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Nr. 64* Hersfeld, den 9. August. 18V2.

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U a d e f ch a.

(Fortsetzung.)

Es war Mittag. Der Arzt war soeben bei dem Kranken gewesen und hatte dessen verdüstertes Gemüth mit dem Troste einer baldigen Genesung erquickt. Anna Simouowna aber wollte nicht, daß der Kranke sich irgend einer Hoffnung hingebe, und sagte zu ihm in scharfem Tone:

Glauben Sie doch nicht ein Wort von deni, was der Doctor sagt. Man kennt ja diese Lieferanten des Todes, sie sprechen so lange von Hoffnung, bis der letzte Athemzug dahin ist.

Warum, Anna, erwiederte der Fürst gereizt, wie er es häufig in der letzten Zeit gewesen, warum wollen Sie mir die Hoffnung nehmen, welche man mir doch unbeschadet lassen kann, auch wenn sie nichtig wäre?

Warum? warum, fragen Sie? rief Anna hart. Wozu noch diese Verzärtelung mit Ihrem trostlosen Zu­stande? Wollt Ihr Mächtigen denn nie die Wahrheit hören? Es ist aus mit Ihnen, Iwan Alexiowitsch. Ihre Macht, Ihr Reichthum hilft Ihnen nichts mehr arme, schuldlose Wesen entehren, um sie der Schande preis- zugeben. Sie sind nichts mehr, als eine modernde Leiche.

Wollen Sie mir Buße predigen? rief der Fürst mit sarkastischem Lächeln. Welch drolliger Einfall I Doch ich sollte Ihre Capricen schon gewohnt sein. Nun, wohlan, schöne Sünderin! Ich bin bereit, wollen Sie meine Beichte hören?

Anna richtete sich von ihrem Lehnstuhle hoch anf, trat mit strengem Blick vor den Fürsten hin, und sagte in ernstem, feierlichem Tone, gleich einer Rachegöttin:

Es möchte Ihnen wohl frommen, wenn ich Sie absolvirte; doch ich verlange eine strenge Pönitenz.

Wirklich? spottete der Fürst, sind sie so streng gegen Andere? Soll diese Strenge wohl Ihre eigenen Sünden sühnen?,

Ich werfe sie alle auf'-S i e, und mit vollem Rechte, obwohl die Wucht der Ihrigen Sie schon bis in den Mittelpunkt der Hölle hinabzieht. Sie haben, hob Anna in hohlem Tone an, Sie haben das Mark Ihrer Unter­

thanen ausgesogen, Sie haben sie nur wie Maschinen nicht wie Menschen behandelt.

Winewatt, antwortete der Fürst scherzend, wie vor dem Beichtstühle des Popen zu antworten üblich ist. Dann warf er höhnisch die Lippen aus und sagte leichthin:

Zugegeben, mein schöner Beichtvater, was noch?

Sie haben das Heiligste verhöhnt und verspottet, Sie trotzten selbst Gott und seinen ewigen Gesetzen-

Winewatt! Was noch, meine Schöne?

Sie haben sich selbst entwürdigt. Sie haben durch viehische Begierden den göttlichen Funken in sich selbst ertödtet; das ist ein moralischer Selbstmord.

Ha, wie grausig! Sind Sie bald zu Ende?

Nein. Ich könnte Tag und Nacht fortfahren, ich würde das Register Ihrer Todsünden nicht beendigen. DaS Blut Derer, die Die verrathen und hingemordet schreit um Rache.

Sonst nichts?

Es ist noch viel, unendlich viel, aber ich ermüde/ es Ihnen ins Gedächtniß zu rufen. Kennen Sie diese Brieftasche, rief Anna, und hielt ihm ihren Fund aus dem Pulte vor die Augen.

Ha! Wie kommen Die dazu?

Sie ist mein! Sie ist das Vermächtniß meines verrathenen, hingemordeten Verlobten. Mit diesen Blät­tern habe ich zugleich seine Rache übernommen. Zittern Sie Sie sind in meiner Hand!

Worüber beklagen Sie sich? Habe ich Sie nicht reich und glücklich gemacht?

Du hast mich zu dem gemacht, was ich bin, rief Anna mit erstickter Stimme. Ohne dich wäre ich das glücklichste Weib eines Ehrenmannes, ohne bid) wäre ich ein geachtetes Glied der Gesellschaft, das sich selbst achten könnte. Durch dich bin ich eine Ausgestoßcne, ohne Frieden mit mir selbst, ohne Frieden mit der Welt. Und du fragst, worüber ich mich beklage? Rache, Rache ist meine einzige Sendung an dich!

Annas bleiches Antlitz glich dem Haupte der Me­dusa. Ihr aufgelöstes Haar fiel ihr wild über Stirn und Nacken, die Augen flammten Blitze, und ihre Ge­stalt hatte eine drohende Stellung angenommen.