Hcrsfclder A»zeigcr
Rr. S8. Hersfeld/ den 5. April. 1862»
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr. 587) pro Quartal 7^ Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
den Obergerichts-Referendar Carl Ungewitter von Kassel zum Amts-Assessor bei dem Justizamte I. in Fulda zu bestellen, und
dem Obergerichts-Assessor Wilhelm Endemann in Fulda die allerunterthänigst nachgesuchte Entlassung aus dem Staatsdienste zu bewilligen;
den Kreissecretar Orto Süs bei der Regierungs- rommissivn in Schmalkalden in gleicher Eigenschaft zur Polizei-Direction in Marburg,
den Kreissecretar Julius Heinrich Pfeiffer bei der Polizeidirection in Marburg in gleicher Eigenschaft zur Regicrungscomnnssion in Schmalkalden zu versetzen,
dem Regierungs-Referendar Theodor Rohde zu Marburg provisorisch die erledigte Kreissecretarstelle bei der Polizeidirection zu Hanau und
dem Kreisthierarzt Conrad Demme zu Gelnhau- sen die erledigte Kreisthierarzistelle zu Melsungen zu übertragen.
N a d e t ch a.
Original-Novelle von Walburgis Henrichs.
(Aus dem Jllustrirten Familien-Journal.)
(Fortsetzung.)
Wohl einsehend, daß ich — in einem Zustande völliger Apathie lebend — zu einer entschiedenen Einwilligung nicht zu vermögen sein dürfte, überraschte er mich eures Abends in meiner Wohnung, wo ich ihn und einige Freunde bewirthete indem er einen Priester unserer eigenen Kirche einführte. Auf das Zureden meiner Freunde, aus die dringende Bitte Ihres Onkels, ließ ich es geschehen, daß der Priester einen Bund einseg- nete, von welchem mein Herz nichts wußte.
— Was höre ich! rief Timirry.
— Das war ein Frevel, den ich nur zu bald durch den Frevel eines Andern büßen sollte. Mein vermein-
Gatte ist Iwan Alexiewitsch, Fürst aus Prelucki.
Die Hochzeit wurde zwar im Stillen, aber in großen Festlichkeiten mit den Genossen des Bubenstücks gefeiert. Meine Jugend, meine Unerfahrenheit bewahrte mich vor der Ahnung, welche unwürdige Rolle man avich spielen ließ, und noch heute würde ich in dem frotn'mM>Glau- ben leben, daß meine Ehe eine rechtmäßige, -(hah der Priester ein echter gewesen sei, hätte nicht Jwan^Adexie- witsch diesen.Glauben selbst zerstört, indem'^Mr bei unserer Ankunft in Petersburg erklärte':''daß ^AHae nur eine Farce gewesen, die er mit seinen KrHlMp'aufge- führt, !iim meine Arglosigkeit zu täuscheiw^-Hkkr in dem Lande, der Gewalt, wo der Reiche, der Mächtige Alles wag'endarf, hatte er nichts zu fürchten; anders wäre es, wenn .ein- wirklicher Priester die Trauung vollzogen hätte denn dann könnte man ihn der Bigamie bezüchtigen, weil eti schon vermalt ist, was ich allerdings vorher nicht wußte.
Mein erster Entschluß war, den Palast zu verlassen, den er wahrhaft fürstlich für mich einrichten ließ, mich in die Arme meines Vaters zu werfen, an seiner Brust meinen Schmerz, meine Schande auszuweinen und in stiller Demuth, zurückgezogen von aller Welt, mir wenigstens meines Herzens Reinheit zu bewahren. Aber der Vater war gestorben; ich hatte kein befreundetes Herz, dem ich mich entdecken konnte. Sehen Sie, Di- mitry, erst jetzt, erst hier ist der Versucher zu mir getreten, und sein giftiger Hauch hat mich betäubt imb mich in seine Schlingen fallen lassen.
Wenn ich die Welt rings um mich her betrachtete, wo nur das Gold verehrt, die Tugend aber in der Armuth verhöhnt, verkannt, verfolgt und verlästert wird, so hätte ich mehr «Leelenstärke, mehr gereifte Grundsätze besitzen müssen, als man von meiner Erziehung erwarten darr, um meinem Geschick nicht zu erliegen. Ich galt allgemein für die Geliebte des Fürsten, indem ich unbefangen .diesen Palast bezog; ich war an Ueberffuß gewöhnt, und ich lebte in einer Welt, die nwinen Rücktritt zur Armuth, zur Dürftigkeit nicht zu begreifen, viel weniger zu würdigen gewußt hätte. Ich lebe also mit dem Brandmal auf der Stirn, denn ich bin mir meiner Schmach bewußt und habe dennoch eingewilligt, sie zu tragen.
— Es ist noch nicht zu spät, theure Anna, sie abzu- werfen, rief Dimitry, und umfaßte Annas Knie,