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Mr. »r. Hersfeld/den 16. Juli. L8«2.

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postauf­schlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller bei Wie­derholungen mit 6 Heller berechnet.

U a b e t ch a.

(Fortsetzung.)

Und in der That, der Rachegeist in Annas Busen wußte den Fürsten mit den sinnreichsten Martern zu quälen- Wenn der Kranke nach einem schmerzhaften Anfälle in einen wohlthätigen Schlummer sank, so war sie es, die ihn zu neuer Qual erweckte. Dann beschrieb sie ihm seine Krankheit mit raffinirter Grausamkeit bis in die kleinste Faser, und entwarf ihm ein schreckliches Bild von dem, was er noch zu leiden haben würde. Sprach er die Hoffnung aus, daß er genesen werde, so wußte sie ihm ähnliche Fälle, die alle mit Wahnsinn und Tod endigten, herzuzählen; und scherzte er über das Jenseit denn er wagte nie im Ernst daran zu denken so war sie erfinderisch, wie Dante, um ihm die Pein der Hölle auszumalen. Dabei verhütete sie unter dein Ver­wände, daß die Krankheit des Fürsten völliges Ungestort- sein heische, jeden Besuch von Freunden, welche tröstende Zusprache hätten bringen können. Auf diese Weise blieb er ganz in den Händen seiner Quälerin, und mußte es noch für eine Gnade ansehen, daß Anna bei ihm ver­weilte.

Auch wir müssen ihn für jetzt verlassen, um uns freundlicheren Bilvern zuzuwendeu. Es erfüllt uns mit Grausen, die körperlichen und geistigen Startern des sterbenden Fürsten mit anzusehen, wenn diese Qual auch eine verdiente ist.

XVI.

Die Herrschaft Prelucki liegt in einer schönen wal­digen Gegend, von klaren Bächen durchströmt, zwischen sonnigen Hügeln und unter einem reinen, milden Him­mel; das Schloß steht auf einer beträchtlichen Anhöhe, von zwölf Dörfern umgeben, die man alle von dem plat­ten Dache des Schlosses überblicken kann. Es ist im orientalischen Styl gebaut und bildet ein regelmäßiges Viereck, dessen Ecken in runde Thürme auslaufen. Das. Portal des Schlosses ist auf der Ostseite, zu weichem drei schnurgerade Alleen führen, an deren Ende ein freier grüner Rasen mit schönen Blumenpartien liegt. Die Mittag- und Abendseite umfließt in weiten Bogen die

Orel, ein krystallheller Fluß, über welchen zwei chinesische Brücken in einen großartigen Park führen.

Die Nordseite nimmt den Hof ein, der zu Ställen und Wirthschastsgebäuden dient. Der innere Raum der vier Flügel ist ein int orientalischen Geschmacke angeleg­ter Garten, in dessen Mitte ein Springbrunnen, mit einem weiten Bassin umgeben, steht.

Rings um, die innere Seite des Gebäudes läuft eine Galerie, die den Bewohnern einen kühlen, von tau­send Blumen durchdufteten Aufenthalt gewährt. Die Wirthschaftsgebäude stehen in ziemlicher Entfernung von dem Schlosse, und bilden theilweise die anmutigen Dör­fer, die wie von der Hand eines Malers dahin versetzt scheinen. Man sieht es, daß ein Plan das Ganze ent- stehen hieß, denn jede Baumgruppe, jede Hütte, jeder Rebenhügel ist so geordnet, wie es einem ^verwöhnten Auge wohlthut, und jeder einzelne Gegenstand trägt zur Schönheit des Ganzen bei.

In dem Erdgeschosse des Schlosses befinden sich die Küchen, die Vorratskammern und die Zimmer der Die­nerschaft. Die Beletage enthält viele große Säle und Wohnzimmer, das zweite Stockwerk ist größtenteils zu Schlafzimmern verwendet.

Wer nicht selbst dieses Land besucht hat, kann sich kaum einen Begriff von der Großartigkeit solcher Feu­dalsitze machen. Die Festlichkeiten, welche in diesen Schlössern gefeiert werden, wozu meistens der Adel der ganzen Provinz geladen wird, und welche oft mehre Wo­chen hindurch dauern, machen eine große Zahl von Ge­mächern nothwendig; denn jeder Gast bringt außer sei­ner Familie oft noch mehre Domestiquen und wenigstens vier Pferde mit.

Daher ist es nichts Seltenes, daß ein solches Fest die Revenuen eines ganzen Jahres aufzehrt, ja daß oft der Obrok (Lehnzins) von den Bauern sowohl in baarem Gelde, wie in Naturalien auf Jahre im Voraus zu diesem Zwecke erpreßt wird.

Freilich sieht es in den meisten russischen Fendal- schlössern außer den Galatagen, ziemlich armselig und schmutzig aus. Die Diener laufen barfuß und in zer­lumpten Kleidern, und deren Kinder in völligem Natur­zustände, ohne alle Bekleidung umher. Die Zimmer wer­den das ganze Jahr nicht gescheuert, sondern nur zu