhe und suche Dir andere Tanzgesellschaft, tönte es mit hohler Stimme.

Du sprichst ja wahrhaftig mit einem Bettelstolze zu mir, als ob ich Alexander wäre, versetzte Martin, Aber ich werde mich nicht so leicht wie dieser abweisen lassen. Das Haus verlasse ich nur in Deiner werthen Gesellschaft.

Aus der Tiefe klang so etwas wie'.Unverschämter Mensch! hervor; aber Martin ließ sich int Bewußtsein seiner guten Intentionen nicht aus seiner Ruhe heraus- bringen. Indeß sah er ein, daß Michel ebensowenig freiwillig aus seiner Tonne hervorkriechen werde, wie eine Schildkröte aus ihrer Schale, wenn sie einen Feind in der Nähe wittert. Er beschloß also, seine Zuflucht zu einem andern Mittel zu nehmen.

Weißt Du, lieber Freund, ich werde es Dir mög­lichst bequem machen, auf Sie Straße hinauszukommen. Mit diesen Worten legte Martin die Tonne sanft, aber schnell auf die Seite, und kollerte sie nebst zappelndem Inhalt durch die noch geöffnete Thür auf die Straße hinaus.

Michel junior schien höchlich ergötzt über das ori- ginelle Transportmittel, dessen man sich zur Fortschaffung seines respectablen Vaters bediente. Er begleitete den so lange ersehnten Auszug aus dem finstern Hause mit einem lustigen Marsche auf seiner Pfeife. eo ging es eine kleine Strecke vor dem Hause fort; dann zog Mar­tin den Vater Michel aus seiner Tonne hervor, wie eine Schnecke aus ihrem Häuschen. An ein Entrinnen des­selben war nicht mehr zu denken. Martin faßte den Widerstrebenden mit starkem Arme um die Hüften und versuchte nun, mit ihm in den Tact des Zunfttanzes zu kommen, dessen Melodie jetzt Michel junior aufspielte. Als hierauf der zum Tanz Gepreßte meiste, daß er we­der todt umfiel, noch auch irgend eine Pestbeule bekam. ergab er sich in das Unvermeidliche und ging sogar wie dergleichen Leute zu thun pflegen, bald in das andere Extrem über, indem er trotz- Martin mit einer Leichtig­keit und Grazie über das Pflaster hinwegtauzte als habe er sich schon lange auf den Augenblick gefreut,' wo man wieder frei aufathmen und sich einem heitern Lebensge­nüsse Eingehen könne.