Nr. §5. HerSfeld, den 17. September. 1962«
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Die feindlichen Brüder.
Original-Novelle aus dem letzten italienischen Feldzuge.
(Aus dem Berliner Volksgarten.)
(Fortsetzung.)
Lautloses Schweigen herrschte in dem Gemache. Auf dem Boden spielte ein Sonnenstrahl über das Bild des Teppichs hin, das einen Schwan verstellte, wie er sich in aufopfernder Liebe für seine Jungen die eigene Brust aufritzt.
Einige Augenblicke blieb es still, dann aber entriß sich Gebhard den schwarzen Banden, die die Erinnerung um sein Herz geschlagen und sagte: „Sammeln Sie sich, mein junger Freund! Unerklärlich sind oft die Absichten des Herrn, und wir Alle wandeln die Bahn, die uns der eherne Finger des Schicksals anweist, ohne zu wissen, wann es der Gottheit gefallen wird, unserm irdischen Dasein ein Ende zu machen."
„Noch ist mir ein liebes Kind geblieben, das nun des Vaters Herz ungeteilt besitzen soll. Vor einigen Monaten ist Marie nach Mailand gereist, wo die Schwester ihrer Mutter, eine liebenswürdige Matrone, lebt, die in ihrem Alter gerne Jemanden um sich haben will, von dessen treuer Ergebenheit sie überzeugt sein kaun, und der gerne mit ihr von der geliebten Schwester spricht. — Doch — nun theilen auch Sie mir einiges aus Ihrer Vergangenheit mit; denn obwohl Eduard'in seinen Briefen öfters eines treuen und achtbaren Freundes, den er in seiner Batterie zn finden so glücklich war, erwähnte, so hat er mir doch nie etwas Näheres über ihn geschrieben."
„Ach, antwortete auf diese Aufforderung der Verwundete, der sich nur langsam von dem Eindrücke erholte, den die Mittheilung über die entsetzliche Todesart seines Freundes auf ihn gemacht hatte, „meine Vergangenheit ist sehr einfach und bietet wenig Interessantes."
„Ich heiße Friedrich Ewald und bin der Sohn eines unbemittelten Beamten aus Straßburg, und zwar das Kind seiner zweiten Fran. Von seiner ersten Gattin, mit der er in Chalons gelebt, existirt ebenfalls ein Sohn, Namens Louis, der um fünf Jahre älter ist, als ich. — Seine Mutter, eine lebhafte Italienerin, hatte
das Feuer und den raschen Lauf ihres Blutes auf den Sohn vererbt. Seine wilden fantastischen Streiche ga_ ben häufig Veranlassungen zum Unfrieden im Hause, itni\ so kam er, um seine Studien fortzusetzen, vor drei Iah ren nach Paris, wo mehrere sehr angesehene und reiche Verwandte seiner Mutter lebtet."
Hier unterbrach der bei dwsLg iHZor.ben' des Artilleristen aufmerksam gewordene Kaufürrmn" „Können Die mir nicht den Familiennamen von der Mutter Ihres Bruders sagen?"
„Nein, denn er wurde mir nie genannt."
„Entschuldigen Sie meine Unterbrechung."
Der Soldat fuhr fort: „Seit dieser Zeit haben wir nichts mehr von ihm erfahren. ^Einige Monate später starb der Vater in Folge eines Schlagansalles. Die Mutter war nun auf ein spärliches Auskommen angewiesen, so daß es ihr sehr schwer geworden wäre, die Kosten meiner Studien fernerhin zu bestreiten.
Ich ging in Folge dessen zur französischen Armee, und meine schon gemachten Studien benützend, wendete ich mich zur Artillerie. Da wurde ich, nachdem ich im Frühjahre vorigen Jahres unter Marschall Stauben in Algier ein hitziges Gefecht mitgemacht, zum Unterofficier ernannt und zu einer andern Batterie versetzt, wo ich Ihren Sohn kennen lernte. x
Die Gleichheit unserer Ansichten, noch mehr aber seine Herzensgüte, nahmen mich sogleich für ihn ein, und ich habe in ihm den einzigen Jugendfreund, den ich je gehabt, geliebt. — Im Felde schlingt die Freundschaft stärkere Banden um die Herzen, und bis zum letzten Athemzuge gehört der Freund dem Freunde an! O, warum wurde er mir so schnell, so elend--"
Er konnte seinen Satz nicht vollenden, denn eben trat der Arzt ein.
„Nun, mein Patient, Sie befinden sich ja schon recht wohl! Aber ich denke, daß Sie des Guten zu viel thun. Ihr Puls ist aufgeregt; es wiro gut sein, wenn Sie eine Tasse Milch trinken und sich durch ein Schläfchen wieder stärken. Kommen Sie, Herr Gebhard, lassen wir ihn allein."
Dieser reichte dem Soldaten noch ein Mal herzlich und wohlwollend die Hand, und einen väterlichen Blick auf ihn zurückwerfend, verließ er mit dem Arzte die Stube.