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Hersfelder A«zcigcr.

Rk. 1O1* HerSfeld, den 17. December. 1863»

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postaus­schlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller bei Wie­derholungen mit 6 Heller berechnet.

Der Schaffkertanz in München

Der in der Mitte des 14. Jahrhunderts fast alle Länder Europas durchziehendeschwarze "Tod" richtete drei Jahre lang furchtbare Verheerungen an, weniger in den Dörfern, als in den Städten; am meisten in denjenigen, die noch eng gebaut und unreinlich waren.

Zu diesen gehörte auch München, und nachdem viel­leicht der dritte Theil der Einwohnerschaft hingerafft worden war, schien die sonst so freundlich belebte Stadt vollständig verödet zu fttn. Die Reichen, welche im Allgemeinen weniger als'die Armen von der Seuche zu leiden hatten, schloffen sich, mit Mundvorrächen versehen, in ihre Häuser ein, welche sie selbst Freunden und Be­kannten nicht öffneten; die Handwerker und Arbeiter v,erbrachten die Tage in dumpfer Verzweiflung; denn außer der Seuche hatten sie noch einen andern, schreck­lichern Feind: den Hunger, das Elend.

Niemand nahm jetzt ihre Kräfte und Geschicklich- keiten in Anspruch, nur Tischler und Todtengräber wa­ren gesuchte und gut bezahlte Leute. Ein leichter Brc- tersarg, eine schmale Gruft schienen ja die einzigen zu­nächstliegenden und beinahe für Alle unvermeidlichen Bedürfnisse zu sein. Wer denkt daran, sich einen neuen Rock »rächen zu lassen, wenn er vielleicht morgen schon eines Todtenhemdes bedarf?

Die Bauern dagegen wagten sich nicht in die Stadt hinein, und brachten keine Zufuhr von Lebensmitteln; und so fehlte es selbst Denen, die noch im Besitz von einigem Gelde waren, gänzlich an Nahrungsmitteln.

Diese traurigen Zustände dauerten aber auch noch fort, nachdem die Seuche bereits so ziemlich erloschen war. Niemand wagte sich ans feinem Hause, über die Straße hinweg, Niemand in die Stadt hinein. Aengst- llch vermiet man jeden Verkehr, um sich nicht einer An­steckung auszusetzen.

Da schlug aber in einem kleinen runden Faßbinder ein wüthigeres Herz, und das ist namentlich in sol­chen Zeiten schon etwas werth. Zwar hatte er in den letzten Wochen noch manchen Nachbar früh als Leiche vov dessen Thür hinausgelegt gefunden, manchen wackern Z-chcumpan klanglos in geschäftiger Eile fortschaffen sehen; aber, obwohl betrübt, war er dvch unverzagt ge-.

blieben in dem allgemeinen Würgen, das der unerbitt­liche Feind mit tausend Händen zugleich an seinen hülf- losen Opfern vollzog. Wie wenig behagte es nun jenem kecken Faßbinder, daß sich noch Niemand regte auf Markt und Srraßen, nachdem doch schon der Würgenengel aus der Stadt gezogen war! Er wollte vor Ungeduld über dies zaghafte-Wesen seiner Mitbürger vergehen, und bedachte "sie in Gedanken mit manchem kräftigen Schelt- Wort». Auch die Noth und Entbehrung welche man da- /»' durch sich und Anderen jetzt noch unnötiger Weise auf- erlegte, ging dem Wackern zu Herzen. s

Da muß man helfen! brummte er vor sich hin und ' schlug mit dem Hammer so lange auf eine leere Tonne los, bis sie auseinanderfiel; dann stellte und trieb ^r sie wieder zusammen, denn er war froh, eine Arbeit zu ha­ben, bei der er seinen Verdruß auslassen konnte.

Mütterchen, sagte er zu seiner Ehehälfte, als er fertig war, nun haben wir lange genug still gehalten, haben gebetet, gefastet, Gelübde gethan, aber Alles hat seine Zeit, und die Seuche scheint auch wirklich abge­zogen zu sein. Aber immer noch feiern alle Hände; alle Münchener halten sich in ihren Löchern versteckt, und wenn das noch lange so fortgeht, sterben wir buchstäb­lich vor Hunger, nadjbeni wir der Seuche glücklich ent­schlüpft sind.

Darauf bin ich schon lange gefaßt, lieber Martin, sagte daS Mütterchen mit trauriger Stimme; ich habe noch ein Laib Brod im Schranke und einige Käse im Topfe; sie werden bald aufgezehrt sein. Und wenn sich auch ein Bäcker fände, der Brod backte, und eine Bäue­rin, die zu Markte hereinkäme: wir hätten doch keinen Heller mehr, um ihnen etwas abzukaufen.

Das waren denn freilich zu trübselige Aussichten, Martin kraute sich in den Haaren, vor dem Gedanken erschreckend, daß seinBäuchlein einer so schweren Fasten­zeit entgegengehen sollte, nun, wo doch eigentlich kein vernünftiger Grund mehr zum Fasten vorhanden war.

Wie es auch sei, da muß wieder Leben in die Stadt gebracht werden, sagte Martin mit finsterm Sin­nen und unterzog sich einem tiefen Nachdenken, einem Geschäft, t«m er weder allzuoft, noch allzugern oblag. Aber Noth blicht Eisen und macht selbst Menschen «r- finderisch, bereu ganzer LebenSimpuls sonst nur von dem