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HcrsfMer A»zeigcr.

Me. SO* Hersfeld, den 30. August. 1862.

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Pr 's desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7i Sgr. bei den Postanstalten kommt der MML Postauf- schlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller bei Wie­derholungen mit 6 Heller berechnet.

N a d e l eh a.

(Fortsetzung.)

Auf dem Semenoffsplatze war ein reges Leben; Patrouillen eilten hin und her, um die herzuströmende Menschenmenge in Ruhe und Ordnung zu halten. Mit dem Glockenschlage acht Uhr kam ein grün angemalter, verschlossener Wagen, von einer Compagnie Soldaten escortirt, auf dem Nichtsplatze an. Die Soldaten bildeten einen Kreis. in dessen Mitte ein zweiräderiger Karren stand. Die Verurthcilte wurde aus dem Wagen gehoben und mehr todt als lebendig in den Kreis hineingeführt.

Lautlos starrte die Menge der Zuschauer nach der Unglücklichen hin. Sie, die man nur in Sammet und Seide zu erblicken gewohnt war, trug jetzt einen grauen Kittel; der zarte Fuß, der sonst nur aus persischen Tep­pichen wandelte, war jetzt nackt, mit groben Bastsaudalen bekleidet. Das schöne duftende Haar war ihr kurz am Kopfe abgeschnitten, und die ganze Gestalt, sonst so edel und elegant, glich jetzt in dieser unförmlichen Hülle der­jenigen eines gemeinen Bauernweibes.

Als sie mit der Brust auf den Karren gelegt und darauf festgebunden war, verlas ein Beamter das Ur­theil, welches wir in unserer Sprache ungefähr mit fol­genden Worten wiedergeben:

Anna Simonowna, Tochter des verstorbenen Cor- poralo rc. rc. Simon Risanoff, erhält wegen ihres Ver­brechens: Mord durch Gift an dem Fürsten Prelucki, nach zuerkanntem Recht die Knute auf Leben und Tod. Doch ist ein uraltes Gesetz vorhanden, durch welches Gnade für Recht ergehen soll, wenn Einer unter Euch Soldaten in der Strafcompagnie Seiner Majestät des Kaisers sich dieser Unglücklichen erbarmen und sie zum Weibe ehelichen will. Er wird alsdann gehalten sein, gleich nach der Trauung mit seinem Weibe in die süd­liche Strafkolonie am Kaukasus abzugehen, um dort von einer Hütte Besitz zu nehmen, die nebst zwei Morgen Landes, welche er bebauen muß, aus zehn Jahre sein freies Eigenthum verbleibt.

Als das Urtheil verlesen war, entstand ein kleines Geräusch im Kreise der Soldaten, doch bald war wie­der Alles ruhig. Der Henker erhob sein Instrument,

jeden Augenblick bereit, es auf den Nacken seines Opfers fallen zu lassen. Doch erst wurde die Vorlesung noch zwei Mal wiederholt, so will es das Gesetz. Nach Be­endigung des dritten Mals, als die unabsehbare Menge von Zuschauern in der größten Spannung den Athem an sich hielt, und Aller Herzen vor banger Erwartung klopften, trat ein junger hochgewachsener Mann aus der Reihe der Strafcompagnie, dessen Mienen und Anstand von dem seiner Gefährten bedeutend abstachen.

Mit edler Haltung setzte er sich neben die Unglück­liche, welche schon die Todesstreiche erwartete. Sanft ergriff er ihre Hand unter dem Tuche, das der Henker über sie geworfen, und indem er sie herzlich drückte, stü- sterte er:

Fürchten Sie nichts, ich bin Sobaka, Ihr Freund, und ergreife freudig diese Gelegenheit, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen, denn Sie waren es, die mich jüngst von einer entehrenden Strafe rettete. Ich werde meine Rechte über Sie nie geltend machen, sondern Ih­nen dienen, so treu und anspruchslos, wie das Thier dessen Namen ich tragen muß.

Das Fuhrwerk hatte sich während dessen in Bewe­gung gesetzt, um nach der nahen Kirche zu fahren. Wäh­rend es dort vor dem Portal still hielt, bis der Trau­ungsact vorüber war, hatte die Volksmenge, welche ihm folgte, schnell einen alten Hut auf den Karren gesetzt der sich in wenigen Minuten bis an den Rand mit Kup« fer , Sllber- und Goldmünzen füllte. Alles jubelte dem braven Soldaten zu, der das Aergste von der armen Sünderin abgewendet, und Jedermann wollte durch sein Schcrflein, das er freudig beisteuerte, ihm sein Mitge­fühl beweisen.

Wasili unsere Leser haben ihn gewiß schon er­kannt hatte kaum das Urtheil vernommen, das über seine großmüthige Wohlthäterin verhängt worden, als er, von Dankbarkeit durchdrungen, die wunderbare Fü­gung der Vorsehung erkannte, die ihn, den Schuldlosen, zwischen diese Compagnie von Verbrechern warf, um Annas dereinstiger Retter zu werden.

Er hielt sein Vorhaben sehr geheim, er hatte ja unter den «Sträflingen ohnedies keinen Freund und so war es ihm gelungen, der Unglücklichen im letz­ten Augenblicke als ein rettender Engel zu erscheinen.