Hersfel-cr Anzeiger.
Nr. 8. Hersfeld, den 25. Januar. 180*
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Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
dem Obervorsteher des ritterschaftlichen Stifts Häufungen wie Wetter von Milch ling das Ritterkreuz des Kurfürstlichen Welhelms - Ordens zu verleihen.
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Der Mrauer von Gent.
(Aus dem Jllustriten Familien-Journal.)
(Fortsetzung.)
— Jenes alte Gesetz läßt sich doch abschaffen! unterbrach ihn der Andere ungeduldig. r
— Vielleicht umgehen — ich sage vielleicht! antwortete der Brauer nach kurzem Sinne».- Doch wurde diese Frage zu anderer Zeit zu erörtern sein, wenn — nun ja, wenn wir durch die Umstände dazu getrieben werden sollten, einen Schritt weiter zu gehen. Für jetzt handelt es sich darum, dem König von Frankreich die Hülfe Flanders zu entziehen. Für mehr kann-und will ich mich nicht verbindlich machen, weil ich nicht mehr versprechen mag, als ich leisten zu können gewiß bin.
— Ich mag eure Vorsicht nicht tadeln, fuhr Jener fort, und doch, verzeiht mir, erscheint sie mir nicht völlig gerechtfertigt. Gesetzt auch, der Graf fügte sich dem entschiedenen Willen der Städte, kein Bündnis; mit Frank- reich einzugehen,. würde er mit dem besten Willen ver. mögen die Neutralität des Landes aufrecht zu erhalten? Die Lage Flanderns bringt es mit sich, daß die Wogen des Kriegs sich über seine Grenzen ergießen müssen, und ich brauche Euch nicht zu sagen, daß der Parteilose, der sich zwischen zwei Parten stellt, oder auf die Arena des Parteienkampfes geräth, in der Regel am meisten zu leiden hat. Als Englands Verbündeter würde Flandern mächtig genug sein, seine Grenzen gegen feindliche Einfälle zu schützen; ob es durch eigene Kraft dies vermöchte, überlasse ich Eurer eigenen einsichtsvollen Beurtheilung.
— Wir sind ermächtigt, Euch Englands Hülfe, so viel Ihr deren begehrt, zu versprechen, fügte Ralph Sprmg- wood hinzu.
— Seid versickert, daß wir nicht säumen werden, sie amusprecheu, sollten wir sie bedürfen, entgegnete Arte- Velde. Vielleicht zwingt uns die Nothwendigkeit bald dazu; wer will es wissen! Ich vermesse mich nicht, heute vorauszusagen, wie es morgen sein wird. Dazu bin ich ein zu swlichter Mann!
— Erlaubt uns, daß wir anders von Euch denken!
— Ich kanns nicht hindern. Wessen ich mich rühmen kann — daß mein Wort in Gent einen guten Klang hat — hab ich Euch zngestanden. Daß ich dies Wort benutzen werde, um den Bund mit Frankreich zu hintertreiben, hab ich Euch versprochen, und daß ich für den Fall der Noth zu einem Bündniß mit England rathen werde, verspreche ich Euch ebenfalls, wenn Euch daran gelegen ist. Habt Ihr mehr bei dem Brauer von Gent gesucht, so thut es mir leid, daß Ihr Euch getäuscht.
— Euer Versprechen genügt uns, und so" kehren wir mit guter Botschaft nach England zurück. Wir scheiden mit der Ueberzeugung, mit der wir gekommen: daß Ihr ein kluger Mann seid!
— Was Eure Rückreise betrifft, fuhr Artevelde fort, das Kompliment überbörend, so werde ich Euch einige zuverlässige Leute zum Geleite geben, die Euch ungefährdet nach Brügge bringen werden. Es trifft sich zufällig, daß mein Sohn Philipp dieselbe Straße zieht. Vielleicht ist Euch seine Gesellschaft genehm. Es ist nicht zu fürchten, daß die überstandene Gefahr sich wiederhole.
Richard Lynd oder der Graf von Artois, wie der Brauer ihn genannt, errö'hete flüchtig und sprach seinen Dank aus für die genossene Gastfreundschaft.
Bald darauf saßen die beiden Fremden zu Rosse, und ein Dutzend tüchtig bewaffneter Knechte, ebenfalls beritten, warteten des Zeichens zum Anfhruch. Philipp von Artevelde nahm noch Abschied vom Vater, welcher durch ein -Scherzwort dem Sohne das Scheiden zu erleichtern suchte, was ihm aufS Beste gelang. Nun saß auch der junge Artevelde im Sattel und klopfte sein muthig wieherndes Rößlein auf den Nacken; die Fremden winkten Gruß und Lebewohl, und im nächsten Augenblick war der Zng den Blicken des Brauers entschwunden. Dieser wischte sich eine verstohlene Thräne aus dem Auge, und wandle.dem alten Dirks ein unbefangenes Gesicht zu, als sei nichts geschehen.