Hersfelder Anzelgcr.
Me. 11. HerSfeld, den 4. Februar. 1882.
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Wer GraAer von Gent.
(Aus dem Jllustrite» Familien-Journal.)
(Fortsetzung.)
— Ihr habt befohlen, Herr Graf, sagte der Marquis nach einer ehrfurchtsvollen Verbeugung.
— Ich habe Euch bitten lassen, weil ich die bewußte Angelegenheit endlich zum Abschluß gebracht zu sehen wünsche, antwortete der Graf. Nehmt Platz! Er wies dem Marquis einen Sessel,an, während er selbst auf einem andern ihm gegenüber Platz nahm.
— Wie glücklich würde ich sein, könnte ich meinem erhabenen Monarchen einen günstigen Erfolg meiner Sendung berichten! erwiederte der Marquis emphatisch.
— Ihr seid lange genug in Gent gewesen, fuhr der Graf fort, um die Volksstimmung in Betreff des Bund, niffes, zu dem mich mein Herz und mein Rechtsbewußt- scin drangen, zu kennen.
, — Ich kenne dieses kindische Vorurtheil einer ein« sichtslosen Menge gegen die Gesinnungen Frankreichs, erwiederte der Marquis, aber ich glaube auch voraus- setzen zu dürfen, daß Ihr diesem Vorurtheil die Wür. digung zu Theil werden laßt, die es verdient. Wie konnte es Euch auch hindern, der Stimme Eures Herzens, Eurem selbstherrlichen Willen zu folgen? Seid Ihr nicht Graf von Flandern? Könnt Ihr die Städte nicht zum Gehorsam zwingen, wenn sie wagen sollten denselben zu verweigern?
— Vielleicht, wenn ich mächtig genug bin! versetzte der Graf. Die Verhältnisse in Flandern sind leider andere, als in Frankreich. In Euren Städten ist nie a^as zu Tage gekommen, was sie Bürgerfreiheit nennen,
’n Mr untergeordneter Weise. In Eurem glücklichen Lande ruht die ungetheilte Macht thatsächlich rn Den Handen des Königs. Anders in Flandern. In den flandrischen Städten hat sich im Laufe der Zeit ein reiches und darum mächtiges und anmaßendes Bürger- thum entfaltet, das noch immer auf seine Privilegien
kie es meinen erlauchten Vorfahren im Dränge ungluckseligerzUmstände abgerungen, und das leider noch stark genug ist, seinem Trotze Nachdruck zu verleihen, tauge ich nicht die Gewalt des Schwertes in die
Wagschale werfen kann. Um aber dies zu können, bedarf ich unerschöpflicher Mittel, was die meinen nicht sind.
— Das heißt, Ihr bedürft Geld . . .
— Ich bedarf Geld, um ein schlagfertiges Heer herzustellen, mit dessen Hülfe ich die widerspänstigen Städte zum Bündniß mit Frankreich zwinge. Ist dies geschehen, ist mir der Sekel der reichen Städte geöffnet, dann unterhalte ich dies Herr durch eigene Kraft, als treuer Verbündeter Eures erhabenen Monarchen.
— Und wenn ich Euch im Namen meines Monarchen die gewünschte Subvention verspreche?
— Dann ist unser Pact geschlossen!
— Ich fliege nach Paris, um dem König, meinem Herrn, die glückliche Botschaft zu verkünden! entgegnete der Marquis, die Freude über den errungenen Sieg in den blitzenden Augen. Aber ich muß dem Monarchen die von Eurer Hand geschriebene Bestätigung bringen. Weil ich voraussah, daß Euer Genius über alle Be- denklichkeiten siegen würde, bin ich vorgesehen. Es bedarf nur der Ausfüllung der offen gelassenen Stellen, und dieser Vertrag wird genügen.
Der Marquis zog ein zusammengefaltetes Papier aus seinem Gewände, das ihm der Graf hastig aus- der Hand nahm.
— Gut, gut! sagte der Graf, nachdem er das Docu- ment gelesen. Schreibt die Zahlen hinein, welche ich Euch nennen werde, und dann eilt nach Paris.
In wenig Minuten war der Vertrag vom Grafen unterzeichnet und besiegelt, der Vertrag, welcher dem Könige von Frankreich gegen das Versprechen einer namhaften Geldhülse und der Bestätigung seiner Landeshoheit die bewaffnete Unterstützung Flanderns in dem Kriege gegen England und dessen etwaige Verbündete verhieß, der Vertrag, mit welchem der Graf der großen Mehrheit seines Volkes den Fehdehandschuh vor die Füße warf.
VI.
Im Hause des Brauers ging Alles seinen gemessenen Gang, der durch Hendricks Eintritt in dasselbe keineswegs unterbrochen ward. So bewegt das Leben im Hinterhaus war, wenn der Brauher unter seinen Knechten und Siedepfannen wirthschaftete so einsilbig und