Einzelbild herunterladen
 

MV. ?6t Hersfeld, den 20. September. 1882.

Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. ■— Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postaus­schlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden aufgenommen und die Zeile oder deren Raum mit L-Heller bei Wie­derholungen mit 6 Heller berechnet.

Die feindlichen Brüder.

Original-Novelle aus dein letzten italienischen Feldzuge.

(Aus dem Berliner Bolksgarten.)

(Fortsetzung.)

Drei rasch auf einander folgende Pfiffe halten durch die Nacht gegellt, und gleich daraus trat ein junger Mann in schwarzer Kleidung ein.

Giulio nahm die Laterne vorn Fenster, stellte sie auf den Tisch, und während er die Mütze zog, sagte er: „Guten Abend, Herr!"

Dock dieser schien ihn nicht zu hören. — Mit raschen Schritten ging er, schnell Athem holend, auf und ab. Es war, als ob er sich nicht entschließen könne, die Antwort auf eine Frage zn fordern, die er an Giu­lio richten wollte, der mit spähenden Blicken jeder sei­ner Bewegungen folgte.

Plötzlich blieb er vor diesem stehen und stieß schnell die Worte heraus: „Wo ist Eduard Gebhard?"

„In den Lüften könnt Ihr die Asche von seinen verbrannten Gebeinen suchen, wenn Ihr Lust habt, sie zu begraben," war des Salden Antwort.

Aus diesen vier Worten wird der Leser Louis Quera erkennen, den wir vor z^ei Tagen auf dem Hügel von Vercelli verließen. Auf welche Art er in dem gräßli­chen Tode Eduard's Befriedigung einer abscheulichen Rache fand, und was die Veranlassung war, die ihn zu dieser That, die eines Teufels würdig gewesen wäre, gebracht, dies wir der Verlauf unserer Erzählung ent­hüllen.

„Setze Dich!" sagte Louis, nachdem er einige Au­genblicke im Nachdenken versunken, gestanden, und er­zähle mir, wie der Alte sich geberdet, als er erfahren, daß sein Söhnlein die Reise durch die Luft gemacht?" „Was soll ich Euch sagen?" erwiderte Giulio. Hal­tet Euren Kopf her, ich werde Euch ein Auge ausreißen und Euch dann erzählen, wie Ihr gejubelt! — Ich war gerade im Hause, als die Hölle losging. Im Anfänge wußte Niemand, was geschehen sei. — Wir stürzen auf die Gasse, und der Alte fragt Jemand, was geschehen sei, und dieser antwortet: Die Munitionswagen sind

in die Luft gegangen! — Gott im Himmel mein Sohn! schreit der Alte auf und stürzt zusammen. — Der Pepo fing auch an zu heulen: Ich wußte nicht, was die Nar­ren hatten, packte den Alten auf und trug ihn ins Haus. Da sagte mir Pepo, des Herrn Sohn sei Artillerist, und habe an diesem Vormittage an der Bepackung der Munitionswagen gearbeitet. — Per Dio, als ich das hörte, da war mir, als ob einer mit einer dünnen Schnur mir langsam das Herz zusammenzöge. Ich hielt den Alten sanfter, und als ich ihn auf's Bett hinlegte, da wurde mir's in den Augen heiß, der Hals wurde mir so eng; und ich heulte selber mit dem Pepo. — Doch hört, habt Ihr kein Herz im Leibe, daß Ihr zu dieser Geschichte lachen könnt?

Mit gräßlicher Bosheit hatte Quera bei der zwar rohen, aber herzlichen Schilderung des Salden laut aufgelacht.

Greife auf Deinen Ledergurt, und frage nicht, was Dich nicht kümmert, war seine Antwort. Was geschah weiter?"

Weiter geschah nichts. Als der Alte die Gewißheit von dem Tode seines Sohnes erhielt, wurde er ruhig und sprach nicht weiter davon. Aber man sieht's ihm an, daß ihm der schwarze Wurm am blutenden Herzen sitzt. Es ist mir leid um den Alten. Seit gestern war ich nicht mehr dort."

Und wo ist Maria?

Die ist vor vier Monaten zu einer Tante nach Mailand gekommen. Dort ist sie jetzt.

Nach dieser Antwort herrschte Schweigen. Man hörte nur das Knistern des Lichtes das in der Laterne brannte. Ein rother Schein fiel auf die Gesichter der beiden Männer. Das eine, blaß und verstört, war nach­denkend auf die Brust herabgcncigt. Auf der andern Seite des Tisches beugte sick Giulio auf seinem Stuhl etwas zurück, um aus dem Beleuchtungskreise der La­terne zu kommen und so besser das Gesicht Quera's be- tcachten zu können.

Dieser junge Mann, der sich freute über den na­menlosen Schmerz eines Vaters, dem der Sohn gemor­det wurde, war selbst dem rohen Herzen des Salden ein Gegenstand des Abscheues und mit lauernden Blicken