Hcrsfeldcr A»zelger.
Nr. 84. Hersfeld, den 18. Oktober. 4882.
Der „Hersfelder Anzeiger« erscheint wöchentlich zweimal Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postauf- - schlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
den Generalstaatsprocurator Emil Schüler zu Cassel zum Landtags-Commissar bei dem auf den 27. d. Mts- einberufenen Landtage zu bestellen,
die Pfarrei Dudenrode in der Klasse Allendorf dem außerordentlichen Pfarrer Carl Theob. Brauns aus Dörnhagen, und _
die erledigte Lehrerstelle an dem Schullehrer-Seminar zu Fulda dem Lehrer an der städtischen Kna- t benschule daselbst, Joh. Sebastian Auth, zu übertragen, sowie
zur Bestellung des Caplans und Frühmessers Franz Stadtmüller zu Geisa zum katholischen Pfarrer in Mardorf, Landeapitels Amöneburg, die allerhöchstlandesherrliche Genehmigung zu ertheilen, auch
den Justizbeamten Otto Klingender in Cassel zum Obergerichtsrath bei dem dasigen Obergericht zu bestellen.
Die fernDlicher» Wrüdss.
Original-Novelle aus dem letzten italienischen Feldzugr (Aus dem Berliner Volksgarten.)
(Fortsetzung.)
„Ja, wenn man Dich gut bezahlt."
Der Sarde biß sich auf die dicken Lippen. Louis fuhr fort.
„Die Nacht wirb finster werden."
In demselben Augenblicke durchzuckte ein Blitz die heiße Luft. Das dumpfe Grollen eines fernen Donners folgte einige Minuten darauf.
„Es wird ein Gewitter geben," meinte Giulio.
„Um so besser," erwiderte Quera, „wir sind dann um so sicherer. Doch jetzt gieb Achtung auf meine Worte. In jenem Hause lebt wie Du weißt, ein Mädchen, Namens Marie, bei ihrer alten Tante. Männliches Personal ist nicht vorhanden, ausgenommen ein alter Diener mit seinem Sohn, welche beide in einem von dem Schlafzimmer des Mädchens entfernten Lokale wohnen. Marie
ist allein, denn die Tante hat ihr Gemach auf der andern Seite des Ganges. Es ist jetzt zehn Uhr. In zwei Stunden bringst Du den Wagen mit frischen Pferden bespannt an die Ecke des Gäßchens, das von jenem Hause an die Landstraße führt. Dort erwartest Du mich. Das Mädchen ist unbewacht, ihr Schlafzimmer auf ebener Erde und die Fenster sind nicht hoch. Sind sie verschlossen, so öffnet der Diamantring den Eingang. Ihren Widerstand wird meine Kraft, ihr Schreien aber dieser Knebel unnütz machen."
Bei diesen Worten zog der Elende aus der Brusttasche eine Kugel von Korkholz, deren innen angebrachte Federn sich bei dem mindesten Druck öffneten und die Theile derselben aus einander trieben.
Nachdem er dieses Hülfsmittel seiner Schändlichkeit wieder zu sich gesteckt, fuhr er fort: „Ich bringe das Mädchen zum Wagen und dann fort im Fluge nach Monza, in das Haus, in dem wir heute gewesen. Du kehrst sodann nach Mailand zurück, verbreitest die Nachricht, ich sei auf einige Tage nach Venedig gefahren, und kommst dann wieder zu mir. Du hast wohl begriffen, was ich Dir gesagt?"
„Alles HerrI" antwortete der Sarde, der sich bemühte, das Staunen über dieses neue Verbrechen seines ehrenwerthen Herrn zu verbergen.
„Also bereite vor, was ich befohlen!"
Giulio stand auf und verließ das Zimmer.
Das Gewitter war näher heraufgezogen, und schnell auf einander folgende Blitze erhellten momentan die Finsterniß der Nacht. Es schlug zwölf Uhr von den Thürmen von Mailand, als ein Wagen aus dem Corso di Porta Renza langsam herausfuhr. Zugleich schlüpfte eine in einen Mantel gehüllte Gestalt in das oben bezeichnete Gäßchen hinein. —--
Während das jetzt Erzählte bei Quera verging, herrschte in dem Casino zu Mailand das regeste Leben. Die Offiziere der verschiedenen österreichischen Truppen, die sich in und um Mailand befanden, hatten sich bei dem einbrechenden Abende dort versammelt; die reiche Uniform der Husaren, der weiße Rock der Infanterie, die grün und rothe Ulanka, der graue Rock des Jägers u. s. w. wogten bunt durch die Räume.