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Mr. 85

Hersfeld, den 22. Oktober.

LHGS.

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Die feindlichen Brüder.

Original-Novelle aus dem letzten italienischen Feldzuge.

(Aus dem Berliner Volksgarten.)

(Fortsetzung.)

Ich dacht nicht," fuhr der junge Mann fort, als das purpurne Naß in den Gläsern perlte,hier so viel Aufregung zu finden. Doch ist es am Ende erklärbar wenn man den Muth und die Ausdauer bedenkt, von denen wir Alle beseelt sind. Hoch! Oesterreich!"

Hoch! Hoch! Oesterreich!" erwiderten jubelnd die beiden Offiziere, und klingend stießen die Gläser an­einander.

Aber," nahm der Aeltere das Wort,wir sitzen jetzt schon lange beisammen unD kennen uns noch nicht. Ich will den Anfang machen, ohne vieles Ceremoniell. Ich bin der Ober-Lieutenant Schwarz."

Ich bin der Lieutenant Gras Meran und wir Beide dienen im 12. Ulanen-Regiment."

Es freut mich herzlich, Eure Bekanntschaft zu ma- chen, antwortete der Fremde,ich bin der Lieutenant Wiener im zweiten Artillerie-Regiment. Aber meine Herren, Ihr trinkt ja nicht. Eviva! das 12. Ulanen- Regiment."

Hoch! die Artillerie!" riefen Meran und Schwarz stießen an und stürzten den Wein hinunter. Schnell füllte der Artillerist die Gläser wieder, und das Seinige ergreifend, sagte er:Wir alle dienen einem Kaiser und einer Sache, darum: Hoch! Es lebe die Kamerad­schaft! Es lebe die österreichische Armee!" und von der Aufregung des jungen Mannes hingerissen, standen die Beiden auf, tranken ihre Gläser aus's Neue aus und schüttelten sich gegenseitig die Hände.

In diesem Augenblick würde ein aufmerksamer Beob­achter dieser Gruppe bemerkt haben, wie sich Wiener's Augenbrauen blitzschnell in die Höhe zogen, als folgten sie unwillkührlich einer inneren freudigen Bewegung. Doch schnell war dieses Zucken ersterben, und als er abermals die Gläser füllte, leuchtete aus seinen schönen Augen nur das Feuer des begeisterten Soldaten.

. .»^Lchdein sie sich gesetzt, fragte Schwarz:Was denkst Du, Bruder, von diesem Feldzuge?"

Wiener beugte sich vertraulich über den Tisch und, sich leicht über des Oberlieutenants Achsel lehnend, ant­wortete er:Ich denke, es war ein großer Fehler, daß man nicht bem alten erprobten Heß das Oberkommando übergab, er wäre jedenfalls weit geeigneter, als unser Ghulay." .

Richtig, Kamerad! Ganz aus der Seele gesprochen!" erwiderten mit den Köpfen nickend die beiden Offiziere, das ist auch unsere Ansicht, und wenn Heß nicht bald den Oberbefehl in Italien übernimmt, so ist die Lom­bardei verloren, obgleich unsere Soldaten die besten von der Welt sind."

Nun, von dem Verlust der Lombardei wollen wir noch nicht sprechen," entgegnete Wiener,es scheint, daß die Hauptarmee, wie die Zahl der hier versammelten Offiziere vermuthen läßt, so ziemlich um Mailand kon- zentrirt ist, und ist dies der Fall, so könnte die nächste Schlacht sehr entscheidend sein."

Ach Gott nein!" erwiderte Meran,es sind im Ganzen sechs Bataillone, ein Husarenregiment und vier Batterien da. Aber, verstehst Du mich, Bruder, Mai­land ist doch so ziemlich sicher, denn das Armeekorps bei Magenta von 100,000 Mann hat eine vorzügliche Stellung, und ohne dasselbe daraus zu vertreiben, kommt man nicht hierher.

Nun," meinte Schwarz,gar so sicher finde ich es denn doch nicht. Man darf nur die Möglichkeit nicht außer Acht lassen. Bei Montebello waren wir auch 100,000 Mann und unsere Stellung ebenfalls eine gün­stige, aber dennoch wurden wir geworfen. Eben so ist es hier: Wenn Magenta genommen wird, so liegt Mai­land offen da, denn hier sind gar keine Vertheidigungs- maßregeln getroffen."

Das ist wahr," erwiderte, durch diesen Einwurf bedenklich geworden, der Lieutenant.

Dn sagtest, lieber Bruder," fiel Wiener ein,bei Magenta stehen nur 100,000 Mann; ich hätte gedacht, in dieser Richtung müsse das Gros unserer Armee stehen?"

Es sind noch keine 100,000 Mann, aber es kommen täglich noch Zuzüge des Glamm-Gallas'schen Korps aus Böhmen. Wenn wir aber früher, «ls das zweite Armee- Korps vollständig ist, hier angegriffen werden, weiß ich nicht, ob wir uns halten können."