Hersscldcr Anzelgcr.
Rp. S. Hersfeld/ den 8. Januar. S8G2.
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nr, 587) pro Quartal 71 Sgr. bei den Postanstalten kommt der übliche Postauf chlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und'die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wie- erholunZen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst Men allergnädigst geruhet:
den Legationsrath Wilhelm von Trott zu Aller- höchstJhrem Kammerherrn zu ernennen.
den Generalstabsarzt der Armee, Dr. Schier mit Pension ausscheiden zu lassen, den Hauptmann Bauer, vom 1 Infanterie-Regiment (Kurfürst) zum Schützen-Bataillon zu versetzen.
Der Mraner von Gent.
Historische Original Novelle von Ludwig Köhler.
(Aus dem Jllustriten Familien-Journal.)
(Fortsetzung.)
Die drei Fremden wurden eine verfallene Treppe hinauf und in ein ziemlich anständiges Zimmer geführt, das ihnen Claessens als gemeinschaftliche Nachtwohnung anwies, da, wie er entschuldigend hinzufügte, der „Löwe von Flandern" leider in seinen Räumlichkeiten beschränkt sei, und er so vornehme Herrschaften doch nicht in Dachkammern einquartiren könne oder wolle.
Kaum hattte der Wirth mit seinen Gästen die Schänkstube verlassen, als der spätere Ankömmling aufgesprungen war, ein Fenster geöffnet und durch dasselbe einen leisen, eigenthümlichen Pfiff hatte ertönen lassen. Im Nu hatte sich das Gemach mit etwa einem Dutzend dunkler, wildaussehender Gestalten gefüllt, die sich um Jenen drängten und eine Mittbeilung zu empfangen schienen, welche sie mit einem beifälligen Gemurmel beantworteten.
Uorens Claessens, der in diesem Augenblicke zu- rückkehrte, schien durch diesen zahlreichen Besuch nicht überrascht, wohl aber mürrisch und übelgelaunt, denn verdrießlich murmelte er ein: „Nun ja doch!" als die Neanner Wein begehrten, und setzte dann die gefüllten Kannen schweigend auf den Tisch, um den Jene zum Therl geräuschvoll Platz genommen.
— Was ist Euch über die Leber gelaufen, Claessens? fragte der erste der späten Gäste, welcher die Rolle des Anführers zu spielen schien. Dächte schier, Ihr solltet
Euch freuen über den reichen Fischzug, den der „Löwe von Flanderns heute gethan!
— Reicher Fischzug! brummte der Wirth. Verlohnt sich nicht devMühe. Zwei arme Schlucker von Krämern, die in Brügge bei einem Bankerott ihr Vermögen verloren haben, und ein fahrender Student oder Notar, der in Gent sein Glück zu machen denkt.
—i Ihr betrügt uns nicht, Claessens! rief, Jener. Arme Wanderer haben nicht so stattliche Rosse, und wann hätte ein fahrender Student je einen so gewichtigen Mantelsack gehabt?
— Bücher, nichts als Bücher; gebe keinen Florin dafür! antwortete Claessens.
— Wollen sehen, wollen in den Büchern studiren! lachte der Andere. Weisheit.ist ein gut Ding! Wir wollen uns Weisheit holen aus den Büchern des Studenten ! Vielleicht sehen wir dann ein, daß Ihr uns nicht betrügen wollt, Meister Claessens!
— Pfui, Willems! rief der Wirth dagegen. Ich Euch betrugen! Wählt Eure Ausdrücke besser, wenns Euch gefällig ist. Ich habe den Fremden nicht in den Sekel gesehen, und berichte nur, was ich von ihnen selbst weiß. Aber wären sie auch reich wie Krösus, im „Löwen von Flandern" soll nichts passireu, was mir die ganze Grafschaft auf den Hals hetzen müßte, zumal der junge Mann mit dem Brauer von Gent befreundet ist. Es war Bedingung, daß mir das Hans rein gehalten würde; unter dieser Bedingung habe ich Euch geduldet und Euch Zuflucht gegeben, Wenns Euch an Kragen und Leben ging.
— Hört nur, er hat uns geduldet! lachte Willems. Die Pest über Dich! Haben wir Dir nicht jeden Dienst reichlich bezahlt? Und wer hat mehr Gewinn von unserm Handwerk, Du oder wir?
— Wir wollen das nicht untersuchen, versetzte Clacs! sens, obwohl ich nicht damit sagen will, daß ich reich dabei geworden wäre. Gewiß ist aber, daß unser Pact dahin lautet, daß keinem Fremden in meinem Hause ein Haar gekrümmt werden soll. Dadurch hat der „Löwe von Flandern" bis jetzt seinen guten Ruf behauptet; es wäre aber um ihn geschehen, wenns ruchbar würde, daß ein Raub innerhalb seiner vier Pfähle vorgefallen und noch dazu an Reisenden, die mit Jacob von Artevelde bekannt und verwandt sind. Ich möchte lieber den Gra-