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Hersfeld, den 1. Januar.
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Neujahrs^ Gedicht.
So ist das alte Jahr verschwunden,
Als w'e ein flüchtiges Geschrei.
Wie plötzlich rauscht die Zeit vorbei! Wie rollend stürzen sich die Stunden! Wie bleibet von dem alten Jahr Nichts, als das Angedenken, dar!
Wohl dem, der es wohl angewendet,
Und erst den Anfang gut gemacht, Hiernächst das Mittel wohl vollbracht, Und dann den Schluß auch wohl vollendet! Wohl diesem der den Lasterpfad Zu seiner Nachreu, nie betrat!
Allein wie wenig sind zu finden, Die das unschätzbar theure Pfand, Die Zeit stets löblich angewandt, Ohn allen Vorwurf schnöder Sünden? Wie wenig? O es heißt vielmehr: Wenn es auch nur ein einiger wär.
Ich muß mich auch, mein Gott, verklagen: Gedenk ich der verwichnen Zeit, Muß ich, vor Scham und Herzeleid, Die blöden Augen niederschlagen, Und mein Gewissen zeigt mir an, Daß ich gar selten Guts gethan.
Ward gleich ein guter Vorsatz rege; So machte mich doch Fleisch und Blut, Das stets zum Bösen Vorschub thut, Zur wirklichen Vollziehung träge. Ich wußt und lobte meine Pflicht; Doch dabei bliebs, ich that sie nicht.
Und also ist das Jahr vergangen, Indem ich täglich emsig bin, Nach deinen: offenbarten Sinn, Ein heilig Leben anzufangen; So ward der Anfang stets gemacht, Der Fortgang aber nie vollbracht.
Ach Herr! vergieb mir dieß Verbrechen, Ich zeig es offenherzig an, Daß ich die Zeit nicht wohl verthan, Und suche mich nicht frei zu sprechen, Deck mit der Größe deiner Huld Die Größe meiner schweren Schuld!
Gedenk nicht mehr der alten Sünden, Was schon geschehn, ist nun vorbei;
Mach mit dem neuen Jahr mich neu, Und laß mich neue Gnade finden; Verneure Giauben, Herz und Sinn, Und nimm die alte Trägheit hin.
Laß mich die Zeit nicht schlimm verschwenden; Gieb vielmehr Kraft, sie jederzeit.
Zu meines Nächsten Nutzbarkeit, Und deinen Ehren, anzuwenden, Damit ich einst verrechnen kann, Was ich in diesem Jahr gethan.
Schick deinen Segen aus der Höhe, Erleuchte Willen und Verstand, Daß jedes Werk von meiner Hand Beglückt und wohl vonstatten gehe, Und niemals eine späte Reu Der Ausgang meiner Thaten sei.
Laß mich, bei jeglicher Minuten, Und jedem Viertelstundenschlag, Auch fleißig, meinen Sterbetag, Der immer näher rückt, vermuthen, Daß er mich nicht zur Höllen reißt, Wenn er sich unvermuthet weist.
Soll dieses Jahr, nach deinem Willen, Das letzte meines Lebens sein, So wirst du mir selbst Kraft verleihn, Denselben also zu erfüllen, Daß sich dein Ruhm dadurch erhöh, Und mir mein Heil daher entsteh!
Ach! wie der Baum fällt, bleibt er liegen: Gieb dann, daß ich wohl fallen mag;