Hersselder Anzclgcr.
Mr. 88. Hersfeld, den 1» November. L8W.
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Die feindlichen Brüder.
Original-Novelle aus dem letzten italienischen Feldzuge.
• (Aus dem Berliner Volksgarten.)
(Fortsetzung.)
Bei dem Geräusch, das der Eintretende verursachte, welcher von dem Kommandanten begleitet war, änderte der Kranke seine Lage, und als sich seine und des Priesters Blicke begegneten, entschlüpfte Beiden ein leiser Ausruf des Erkennens. Der Kommandant hatte sich mit der Schildwache in ein Gespräch eingelassen und bemerkte also nichts davon.
Würdevoll schritt der Geistliche dem Lager zu und fragte wohlwollend:
„Sie sind leidend, mein armer Freund? Sie sehnen sich nach den Tröstungen der Religion?"
Der Kommandant sprach noch immer mit der Schildwache. In diesem Augenblicke hob sich der Kranke halb empor und flüsterte schnell dem Priester in lateinischer Sprache zu:
„Entferne die Beiden I"
Ein ausdrucksvoller Blick begleitete die lakonischen Worte.
Der Unteroffizier näherte sich eben dem Bette, und mit schwacher Stimme sagte der Kranke;
„Hochwürdiger Herr, ich wünschte zu beichten, um ruhig sterben zu können."
Der Geistliche nahm den Unteroffizier bei Seite und richtete einige Worte an ihn, worauf dieser Be- denklichkeiten zu äußern schien. Doch gab er endlich den überzeugenden Worten des Priesters nach, und entfernte sich mit der Schildwache.
Die Thür war kaum geschlossen, als die beiden Zurückgebliebenen einander an die Brust sanken und mit unterdrückter Stimme ausriefen: „Mein Louis! — Mein Rudolph!" — Und beherrscht von den aus sie einstürmenden Gefühlen lagen sie sich sprachlos in den Armen. Endlich riß sich der Priester los:
„Aber um des Himmels willen, wie kommst Du in diese Lage? — Wozu diese Verstellung, denn Dein Blick und Deine früheren Worte lassen mich errathen, daß Du nichts weniger als krank bist?"
„Wie Du siehst," antwortete Louis Quera, beim dies war der junge Mann, der von der Eskorte geführt worden war, „bin ich Gefangener, und Du kannst meiner Versicherung glauben, daß mich der Tod erwartet. Außerordentliche Fälle rufen auch außerordentliche Mittel hervor. Glücklich habe ich die Esel getäuscht, die froh sind, in meiner Nähe nicht weilen zu dürfen, denn sie fürchten den Todeshauch der Cholaraluft. Doch schnell, welches Mißgeschick, das jetzt mein Glück geworden ist, hat Dich in dieses elende Nest verschlagen? Erzähle, dann sollst auch Du von mir Alles erfahren."
„Unsere Augenblicke sind kostbar, mein Louis," erwiderte der Geistliche, „wir müssen uns kurz fassen. Wir trennten uns in Paris, von wo ich nach Mailand ging, um meine letzten Examina zu machen. Bald darauf erhielt ich eine einträgliche Pfarre. Eines Tages wurde ich an das Krankenlager eines Mädchens gerufen, einer reichen Müllerstochter. Die Todesstunde die sie herannahen zu fühlen glaubte, wurde für mich die Todesstunde meiner Ruhe. Das schöne, bleiche Eugelsge- sicht mit dem treuen Auge schwebte stets vor meiner Seele. Vergebens war der Kampf meines Pflichtgefühls gegen den Sturm in meiner Brust. Die heftigste Liebe zu dem himmlischen Wesen hatte sich meiner bemächtigt. Das Mädchen genas, und schöner als je blühte die Rose wieder auf. Wir sahen uns, wir sprachen uns," der Geistliche seufzte tief auf, „wir vergaßen uns. --- Die Folgen konnten nicht lange unentdeckt bleiben. Der Vater war ein strenger Mann. Reuig sank die Tochter zu seinen Füßen — man wollte den Tarnen des Verführers ans ihrem Munde hören. Drohungen erschütterten das Mädchen nicht. Ach! Sie liebte mich zu sehr. Sie blieb verschwiegen. Da verfluchte sie der harte Vater und stieß sie aus dem Hause—---Tags darauf zog man ihre Leiche aus dem Mühlenbache."
Der Geistliche hielt erschüttert inne, und bedeckte mit den Händen das Gesicht. Der Gefangene sah düster vor sich hin und sagte: „Armer Freund!"
Doch dieser ermannte sich wieder und fuhr fort:
„Nach acht Tagen wurde ich meiner Stelle entsetzt und zugleich in dieses Dorf verwiesen. Noch zwei Jahre habe ich hier zu büßen; aber die peinigenden Vorwürfe meines Gewissens werden mich bis an mein Grab ver-