Hersfelder Anzeiger.
Mr. SV. HerSfeld, den 8. November. 1863*
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7f Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
IQUM.;. —— II HIHI.»
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
dem Julius Lotz aus Marburg das silberne Ver- dienstkreuz zu verleihen,
die Pfarrei Rambach in der Klasse Eschwege dem außerordentlichen Pfarrer Christian Friedrich Hos, bach aus Unshausen und
das Physikat Abterode dem Physikus und AMts- wundarzt Dr. Friedrich Bock zu Netra zu übertragen,
den Hauptsteueramts-Controleur Carl Diederich zu Rinteln in den Ruhestand zu versetzen.
Die feindlichen Brüder.
Q^iginal-Novelle aus dem letzten italienischen Feldzuge.
(Aus dem Berliner Volksgarten.)
(Fortsetzung.)
Die Bauern stürzten hinzu, um dem geistlichen Herrn die Hand zu küssen. Er spendete Allen tröstende Worte und schritt langsam hinaus.
Es war schon Mitternacht vorüber, als der Kommandant sich entschloß, trotz der Warnung des Priesters das Zimmer des Gefangenen zu betreten und nachzu, sehen, ob er nicht vielleicht schon gestorben sei. Er öff- nete leise die Thüre; das Oellämpchen war dein Erlöschen nahe, und knisternd flackerte es hin und her. Es herrschte beinahe gänzliche Finsterniß in dem Gemache.
Der Kommandant horchte. — Kein Athemzug war hörbar.— Er schauderte. — Sollte er schon todt sein? _ Er machte einige Schritte vorwärts. — Auge und anstrengend. —Doch die Dunkelheit ließ nichts erblicken, das Ohr vernahm keinen Laut.
Er trat an das Bett — er griff auf die Decke — »Himmel und Hölle) was ist dasi — Er fühlte keinen n0I^r ~ er ergriff das Lämpchen — der letzte Lichtstrahl zeigte chm das leere Lager.
„Großer Gottl der Gefangene ist entflöhen l" rief H ersetzt, indem er hinausstürzte, um den Soldaten die schreckliche Nachricht mitzutheilen.
---- 1. ......■■■UM—„„^„^ij^
Jedes Suchen ist vergebens. Die Nacht ist finster — seit der Entfernung des Priesters sind schon einige Stunden verflossen. Der arme Kommandant läuft wie im Wahnsinn umher.
Durch seine Nachlässigkeit ist die Flucht möglich gemacht worden. — Was erwartet ihn? — Das Kriegsgericht! Schande und Entehrung vor seinen Waffenbrüdern I Der Tod durch ein Urtheil. — Diese entsetzlichen Gedanken durchkreuzen sein Gehirn. Da erfaßt ihn die Verzweiflung. — Die Morgendämmerung bricht heran, unbemerkt schleicht der Unteroffizier mit seinem Gewehre in den Hof — ein Schuß erschüttert das Gebäude — die beiden Soldaten eilen hinaus — — und erblickten ihren Kommandanten — im Blute schwimmend mit zerschmettertem Haupte.
Sein Ehrgefühl hatte ihn die Schande nicht überleben lassen. — Wer trug die Schuld dieses Mordes?
Zwölftes Kapitel.
Wir müssen in unserer Erzählung einen Schritt zurück thun.
Zehn Tage waren seit der Nacht in welcher sich die beiden Brüder Ewald auf so furchtbare Art wiedergesehen, verflossen, eine Zeit, inhaltschwer an Ereignissen, die die Geschichte der Völker mit blutigem Griffel in ihre Annalen gegraben.
_ Die Katastrophe von Mageuta hatte nicht nur das Schlachtfeld mit Todten besäet, sondern auch die wenigen Kasematten der schwach befestigten Stadt Mailand mit Gefangenen über füllt. Die verbündeten Armeen Frankreichs und Sardiniens waren nach dem Rückzüge des österreichischen Heeres siegreich in die Hauptstadt der Lombardei eingerückt.
In einem der Gemächer, welche die Wohnultg des französischen Kommandanten zu Mailand bildeten, ging mit langsamen Schritten ein ernster Mann, in der Uniform eines französischen Generals, auf und nieder. Von Zeit zu Zeit blieb er tiefsinnig und augenscheinlich in trauriger Stimmung vor einem mit Schriften bedeckten Tische stehen, und blätterte in den darauf liegenden Heften. Es waren die Namenslisten der Gefangenen.
Nachdem er eftie Weile gelesen, legte er die Hand an das glattrafirte Kinn und setzte nachdenkend feine'