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Hersfelder Anzelgcr.

Wn 44* Hersfeld, den 31. Mai. 1863*

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postauf­schlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wie­derholungen mit 6 Heller berechnet.

Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:

den zu der erledigten Pfarrei Hüttengesäß präsen- tirten Pfarrer Friedrich Wilhelm Jung haus zu Kirchbracht zu bestätigen.

N a d L s eh a.

(Fortsetzung.)

Dimitry schritt mit ernstem feierlichen Wesen auf Nadescha zu, beugte ehrfurchtsvoll ein Knie vor ihr und blickte ihr sanft ins Auge.

Von der Allgewalt dieses Moments ergriffen, er- bleichte die überraschte Jungfrau und fiel ihrem Geliebten ohnmächtig in die Arme. Das Ueoermaß der Glückselig­keit war zu groß, zu mächtig, zu unvorbereitet auf sie eingedrungen, als daß ihr zarter Körper ihm nicht für einen Augenblick hätte erliegen müssen. Schrecken malte sich auf aller Angesicht; nur die umsichtige Anna holte in der Eile flüchtige Essenzen herbei, ihrem Lieblinge die (Stirn damit zu reiben. Bald erholte Nadescha sich wieder, und welch namenloses Entzücken durchströmte Dimitry, als sie den Madonnenblick zu ihm aufschlug, und er in dem Himmel ihrer blauen Augen die Erwie­derung seiner Gefühle las.

Liebst Du mich, Nadescha? flüsterte er.

Ewig! war die Antwort

Der Bund war geschlossen.

Dimitry stand auf, stralend von Glück und Wonne. , Jetzt, sagte er, muß ich Euch verlassen, denn ich habe mein Wort gegeben, daß ich heute noch nach Mos­kau abgehen, dort meine Tante abholen und hierher ge­leiten will. In sechs Tagen bin ich wieder hier, dann soll unser Bund vor Zeugen unauflöslich geknüpft wer­den, wie er es bereits vor Gott ist. Mein Onkel ist bereit, Nadeschas Freibrief auszustellen, dem der des guten Vaters bald folgen soll. Auch bei meinen Oberen habe ich das Gesuch um den Consens schon eingereicht, und ich würde schon gleich in dieser Stunde mit Nadescha vor den Altar treten, wenn nicht mein Chef, der mir ben Consens zu ertheilen hat, abwesend wäre. Vater

Jukoff, und Sie, Monsieur Gardieu, sagte Dimitry, in­dem er Beider Hand erfaßte, Euch fordere ich auf, meine Braut vor jeder Gewaltthat zu schützen, wenn was ich nicht glauben kann ihr dergleichen drohen sollte. Ihr seid zwei starke Männer, und habt das Gesetz auf Eurer Seite. Euch vertraue ich mein höchstes Kleinod bis zu meiner Wiederkehr. Lebt wohl! Lebe wohl, Na­descha, meine Braut, mein Alles!

Hier feierte die Natur ihren schönsten Triumpf, denn, Alles um sich her vergessend, lagen die Liebenden Brust an Brust, sich fest umschlingend, und genossen für einige kurze Momente des Daseins höchsten, beseligendsten Wonnerausch.

XI.

Draußen wüthete der Herbststurm. Heftiger Regen schlug an die wohlverwahrten Fenster von Nadeschas Zimmer, auf dessen breiten Mauergesinisen sich ein Schwärm wilder Tauben, Schutz und Obdach suchend, zusammendrängte, und sich weder scheute noch flüchtete, als eine weiße Hand das Fenster öffnete und Futter streute. Diese friedlichen Thierchen wissen es, daß ihnen kein Leid geschieht, sie sind dem Russen heilig, er tödtet keines derselben.

Daher blickten sie vertrauensvoll der holden Nadescha in die Augen, wenn sie einen um den anderndieser lieb­lichen Vögel streichelte und küßte. Jeder so Bevorzugte flog dann eilig, davon, als hätte er einen Auftrag aus- zurichten und in der That, wir zweifeln keinen Au­genblick, daß diese klugen Liebesboten ausdrücklich abge- seudet wurden, einem theuren fernen Reisenden zärtliche Grüße und sehnsuchtsvolle Wünsche zu überbringen.

In Nadeschas Seele blühte, trotz des grausigen Unwetters, ein paradiesischer Frühling. Ihr Antlitz stralte von Ruhe und Frieden. Mit zärtlicher Sorgfalt wendete sie sich ihren Lieblingen, den duftenden Blumen zu, die sie in schöner Auswahl pflegte, und welche ihr heute so überaus lieblich entgegenlächelten.

Dann kniete sie vor einem bronzenen Käfig, in welchem ein schöner, grau gefiederter Papagei sich wiegte. Ihm ihre Korallenlippen bietend, aus welchen er zart und vorsichtig sein Frühstück nippte, fragte sie kosend:

Wo ist Barin? Mein süßer Polly, kannst Du