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nahe senkrecht fallenden Sonnenstrahlen, lastete drückend auf der Stadt Novara. In einem Stübchen des Gast­hofs zum „Pilger" aber wehete frische Kühle. Der Bo­den war mit Rohrgeflechte bedeckt, das ein Diener soeben wieder mit frischem Wasser besprengt hatte.

An dem Fenster standen zwei dichte Oleanderbäume in großen, grünen Töpfen. Die prangenden, rothen Blüthen schienen sich von der wohlthuenden Feuchtigkeit auf's Neue zu beleben.

Auf dem grünen Tuche des Schreibtisches zur Seite des Fensters lag ein offener Brief, und vor demselben in einem mit schwarzem Leder überzogenen Lehnstuhle, faß der ehrwürdige Vater Gebhard. Das graue Haupt ruhte in der linken Hand, die sich auf die Lehne des Stuhles stützte, und sein Auge war, wie in tiefes Nach­denken versunken, auf einen der Oleander gerichtet. Plötzlich löste sich eine der schönsten, vollsten Blüthen von ihrem Stengel los, und langsam schwebte sie, in der Luft sich schaukelnd, auf die dunkle Erde hernieder. — Bei diesem Anblicke schüttelte der alte Herr den Kopf und sprach langsam vor sich hin: ^Sa wohl mein lie­ber Oleander, wir haben gleiches Schicksal. Auch Dir sank Deine schönste Blüthe zur Erde herab: doch Du bist noch reicher, als ich. Du hast noch Hunderte von schönen Blüthen, und kommt ein neuer Sommer, so freust Dü Dich in frischer Pracht der neuen Spros­sen! — Doch ich? — ich ? Mir blieb nur eine Blüthe noch — und selbst diese will ein schwarzer Wurm mir vergiften!" Und von einem edlen Zorne ergriffen sprang der alte rüstige Mann empor und ging rasch im Zimmer auf und nieder. „Aber ich werde ihn packen, diesen Wurm, und mag er sich auch noch so drehen und win­den! Schonungslos werde ich ihn zertreten!"

Mit diesen Worten war Gebhard zum Fenster ge­treten und blickte hinaus — da — mit einem Male erheiterte sich sein Gesicht, und mit freudiger Stimme rief er:

„Ewald! Friedrich!"

Der Angerufene war ebenfalls auf das Angenehmste überrascht und stürzte mit den Worten: „Mein Wohl­thäter! Mein,Netter! Mein Vater!" zur Thüre her­ein, und mit dem freudigsten Ungestüm preßte er den verwunderten Kaufmann an sich, daß dieser kaum zu stöhnen vermochte.

„Aber um des Himmels willen, Sie erdrücken mich ja!" —

Losgelassen von der jugendlichen Kraft, erfaßte er Friedrichs Hände und schüttelte sie recht herzlich. „Seien Sie mir tausend Mal willkommen, mein lieber Friedrich! Aber wie kommen Sie "denn hierher? Ich dachte Sie ja in den Schanzen von Bosfalora oder Trecale im ei­frigsten Kanonendisknrsc mit dem Feinde?"

„Von dort komme ich jetzt!" antwortete Ewald.

Doch schnell unterbrach Gebhard, indem er geschäf­tig dem jungen Marine den abgeschuallten Säbel aus der Hand nahm und ihn zur Seite stellte: „Nun,

und wohin gehen Sie denn? Oder bleiben Sie viel­leicht hier?"

„Das eben nicht," erwiderte etwas betroffen der junge Mann, „ein Befehl hat mich hierher gebracht und —" hier stockte derselbe und sah mit verlegener Miene zur Erde, als ob er zu dem, was er sagen wolle, nicht die passenden Worte fände, oder sie nicht ausznsprechen wage.

Eine Weile betrachtete ihn der alte Herr und als er dessen Verwirrung bemerkte, sagte er: „Nun, was ist es denn? So sprechen Sie doch!"

Dieser suchte aber auszuweichen und erwiederte: „Ich bin nur befremdet, Sie hier zu treffen, und be­greife nicht, waS Sie bewegen konnte, sich mitten in die Gefahren des Krieges zu begeben?"

„Ach!" sagte der Alte, indem er einen freundlichen und zugleich schmerzlichen Blick auf Friedrich richtete: „Mein lieber Ewald, ich habe schon wieder eine traurige Mission zu erfüllen, und hielte mich nicht eine wichtige Angelegenheit noch heute in Novara zurück, so hätten wir uns wahrscheinlich noch lange nicht getroffen!"

Bei biefrn Worten überlief der Ausdruck des Er­schreckens und der Besorgniß das die innigste Theilnahme verrathende Antlitz des jungen Mannes.

„Sie staunen," fuhr der Alte fort, „doch Sie wer­den die schmerzliche Wahrheit meiner Worte sogleich begreifen, wenn Sie den Brief gelesen haben, der dort auf dem Tische liegt."

Der Soldat war zum Tische getreten und las halb­laut das Schreiben, wobei das immer hastiger werdende Lesen die Aufregung verrieth,'»die in seiner Brust tobte.

Der Brief lautete:

Lieber Schwager!

Du wirst Dich vielleicht noch eines jungen Menschen erinnern, dem Du in Paris die Thüre weisen ließest.

Dieser scheint seine verbrecherischen Absichten auf Marie noch nicht aufgegeben zu haben. Er ist hier in Mailand und hat vor einigen Tagen Marien auf der Straße angehalten.

Als sie ihm mit der Aeußerung ihrer Verachtung entfloh, rief er ihr drohend nach: „Bist Du erst mein, dann wi^st Du anders sprechen!" — Wenn ich auch, nicht nur die arme gequälte Marie, sondern mich selbst überreden will, daß diese Worte nichts mehr, als eine boshafte Drohung gewesen sind, um das gescheuchte Reh zu erschrecken, so erregt doch der Umstand, daß dieser Mensch schon in Paris sich von keiner Gewalt zurück- schrecken ließ, sicher gegründetes Bedenken. Tu weißt, lieber Schwager, daß ich unserer geliebten Marie für einen solchen Fall den nöthigen Schutz nicht gewähren kann. So schmerzlich mich auch der Verlust des lieben Mädchens trifft, so erachte ich es dennoch für nothwen­dig, daß Du sogleich hierher kommst, um sie abznholep und in Sicherheit zu bringen. Solltest Du etwas Bes­seres wissen,,so theile es mir unverzüglich mit. Herz­liche Grüße von Marien. Es erwartet Dich re. w.