Einzelbild herunterladen
 

Hersfel-cr Anzelgcr.

Wr> VS. HerSfeld, den 1. Oktober. 1968»

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Po stauf- schlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller bei Wie­derholungen mit 6 Heller berechnet.

Die feindliche« Brüder.

Driginal-Novelle aus dem letzten italienischen Feldzuge.

(Aus dem Berliner VolkSgarten.)

(Fortsetzung.)

Theilnahmsvoll faßt die Tante das Mädchen bei der Hand und zieht sie sanft zu sich in die Laube hinein.

Komm meine gute Marie! setze Dich zu mir und weine mir nicht immer so sehr um den verlorenen Bru­der. Es ist wahr, sein trauriges Schicksal ist zu bekla­gen, aber siehst Du, er ist einmal Soldat geworden, und da mußten wir in diesen Zeiten immer auf so Etwas gefaßt sein. Mir geht gewiß sein Tob nahe genug, um mit Dir denselben Schmerz zu fühlen; aber da es nun einmal geschehen, müssen wir nicht unser ganzes geben lang mit Weinen zu bringen. Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Es war des Herrn Wille und wir müssen dem allmächtigen Gebote gehorchen, das den Ei­nen auf diese, den Andern auf jene Art trifft. Du vergißt auch gänzlich die Trostworte Deines guten Va­ters, die er Dir in seinem Briefe an's Herz gelegt. Aber die Traper um Eduard allein ist es nicht, was Dich so ergreift, denn seit einigen Tagen habe ich be­merkt, wie Du oft erschreckt zusammeufährst, und scheue Blicke um Dich wirfst, als sähest Du etwas Furchtbares in Deiner Nähe."

Sage, meine gute Marie, warum zitterst Du? Was ist Dir geschehen? Auch willst Du seir Kurzem nicht mehr ausgeheu. Ist Dir denn auf der Straße etwas begegnet?hat man Dich beleidigt?Q sprich, Du erfüllst mich jetzt selbst mit Angst! Sprich, mein liebes Kind!"

Ja, meine gute Tante," antwortete Marie, die sich indessen gesammelt,mir ist etwas widerfahren, und wenn Sie mich andren wollen, so werden Sie mir ge­wiß Recht geben, daß ich alle Ursache habe, traurig und ängstlich zu sein."

So sprich!"

Marie fuhr fort: Sie wissen, gute Tante, was sich in unserer Familie, einige Zeit vor unserer Abreise von Paris, zugetragen. Der Name Louis Quera ist Ihnen bekannt; auch habe ich Ihnen schon erzählt, auf welche

Art mein Vater ihn für seine verbrecherische Handlung bestrafte. Ich kann es Ihnen nicht erklären, welch' eine namenlose Angst, welcher Abscheu beinahe mich bei dem ersten Erblicken dieses Menschen mit seinem finstren, unheimlichen Gesichte erfaßt hat. Meine Bitten um Ruhe, mein zurückweisendes Benehmen, sogar die Droh­ungen meines Vaters haben ihn nicht abschrecken können, und Sie wissen, was er gethan. Eine mit Gewalt sich ausdrängende Meinung sagte mir stets, daß dieser Mensch Unglück über unser Haus bringen werde. Doch mehr als zwei Jahre sind seitdem verflossen, und ich dachte nicht mehr an ihn, wenn auch manchmal das düstere Antlitz mit den glänzenden Augen in meinen Träumen mich erschreckte.

Solche ängstigende Traumbilder hatte auch die Nacht des verflossenen Sonnabend vor meine Seele geführt.

Mit beklommenem Herzen erwachte ich und kleidete mich an, um mir im Tempel des Herrn Beruhigung für meine Angst, Trost für meinen Kummer zu erbitten. Mit erleichtertem Herzen verließ ich das Gotteshaus; ich war wieder ruhig geworden, und nur die Trauer um Eduard war der heilige Schleier, der über meiner Seele lag.

Eben war ich an das Ende des Corso di Porta Renza gekommen, als ich plötzlich hinter mir leise sagen hörte:Marie!" Wie ein Dolchstich fuhr mir der Ton dieser Stimme, die meinen Namen ausgesprochen, in's Herz. Ich wagte es nicht, mich umzusehen, und ging schnellen Schrittes weiter. Doch männliche Schritte folgten mir eben so schnell, in einigen Secun­den war mein Verfvlger neben mir, und indem er mich abermals beim Namen nannte, legte er seine Hand auf die meine. Ach Gott! Ich vermochte nicht auszublik- ken, und doch sagte mir das qualvolle Gefühl, wer vor mir stand. Es war Quera!

Ich versuchte mich der Fessel zu entziehen, doch er ließ mich nicht, und kein Mensch war in der Nähe zu erblicken.

Sie erinnern sich des Hinausgeworfenen nicht mehr?" sagte Louis, und ich empfand, wie sein durchbohrender Blick bei diesen bittern Worten auf mir lastete.

Doch eben der giftige Haß, der mit dem süß- schmeichelnden Vorwurfs-Tone eines Liebenden in diesen