Hersfclrcr Anzeiger.
Nr». 41. Hersfeld, den 21. Mai. 1 DGL.
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(Fortsetzung.)
VIII.
Im weißen Saale des Winterpalastes, der, von mehren tausend Kerzen erhellt, feenhaft schimmerte, war eine große Tafel in Form eines Hufeisens gedeckt. Große silberne Vasen, die von dem Fußboden an die Tafel weit überragten, standen an beiden Enden derselben und waren mit köstlichen Blumen gefüllt. Alle Früchte, welche die Tafel zierten, waren in reizende Kränze geschlungen; selbst jedes Stückchen Zucker schien abgewogen und abgefeilt, so ähnlich war eines dem andern.
In gehörigen Zwischenräumen standen die leckersten . Confitüren, Weine und Früchte. Eine grün überschattete Ananas in silbernem Scherben wechselte mit einem prachtvollen goldenen Aussatz voll der ausgesuchtesten Backwerke. Daran reihete sich eine Blumenvase, welcher eine Batterie Krystallflaschen, in denen die feinsten Weine funkelten folgte.
Im Centrum der Tafel, da, wo sie einen Bogen bildete standen zwei kostbare Astrallampen mit Blumenkränzen umwunden. Hier war der der gewöhnliche Sitz ‘ des Kaisers und der Kaiserin.
Im anstoßenden Saale hatte ein Concert Start gefunden, nach dessen Beendigung verschiedene Damen und Herren des Hofes in den Speisesaal schlenderten, um den Anfang des Soupers zu erwarten. Alle benahmen sich hier ungenirt, wie zur Familie gehörend, wenn gleich nur leise sprechend.
Man sah hier unter anderen bekannten Größen des Petersburger Hofes zwei seltsam gekleidete ältliche Frauen
~aicl , umkreisen. Sie trugen enge, kaum einen Schritt weite Kleider, deren Röcke drei bis vier Abstu- fungen hatten, wowon die oberste fast unter dem Gürtel
k'e kurze, breite Taille umschloß. Um die Schlafe trugen sie weiße Stirnbinden, die unter dein Kmn herum liefen und ihre braunen Gesichter, wie anö Bronze gegossen, hervorhoben.
Ausfallender noch als ihre Kleidung war ihr Benehmen, denn sie trugen keine Scheu, fortwährend von oer Tafel, ehe man sich setzte, zu naschen, sich die besten
Dinge auszusuchen und von dein Weine tapfer einzu- schenken und sich zuzutrinkem Niemand schien ihr Betragen zu bemerken, sie waren gleichsam allein unter dem Schwärme von Höflingen.
Es waren zwei halbwilde mediatisirte Fürstinnen vom Kaukasus, deren Länder Kaiser Nikolaus für den geringen Preis: beide Fürstinnen an seinem Hofe todt- zufüttern, an sich gebracht hatte. Hie und da bildeten sich Gruppen, wo man bald witzelte, bald die Tages- Neuigkeiten besprach, bis der Kaiser erschien.
Hier erwarten unsere Leser vielleicht eine ausführliche Schilderung dieses nun Hingeschiedenen. Doch wir müssen uns darauf beschränken, nur zu sagen, welchen Eindruck seine Persönlichkeit auf uns gemacht. Seinen Charakter, seine Thaten überantworten wir der Geschichte.
Im Kreise seiner Familie und umgeben von Höflingen, wo ihm die gebührende Ehrfurcht und Liebe gezollt wurde, wo Alle zu ihm wie zu ihrer Gottheit auf- blickten, war er der liebenswürdigste Mann, wie er zugleich der schönste seiner Zeit war. Mit der Gestalt eines homerischen Helden verband er einen sanften, alle Herzen gewinnenden Blick, und ein unnachahmliches, wohlwollendes Lächeln hatte er selbst für den Geringsten seines Volkes.
Er wurde daher trotz allem Drucke, unter-welchem das russische Volk geknechnet ist, von diesem angebetet, denn es wußte sehr wohl, daß der Druck meist von den Edelleuten und nicht vom Kaiser ausging.
Als Nikolaus in den Saal trat, gab er durch sein Erscheinen das Signal zum Abendessen. Alle folgten seinem Beispiel und nahmen Platz. Die wenigen Damen blieben in der Nähe der Kaiserin, die, obwohl etwas leidend, doch überaus lebhaft war.
Am untersten Ende der Tafel, nicht weit vom östlichen Eingänge, saß der Kammerherr Golowin mit einigen seiner Freunde. Man sprach von dem abwesenden Djmitry, und Manche äußerten ihr Erstaunen, ihn nicht hier zu sehen.
— Man sagt, er sei auf seine Güter in der Ukraine gegangen, äußerte Golowin der seine Ursachen hatte, ihn verschwinden zu lassen, und diese Abreise, die einer Flucht auf ein Haar ähnlich steht, hat er so schnell und heimlich bewerkstelligt, daß Niemand darum wußw.