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Ws. 40* Hersfeld/ den 17. Mai. L8«S.

Der „Hersselder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben Lei der Expedition (Neumackt Nr. 587) pro Quartal 7| Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postauf­schlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wie­derholungen mit 6 Heller berechnet.

N a d e t ch a.

(Fortsetzung.)

— Reden Sie, Dimitry, — Vertrauen um Vertrauen l Ich habe Ihnen jüngst mein Unglück mitgetheilt, und habe nun auch gerechte Ansprüche, mich Ihres Glückes freuen zu dürfen und gewiß, Sie sollen, eiy^stheilneh- mende Freundin in mir finden.

— Das weiß ich, theure Anna; Sie allein dürfen es hören, denn Sie allein werden es verstehen, was mich des Lebens Höchstes hat erkennen lassen, und was ich erringen muß trotz Vorurtheil und Unsinn. Vielleicht bedarf ich dabei Ihres Beistandes, wenn mein Onkel sich meinen Wünschen nicht geneigt zeigen sollte. Es ist seit Kurzem eine merkliche Kälte zwischen ihm und mir eingetreten.

— Was ich vermag, steht zu ihrem Dienste. Erzäh­len Sie,

Dimitry vertraute seiner Freundin Alles, was wir ihn auf der Insel und später in Jukoffs Hause haben erleben sehen, ja er verbarg ihr nicht, daß keine Andere als Nadescha seine Gattin werden solle.

— Wie wird es aber mit Ihrer Brautwahl aufPre- lucki? sagte Anna. Das wird einen Amazonenkrieg ver­anlassen. Jedenfalls müssen Sie dahin, denn Sie dürfen diese heirathslustigen Schönen nicht alle um ihre Hoffnung bringen.

— Ich könnte ja doch im besten Falle nur Einer Wünsche erfüllen.

— Glauben Sie das nicht, auf diesen Brautwahlen sollen sich gar viele Partien machen. Der Erbe, für den die Brautwahl angeordnet ist, hat freilich die Aus­wahl unter Allen, vielleicht auch unter Denen, deren Herz bereits verschenkt ist; dennoch aber ahmen Viele den Erben scheinbar nach, das heißt, sie wählen sich die Dame ihres HerzenS zum Tanz und auch fürs Leben.

— Auf diese^Art stehen sich die Nachfolgenden viel -besser, als der Erbe, denn sie sind doch wenigstens sicher, nicht ohne ihrer Dame Einwilligung zu wählen. Nur unter dieser Bedingung sollte in Zukunft die Brautwahl Statt finden, wenn sie nicht einem orientalischen Skla- veumarkte ähnlich sein soll.

— So gehe» Sie, die neue Sitte dort einzuführen.

— Mein Herz hat gewählt.

— Ich fürchte, Ihres Onkels Adelstolz wird nicht zu beugen sein. Sie wollen eine S^'-^in zu sich er­heben.

— O Anna, Sie sollten meine Nadescha sehen, dann würden Sie begreifen, daß meine-Grafenkrone für sie noch keine Erhebung ist.

— Nun ja, ich glaube Ihren Worten; sind Sie aber auch ihrer Gegenliebe gewiß? Doch wie kann ich daran zweifeln? Der Muth, ten sie bei Ihrer Rettung an den Tag gelegt, war von der Liebe eingehaucht.

— Das wäre ein sehr schwankender Beweis von Liebe, theure Anna, denn diesen Muth würde sie für jeden Unglücklichen haben, den sie damit erretten könnte. Nein, ihr erster Blick verrieth mir ihre Liebe, durch das reine Himmelsblau ihres Auges blickte ich auf den Grund des Herzens nieder, wo sie mit Flammenschrift zu lesen war.

— Ich bewundere Ihren Scharfblick, mein Freund, und gebe mich gefangen. Nur die von der heiligen Flamme Ergriffenen können in das Mysterium eindrin- gen, wir Anderen sind und bleiben ewig Laien. Doch lassen Sie uns wieder ein wenig auf die Erde zurück­kehren, zu der mein Schmerz mich stets herabzieht. Sie werden Ihren Onkel vor Mitternacht nicht sehen, er wird gewiß dem Souper bei Hofe beiwohnen, das man zu Ehren eines ausländischen Gelehrten giebt. Werden Sie nicht auch von der Partie sein?

— Ich habe einen wahren Ekel vor dem Hofe, ich meine vor den Höflingen. Wenn mau bedenkt, welche erbärmliche Menschenbrnt oft den Herrscher umkriecht, der bei aller Ueberlegenheit doch immer Mensch bleibt, so muß man wirklich erstaunen und Gott auf den Knien danken, daß er Das ist, was er ist,

— Ich an ihrer Stelle könnte mir die Genugthuung nicht versagen, dem ehrenwerthen Kammerherrn, der Ihren Leichnam auf der einsamen Insel einen Fraß der Vögel und der Würmer wähnt, einen panischen Schrck- fen einzujagen.

—• Sie haben nicht Unrecht, Anna, ich bin wohl nicht abgeneigt zu sehen, wie die Memme sich benehmen wird, um meine Studien an dieser Race zu bereichern. Viel­leicht erscheine ich dort auf einen Augenblick, um den