Hersscl der Anzeiger.
sr*. «S. ' HerSfeld, den 27. August. 1862.
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U a d e t ch a.
(Fortsetzung.)
Der Arzt folgte Annas Bewegung mit gespanntem Blicke, und las die Schuld auf ihrer bleichen Stirn.
— Sie ist die Schuldige, rief er, ich dachte es wohl. Oeffnet die Thür und lasset die Wache eintreten, um die Giftmischerin festzunehmeu.
Niedergeschmettert von den Folgen chrer Rache, deren Gericht mit so raschen Schritten über sie herein- brach, reichte Anna lautlos ihre Häude der Wache hin, die mit Stricken versehen war, um sie festzubinden und daran hinwegzuführen. Mit gesenkten Blicken folgte sie den Dienern der Gerechtigkeit, welche auf des Doctors Wink sie in ihre Mitte nahmen, um sie auf die Polizei zu führen. , ,,
Der Diener theilnahmvolle Thränen folgten ihr; denn es ist eine auffallende Erscheinung, aber es ist Thatsache: das russische Volk verhöhnt oder verfolgt nie einen ertappten Verbrecher, wenn er der Bestrafniig übergeben wird. Es sympathisirt mit ihm, und fühlt sich gleichsam in ihm gezüchtigt. Anna Simonowna war überdies, ihrer Milde und Freundlichkeit wegen, die sie stets für ihre Untergebenen hegte, von ihnen aufs innigste verehrt und geliebt worden. t „
Die Justiz wird in Rußland ungemein schnell ge- handhabt. Sobald der Verbrecher überwiesen ist, wird das Urtheil gefällt, und wenige Taae darauf vollzogen. Ausgenommen für Staatsverbrechen, bei Revolutionen oder Verschwörungen, existirt keine Todesstrafe in Rußland. Die Knute ist die Strafe für den Mord. Häufig aber überlebt der Verbrecher diese Strafe, und wird, sobald er geheilt ist, nach Sibirien trausportrrt.
Die Knute, dieses schreckliche Strafwerkzeug, besteht aus einem Stöcke mit Eisen beschlagen, an welchem ein langer vierkantiger Riemen ist, an dessen äußerstem Ende früher Draht eingeflochten war. Hundert Hiebe mit diesem Instrumente gelten für Todesstrafe, aber mehr wie drei Streiche werden selten zuerkannt und die Berührung mit der Knute hat den bürgerlichen Tod der Verbrecher zur Folge. , ,.
Hat der Verurteilte Angehörige, die Etwas für
ihn opfern können oder wollen, so bestechen sie gewöhnlich den Henker, damit er mit dem ersten.Hiebe die Leiden des Unglücklichen ende, und er kann es, wenn er die ganze Schwere der Knute auf die Weichen des Delinquenten fallen läßt.
Nach der Regel aber haut er ihm die Knute über den stachen Rücken, und zieht dann langsam die Riemen darüber hin, die sogleich tiefe Furchen in das Fleisch einschneiden. Der zweite Hieb trifft schon das rohe Fleisch, und wenn der Unglückliche nach der Execution noch lebt, so wird er in das Gefängniß zurück gebracht und verbunden. Häufig kommt der Brand hinzu, und dann ist der Tod eine unausbleibliche Folge.
Bei weiblichen, zur Knute verurtheilten Verbrechern findet ein seltsamer Gebralrch, eine Milderung ihres Urtheils, wenn man es so nennen will, Statt. Wenn nämlich die Delinquentin auf dem Karren, auf welchem sie ihre Strafe erleiden soll, festgebunden liegt, ihr Nak- ken eutblöst ist und der Henker das schreckliche Instrument erhoben hat, dann ergeht eine Aufforderung au die Strafcompagnie, die in geschlossenen Reihen einen Cordon um den Executionsplatz bildet.
Diese Strafcompagnie besteht, wie wir bei einer frühern Gelegenheit schon erwähnten, aus Dieben und allerlei schlechtem Gesinde!, und ihr ist die besondere Ueberwachung der Execution anvertraut. Es ergeht, sagten wir, eine Aufforderung an die Mannschaft der Strafcompagnie, ob Einer unter ihr sich der Verbreche- rin erbarme» und sie ehelichen wolle, unter welcher Bedingung ihr die Strafe erlassen sein solle.
Manchmal geschieht es dann, daß sich vielleicht der Frechste von allen dazu entschließt, wenn nämlich die Verbrecherin hübsch ist, oder etwa reiche Angehörige Willens sind, die Braut auszustatten, was häufig schon vorher unter der Hand abgemacht wird.
In diesem Falle setzt sich nun ein solcher Mann, nach der dritten Aufforderung zu der Verurtheilten auf den Karren. Der Henker wirft ein Tuch über den enr- blösten Nacken der Braut und führt das Paar in die nächste Kirche, wo ein Pope sogleich bereit ist, die Ehe einzusegnen. Darauf werden Beide nach Sibirien oder nach einer Strascolonie transportirt, „nd der Mann hat